Der Mann vom Arbeitsamt setzt sich auf ein Bett, legt Formulare vor sich auf einen Tisch und sagt: "Mein Name ist Andre, ich komme von der Agentur für Arbeit – äh, versteht ihr mich?" Sieben junge Männer drängen sich in dem engen Zimmer, im Hintergrund läuft leise ein Fernseher. Es ist völlig klar, dass die meisten hier ihn nicht verstehen. Deshalb ist ein Sozialarbeiter der Caritas da, der Arabisch spricht und Andre Kostovs Worte übersetzt. Die jungen Männer kommen aus Syrien und Marokko, das Dresdner Sozialamt hat sie in dieser Plattenbauwohnung einquartiert. Kostov fragt die Männer nach ihren Berufen, dann formuliert er seine wichtigste Botschaft: "Was ihr unbedingt braucht, bevor ihr arbeiten könnt, ist ein Deutschkurs!" Er wiederholt das ein halbes Dutzend Mal. Deutsch. Deutsch. Deutsch. Und jedes Mal fügt er hinzu: "Ich kann aber nichts für euch tun, wir haben keinen Deutschkurs."

So beginnt für viele Flüchtlinge die erste Begegnung mit dem deutschen Arbeitsamt. Es ist eine frustrierende Erfahrung. Denn Deutschland ist bisher nicht darauf vorbereitet, Hunderttausende Flüchtlinge aufzunehmen – auf Dauer, als Einwanderer, die irgendwann auch arbeiten wollen. Die Aufgabe, 800.000 Menschen mit einem Schlafplatz zu versorgen, mit Essen und Kleidung, ist gewaltig. Viele Kommunen sind damit überfordert.

Aber diese Aufgabe ist klein im Vergleich zu jener, 800.000 Menschen eine Zukunft zu geben. Ihnen den Weg zu einem Job zu ebnen und zu einem eigenen Einkommen. Viele Flüchtlinge werden auf Dauer bleiben. Mindestens die Hälfte, schätzen Experten. Diese Menschen wollen einen Platz nicht nur am Rande der Gesellschaft, sondern in ihrer Mitte, nicht als Bittsteller, sondern als Bürger, die für sich selbst sorgen und sich von ihrem eigenen Geld Kleidung kaufen können.

Die Voraussetzungen dafür, dass das gelingt, scheinen eigentlich optimal: Firmen in Deutschland klagen über Fachkräftemangel, Arbeitgeberverbände werben für mehr Zuwanderung, auch die Gewerkschaften machen mit. Schließlich zeigen Prognosen, dass ohne Zuwanderer bis zum Jahr 2050 etwa 14 Millionen Arbeitskräfte verschwinden, allein aus demografischen Gründen. Deshalb gibt es – trotz der erschreckenden Attacken auf Asylunterkünfte – eine durchaus verbreitete Hoffnung, ja eine fast euphorische Erwartung: Die jungen Flüchtlinge könnten helfen, unser Demografieproblem zu lösen und die Renten zu finanzieren. Sie gefährden nicht den Wohlstand, sie werden ihn mehren.

Wenn man jedoch Leute wie Andre Kostov begleitet, sieht es überhaupt nicht danach aus. Der studierte Politikwissenschaftler kämpft praktisch an vorderster Front dafür, dass Asylbewerber eine Chance bekommen, sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Kostov wirkt im Modellprojekt "Early intervention" (frühe Intervention) mit, das zum Ziel hat, Flüchtlinge schnell in Arbeit zu bringen. Bisher war die Asylpolitik davon geprägt, die Neuankömmlinge von deutschen Arbeitsplätzen fernzuhalten, doch langsam setzt ein Umdenken ein, und jetzt öffnet sich die Tür für sie – allerdings nur einen Spalt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

Bei Kostovs Besuch in der Plattenbausiedlung berichten ihm die Flüchtlinge von ihrer Berufserfahrung: Einer sagt, er habe Schmuck hergestellt, ein anderer reparierte Autos, ein Literaturwissenschaftler ist dabei, ein Tierarzt und Faradsch Alabrasch, ein syrischer Fleischer – so übersetzt es jedenfalls der Sozialarbeiter. Als Kostov den Syrer fragt, ob er auch mit Schweinefleisch arbeiten würde, stellt sich das als Missverständnis heraus: Wieso Schweinefleisch? Ich bin Schweißer! Das Gespräch hat seine komischen Momente, doch bitter ist, wie wenig Kostov für die Flüchtlinge tun kann. Keiner von ihnen spricht mehr als ein paar Brocken Deutsch. Dabei lebt Alabrasch schon seit mehr als einem Jahr in Deutschland.

Das Problem ist: Die Arbeitsagentur darf nur berufsbezogene Sprachkurse fördern, die setzen aber auf einem viel zu hohen Niveau an. Anfängerkurse finanziert das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration aber in der Regel nur für diejenigen, deren Asylverfahren abgeschlossen ist – was Monate und Jahre dauern kann. Und für einen Kurs auf eigene Kosten fehlt den Flüchtlingen schlicht das Geld. In der Wohngemeinschaft, die Kostov besucht, versuchen sie sich selbst zu helfen, der Veterinär hat ein paar Zettel an die spärlichen Möbel gehängt: "der Schrank" steht darauf oder "das Regal". Einige Dresdner bieten auch ehrenamtlich Deutschunterricht an. Aber nur wenige Stunden pro Woche. "Only two hours, no good", klagt einer der Syrer auf Englisch. "I know, but I can’t help it", antwortet Kostov – er könne nichts tun.