Was sind das für Menschen? Diese Frage stellt sich angesichts der Bilder und Berichte von den Flüchtlingsströmen der letzten Monate. Und damit meine ich nicht die rassistischen Mobs oder die sprachlichen Gewalttäter in Boulevard und Politik – sondern jene "swarms of people", wie der britische Premier David Cameron die nennt, die er nach guter alter Fuchsjagd-Tradition mit Spürhunden jagen lässt.

Können wir uns überhaupt vorstellen, was das für Menschen sind, die aus Verzweiflung auf unsicheren Wegen ihre Heimat und ihre Familie verlassen, die irgendwann irgendwo stranden, um dann auf Mülldeponien und im Schmutz notdürftig ihre Zelte aufzubauen?

Ich bezweifle, dass wir überhaupt schon begriffen haben, um was für Menschen es sich handelt. Ja, ich bezweifle, dass wir überhaupt verstehen wollen, was eine Flucht ins Ungewisse bedeutet. Es scheint fast so, als wollten wir sie nicht verstehen, diese Menschen und ihre Gründe, wenn wir in unserer Verwirrung nach den individuellen Motiven ihrer Flucht fragen, um so für ein wenig Ordnung und Selbstbeschwichtigung zu sorgen.

Beobachtet man jedenfalls die öffentliche Diskussion, so zeigt sich ein heilloses Durcheinander unterschiedlicher Einschätzungen nicht nur an den politischen Rändern, sondern selbst innerhalb der politischen Regierungsmitte, in Deutschland also zwischen christdemokratischen Neoliberalen und ihren sozialdemokratischen Gehilfen. Anstelle klarer Positionen ist eher eine Debatte darüber zu verfolgen, wie Asylbewerber in Wirtschaftsflüchtlinge einerseits und Kriegsflüchtlinge andererseits aufgeteilt werden könnten – womit dem "massenhaften Asylmissbrauch", so der christliche und soziale Sprachgebrauch, ein Riegel vorgeschoben werden könnte.

Technokratische Einigkeit herrscht nur über die Notwendigkeit einer solchen Unterscheidung – ganz unterschiedlich verteilt ist jedoch das Verständnis für die Probleme der Flüchtlinge oder die "Sorgen der Bevölkerung", die sich in konsequenter Weiterführung der Abschreckungspolitik der westlichen Regierungen in Herrenmenschenschwärmen à la Pegida oder zuletzt vermehrt im Abfackeln von Flüchtlingsheimen Ausdruck verleihen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

Die gesamte Unterscheidung von Wirtschafts- versus Kriegsflüchtlingen ist eine verlogene – oder genauer: Sie hat vornehmlich eine ideologische Funktion. Sie macht es den einzelnen Bürgern, den gutmeinenden Liberalen nicht anders als dem rassistischen Mob, und den von ihnen gewählten Politikern möglich, eine grundsätzliche Tatsache zu ignorieren: Denn weiterhin wird fast ausschließlich unter der Annahme argumentiert und agiert, dass wir in einem liberalen kapitalistischen Wirtschaftssystem leben, in dem eigentlich alle ihre Chancen haben.

Dieses hegemoniale Axiom unserer politischen Ökonomie wie der ökonomisch orientierten Politik ist sowohl politisch als auch ökonomisch falsch. Politisch oder geopolitisch hilft schon ein kurzer Blick auf die Faktenlage, etwa bezüglich der von Kriegen und Bürgerkriegen auch ökonomisch zerrütteten Herkunftsländer der allermeisten aufgenommenen Flüchtlinge: Syrien, Afghanistan, Irak, Pakistan, Ukraine et cetera. Angesichts der humanitären Katastrophen, die diese Kriege mit sich bringen, können einzelne humanitäre Aktionen nur eine lokale Linderung des schlimmsten Leids bewirken.

Und der gut gemeinte Hinweis, dass in einem zweiten Schritt die Kriegstreiber in den jeweiligen Ländern in die Verantwortung genommen werden müssen, führt in die Irre. Denn die vermeintlichen Kriege der anderen sind immer auch unsere Kriege: Die von uns gewählten Regierungen haben sie angezettelt, und wir (wir alle!) sind die Kriegsgewinnler der ökonomisch motivierten geopolitischen Aktivitäten des weiterhin – gerade noch irgendwie, mit Ächzen und Krächzen – hegemonialen Westens.