Vor ein paar Jahren habe ich Menschen dabei beobachtet, wie sie auf Franz Beckenbauer warten, und ich muss sagen: Das war ein kurioser Vorgang. Das Ganze ereignete sich in einem Fernsehstudio in München-Ismaning, die Teilnehmer einer Diskussionsrunde zum Thema Fußball hatten sich zu einer Vorbesprechung der Sendung versammelt, aber ihr Gespräch wollte nicht recht in Gang kommen. Der frühere Fußballmanager Reiner Calmund saß schwitzend auf einem Sofa, der frühere Chefredakteur Claus Strunz tigerte aufgeregt durch den Raum, der Moderator war auch schon da – und jede Menge Assistenten, die Mikrofone ausprobierten. "Der Franz hat etwas Verspätung", sagte einer der Assistenten, "der Franz kommt gleich", meinte ein anderer. Reiner Calmund begann, wild zu telefonieren, Claus Strunz versuchte sich an Gesten demonstrativer Lässigkeit, und ein Assistent sagte: "Seltsam, dass der Franz nicht kommt."

Als Beckenbauer schließlich die Treppe zum Besprechungsraum hinauflief und oben eintraf, reichte ihm ein Helfer sofort einen Becher mit Kaffee, in den er exakt die Dosis Milch gekippt hatte, die Beckenbauer sich wünscht. Ich kannte Beckenbauer vorher nicht persönlich, ich war ihm noch nie begegnet, und ich wunderte mich über seine Schwerelosigkeit. Braun gebrannt stand er da, sehr schlank, sehr elegant, in einem Cordjackett, das bei anderen Menschen so ausgesehen hätte, als hätten sie gleich das Treffen eines Kleingartenvereins zu leiten.

Ungefragt erzählte Beckenbauer vom Wetter in Salzburg, wo er lebt, von seinen Erlebnissen auf Golfplätzen, lauter Banalitäten, aber die anderen im Raum hörten so aufmerksam zu, als habe Beckenbauer ihnen gerade eine neue Dimension des menschlichen Daseins eröffnet. Leise sprach er, zurückgenommen, wie jemand, der sich bedenkenlos am Rand bewegen kann, ohne jemals seine zentrale Position zu gefährden. Auch seine Autorität schien zu schweben. Er musste nur da sein, und schon gehörte der Raum ihm.

Offen bleibt die Frage: Ist er korrupt, oder war er es mal?

"Servus, i bin dä Franz", sagte er zu mir, damals im Juni 2012, und ich nehme an, dass er mich zunächst für einen Assistenten der Sendung hielt. Später blieb er noch einmal neben mir stehen. Ein Journalist hatte ihn gerade darum gebeten, ein paar hübsche Erinnerungen an einen früheren Spieler des FC Bayern in eine Kamera zu sprechen. Irgendetwas daran stimmte ihn missmutig. "Immer wollen’s nur was von früher von mir", sagte Beckenbauer zu mir, und ich entgegnete: "Bei mir fängt’s auch schon so an." Ich wollte bloß einen Scherz machen, aber Beckenbauer sah mich an, als hätte er eine Bestätigung für seine Diagnose erhalten.

Danach wurde er sofort in ein Gespräch gezogen, das ohne ihn nicht auszukommen schien. Während die anderen lachten, stand Beckenbauer an der Fensterfront. Er schaute freundlich hinaus in den wolkenverhangenen Sommer. "Ja", sagte er hin und wieder, "freilich." Gelegentlich ein feines Räuspern. Calmund begann mit einer verwickelten Geschichte aus Südamerika, erzählte etwas Mysteriöses über Koffer voller Geld, die er während einer Reise nach Brasilien in ein Hotelzimmer geschleppt hatte. Irgendwann waren die Koffer leer, das Geld hatte den Besitzer gewechselt. Calmund erzählte, er sei so nervös gewesen in der Nacht vor jenem Deal, dass er von dem Geräusch eines anspringenden Kühlschranks geweckt worden sei. Das war eine perfekt gesetzte Pointe, und alle lachten. "Franz, das könnte dir nicht passieren, was?", fragte einer der Männer, und Beckenbauer lächelte in sich hinein. "Franz, von solchen Geschäften verstehst du nichts, oder?", setzte ein anderer nach. Beckenbauer spreizte einen Finger ab und erwiderte: "Ich? Aber nein", und der Raum war erfüllt von dem glucksenden Lachen der Männer. Der große Ahnungslose schaute weiterhin aus dem Fenster, ganz im Frieden mit sich und der Welt. Nie zuvor habe ich jemanden so galant über etwas hinwegschweigen sehen, wofür gewöhnliche Menschen vielleicht so derbe Wörter wie Korruption verwenden würden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

Es wird wieder viel über Franz Beckenbauer gesprochen und geschrieben, jetzt, da er bald – am 11. September – 70 Jahre alt wird. Es gibt kaum noch etwas Wesentliches, das man dem Bild vom sogenannten Kaiser hinzufügen könnte. Offen bleibt jedoch die Frage: Ist er korrupt, oder war er es mal? Dahinter verbirgt sich eine größere Frage: Wollen wir das überhaupt noch über ihn wissen? Oder wollen wir ihn entkommen lassen?

Die 90-minütige Beckenbauer-Dokumentation, die am Sonntagabend, 6. September, auf einem der besten Sendeplätze in der ARD ausgestrahlt wird, ignoriert diese Frage, der ganze Film verzichtet auf investigativen Ehrgeiz. Der Regisseur Thomas Schadt hat Beckenbauer mehr als ein Jahr lang beobachtet und begleitet – und lässt ihn entkommen. Er feiert ihn, eher ungewollt. Liegt das an journalistischem Desinteresse, an Hilflosigkeit, oder steckt dahinter eine notwendige Kapitulation vor einer deutschen Instanz?