Wie sie die Elbe in Richtung Hafen hinaufgleitet, könnte man sie für ein Kriegsschiff halten – hoch aufragend, in Tarnbeige, mit martialischen Aufbauten: die Alexander von Humboldt. Sie zieht am Anleger Teufelsbrück vorbei, zielstrebig ihrem Einsatzort entgegen: dem Köhlbrand, einem dieser unzähligen Wasserarme im Hamburger Hafen. Es ist eine Art Kampfeinsatz, den die Humboldt hier fährt – ein Einsatz im Kampf gegen den Schlick.

Wenn sich zu viel Schlamm im Hafen festgesetzt hat, schickt die Hafenverwaltung Baggerschiffe wie die Alexander von Humboldt los: Seitlich aus ihrem Schiffsrumpf taucht ein riesiger Saugarm mit Schaufel auf, der sogleich unter Wasser verschwindet, dann wieder über dem offenen Laderaum einschwenkt, damit sich der graubraune Schaufelinhalt tosend wie ein Wasserfall in den Schiffskörper ergießt. 9000 Kubikmeter die Stunde.

Bislang interessierten sich für die Humboldt und ihre Arbeit vor allem Fans von Saugbaggerschiffen und Hafeninsider. Erst die Queen Mary 2 hat es geschafft, den Schlick in diesen Tagen zum Politikum zu machen.

Königin muss umparken, titelten die Zeitungen vergangene Woche. Ausgerechnet die Queen Mary 2, das Lieblingskreuzfahrtschiff der Hamburger, kann vor lauter Schlamm nicht mehr an ihrem angestammtem Platz in der HafenCity anlegen. Sie muss am wesentlich weniger glamourösen Terminal in Steinwerder, tief im Industriegebiet, festmachen. Kein gutes Bild für eine Stadt, die sich als Kreuzfahrt-Metropole verkauft. Erst recht nicht zu den Hamburg Cruise Days, wenn insgesamt sieben der großen Kreuzfahrtschiffe kommen sollen – und Hunderttausende Menschen, um sie zu bestaunen.

Auch die Hafenunternehmen beschweren sich jetzt öffentlich: Sie klagen über Umschlagrückgänge, weil sie von voll beladenen Schiffen nicht mehr angefahren werden können. Ein Unternehmen hat die Hafenbehörde sogar verklagt: Man solle endlich dafür sorgen, dass das Wasser wieder tief genug ist. Hamburgs Tor zur Welt droht im Elbschlick zu versinken.

Dabei ist das Phänomen so alt wie die Gezeiten selbst: Mit jeder Flut werden aus der Elbmündung Sedimente flussaufwärts in Richtung Hamburg gespült – und bei Ebbe zurück ins Meer gezogen. Doch überall, wo die Strömungsgeschwindigkeit geringer wird – also vor allem in Flussnebenarmen oder Hafenbecken –, lagert sich Schlick ab.

Wenn es im Sommer wenig regnet, verschärft sich das Problem. Dieses Jahr ist es ist besonders trocken gewesen. Die Elbe führt so wenig Wasser wie seit 51 Jahren nicht mehr. Die "Spülwirkung" des Flusses ist deshalb schwächer als normalerweise.

Seit Ende Juli lässt die Hafenbehörde deshalb wieder tonnenweise Schlick aus dem Hafen baggern. Vor allem im Köhlbrand. Dort müssen die großen Schiffe besonders aufpassen: Ist der Wasserstand zu niedrig, laufen sie auf Grund. Ist er zu hoch, passen sie nicht unter der Köhlbrandbrücke hindurch. Nirgendwo sonst im Hafen sind die Baggerarbeiten so wichtig wie hier.

Nur, wohin mit dem verflixten Schlick?

Das Problem: Die Stadt hat immer weniger Möglichkeiten, all den ausgebaggerten Schlick zu entsorgen. Gleichzeitig sammelt sich in den letzten Jahren immer mehr davon im Hafen an.

Von Letzterem jedenfalls sind Umweltschützer überzeugt. Sie geben den vielen Elbvertiefungen die Schuld daran. So ist der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser immer größer geworden. Weshalb das Wasser bei Flut viel stärker und schneller stromaufwärts drückt und mehr Sedimente aus der Nordsee in die Elbe und ihre Nebenarme spült. Umgekehrt fließt der Ebbstrom in Richtung Meer langsamer, die Ablagerungen werden nur noch zu einem kleinen Teil mitgerissen und abtransportiert. Die Folge: Im Hafen türmen sich die Schlammberge immer höher auf.