Rad- und Autofahrer: Es wird eng in Deutschlands Städten. © Sean Gallup/Getty Images

Freiheit, was für ein großes Wort, dabei ist sie so billig zu haben, man stelle sich nur folgende Szene vor: ein Mensch auf dem Fahrrad, auf dem Heimweg. Am Hamburger Hauptbahnhof biegt er ab, in eine überfüllte Straße namens Lange Reihe, bei Spätgelb, vielleicht auch schon bei Rot, stört aber keinen. Die Straße ist leicht abschüssig, der Mensch, der sonst so viel Zeit drinnen verbringt wie ein Bücherregal, kann endlich all die aufgestaute Energie aus seinem Körper lassen, er fühlt sich fähig, mit jedem um die Wette zu fahren. Ohne zu bremsen, schlängelt er sich durch eine Reihe Autos, klingelt, quetscht sich durch Lücken, nur der Bus ist zu breit, um ihn zu überholen, aber kein Problem. Flinker Sprung auf den Gehweg, zwischen Fußgängern hindurch, am Café Grüneberg wird’s zu eng, zurück auf die Straße.

Hier muss es passiert sein.

"Ich stand mit dem Auto in zweiter Reihe auf Höhe Lange Reihe 84. Vor dem Grüneberg. Ich hab Leergut von zu Hause geholt und bin eingestiegen. In dem Moment überholte mich ein Radfahrer", liest Joel V. von seinem Zettel ab. Sicherheitshalber hat er alles aufgeschrieben.

Denn, aus welchem Grund auch immer: Die harmlose Situation geriet in eine Schieflage. Erst war sie nur ein bisschen schief. Dann wurde sie unappetitlich. Dann brutal. Und jetzt ist Joel V. hier: im Amtsgericht Hamburg-St. Georg, Saal sechs.

Es ist ein Tag im späten Juni, aber Joel V. zieht selbst drinnen in Saal sechs seine Daunenweste nicht aus. Er ist ein kleiner Mann Mitte 30, elegant gekleidet, mit geschliffenen Manieren und akkurat gestutztem Bart. Joel V. betreibt ein Restaurant, sein Auftreten: professionell freundlich. Neben ihm sitzt sein Verteidiger, ein Anwalt mit dem Gemüt eines Terriers. Sein Mandant wolle eine Erklärung verlesen, hat er gerade in den Saal gebellt und mit kleinen, wütenden Stampfern den Linoleumboden zum Quietschen gebracht. Nun liest Joel V. vor, wie er damals, fast ein Jahr her, seinen Range Rover im Feierabendverkehr in zweiter Reihe parkte. Und wie sich dann dieser Fahrradfahrer an ihm vorbeifädelte.

"Ich hab ihn wieder überholt, da hat er mich bespuckt. Ich dachte nur: Was stimmt denn nicht?", sagt Joel V. "Dann hab ich nach vorne geguckt, und da stand ein Fußgänger." Wie aus dem Nichts, mitten auf der Fahrbahn. "Deshalb bin ich in die Eisen."

Joel V. wirkt im Gericht immer noch empört, als er sich an die Reaktion des Fahrradfahrers hinter ihm erinnert. Der sei wohl unaufmerksam gewesen oder überfordert, jedenfalls habe er nicht schnell genug auf Joel V.s Vollbremsung reagiert und sei ihm krachend ins Heck gefahren. "Er sagte zu mir: 'Du wirst schon sehen, was du davon hast.' "

Das klingt nach einem frechen Fahrradfahrer. Rotzfrech. Nach einem "Spucker", wie ihn die Bild- Zeitung sogleich taufte, und natürlich: So könnte es gewesen sein, denn wie jeder weiß, sind Radfahrer ja oft rotzfrech, nehmen sich ihre Freiheit, wie es ihnen passt, schlängeln und drängeln und akzeptieren nicht, wenn andere das auch tun. Sagen die, die am Steuer sitzen.

Trotz aller Ölkrisen und Ökobewegungen und Spritpreiserhöhungen: Deutschland ist Autofahrerland. "Jeder siebte deutsche Job hängt vom Auto ab", das ist schon fast ein geflügeltes Wort, und auch wenn Experten ihn für überzogen halten: Er zeigt, wie bedeutsam die Branche ist, wie irrsinnig es ist, sich mit ihr anzulegen. Wohl deshalb ist Deutschland bis heute neben Staaten wie Nordkorea und dem Libanon eines der letzten Länder der Erde mit Autobahnen ohne Tempolimit. Für Pkw gibt es keine Maut. Ein Großstadtpolitiker, der den Wegfall von Parkplätzen zu verantworten hat, kann einpacken, ein Provinzbürgermeister, der eine Umgehungsstraße einweihen darf, ist für einen Tag Dorfkönig. Die Macht des Zentralorgans der deutschen Autofahrer, des ADAC, konnte nur der ADAC selbst brechen – nicht etwa, indem er den Menschen mit seinem Lautsprechertum auf die Nerven ging, sondern indem er die Autofahrer mit gefälschten Auto-Umfragen beschubste.

Der Traum, vorwärtszukommen, ohne sich selbst bewegen zu müssen, beflügelt Menschen bis heute. Jedes Jahr, voraussichtlich auch wieder in diesem, werden bundesweit drei Millionen neue Autos zugelassen.

Gleichzeitig werden vier Millionen neue Fahrräder gekauft.

Langsam, ganz langsam, tut sich etwas im Autofahrerland. Auf den Straßen rollt eine neue Macht heran, auf zwei Rädern. Natürlich, physikalisch überlegen bleibt das Auto dem Fahrrad, jeder Wagen ist eine potenzielle Mordwaffe. Statistisch sieht es schon anders aus. Heute verfügt jeder deutsche Haushalt über 1,4 Autos – aber über 2,4 Fahrräder. Das E-Bike beschleunigt diese Entwicklung noch, sein Absatz hat sich von 150.000 Stück im Jahr 2009 auf 480.000 im Jahr 2014 mehr als verdreifacht.

Gerade die Städte tun viel dafür, die Zahl der Fahrradfahrer zu erhöhen – und zwar längst nicht mehr nur die kleinen und mittelgroßen wie Münster, Oldenburg und Freiburg. München hat vor zwei Jahren erklärt, den Anteil des Radverkehrs in der Stadt von 17 auf 20 Prozent erhöhen zu wollen. Berlin will bis 2025 mindestens 18 Prozent erreichen. Am ambitioniertesten ist aber Hamburg. Die Stadt hat angekündigt, die Radverkehrsquote bis in die zwanziger Jahre zu verdoppeln, von aktuell 12,5 auf 25 Prozent. Hamburg will "Fahrradstadt" werden, wie Amsterdam oder Kopenhagen.