Wenn ein Kunde das erste Mal in Sandra Neumeiers Laden kommt, kauft er häufig Milch, die gar keine Milch ist. Neumeier ist eine junge Frau mit giftgrünen Haaren, die einen kleinen Lebensmittelladen in Hamburg-St. Pauli betreibt. Twelve Monkeys heißt ihr Geschäft, und alles, was es hier gibt, ist "Vegankrams". So nennt sie das. Also nichts Tierisches, nur Pflanzliches, plastikfrei verpackt, das meiste regional produziert.

In Neumeiers Laden biegt sich ein ganzes Holzregal unter der Last von Milchersatzprodukten: Sojadrinks, Mandeldrinks, Haferdrinks, Reisdrinks, Haselnuss-, Kokosnuss- und Macadamianussdrinks – manche in etlichen Variationen. Ein paar Plätze im Regal sind allerdings leer. "Es kommt vor, dass die Hersteller nicht liefern können", erklärt Neumeier. Der Grund: Die Getränke gehen reißend weg, die Hersteller kommen mit der Produktion kaum hinterher.

Obwohl es für den Markt mit den Milchersatzprodukten kaum offizielle Daten gibt, deuten alle verfügbaren Zahlen in eine Richtung: steil nach oben. "Die Hersteller verzeichnen Gewinne, von denen andere Branchen nur träumen können", sagt Sebastian Zösch, der als Geschäftsführer des Vegetarierbundes Deutschland den Markt beobachtet. So erwirtschaftete der Lebensmittelhandel laut dem Haushaltspanel der Gesellschaft für Konsumforschung im Jahr 2014 mit Milchersatzprodukten einen Umsatz von 154 Millionen Euro – ein Plus von über 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Der Umsatz mit herkömmlicher Milch stieg nur um 3,2 Prozent.

Es ist Freitagnachmittag, kurz nach sechs, im Twelve Monkeys ist jetzt Hochbetrieb. Viele Kunden bleiben vor dem Regal mit den Milchalternativen stehen. Den günstigsten Drink gibt es für knapp zwei Euro pro Liter. Die meisten kosten mehr als drei Euro. Keine fünfzig Meter gegenüber gibt es einen Liter Kuhmilch bei Aldi für knapp über einen halben Euro. Warum kaufen so viele Menschen trotzdem lieber teure Ersatzprodukte?

Eine Frau in Hosenanzug und Lederschuhen, die im Twelve Monkeys einen Liter Sojamilch mit extra Calcium für 2,15 Euro kauft, sagt, sie sei weder Veganerin noch laktoseintolerant. Die Sojamilch gebe aber den besten Schaum für den Kaffee. Echte Milch sei ihr zudem zu fetthaltig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

Wenn man Ladenbesitzerin Neumeier fragt, wie sie ihre Kundschaft beschreiben würde, sagt sie: "Veganer, klar. Aber nur so ein Fünftel. Die meisten sind aus den Büros hier in der Gegend", sie nennt sie die "Soja-Chai-Latte-Trinker". Es gebe für diese Kunden vor allem zwei Gründe, die Milchalternativen zu kaufen: "Geschmack und Gesundheit."

Über Geschmack lässt sich streiten. Aber sind die Milchalternativen wirklich gesünder?

"Für Menschen mit Unverträglichkeiten können sie natürlich sinnvoll sein", sagt Joachim Westenhöfer, Professor für Gesundheitspsychologie an der HAW Hamburg. Aber dass die Zahl dieser Menschen in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen hat, bezweifelt er. "Es ist derzeit eine Mode, dass alle möglichen Leute meinen, sie hätten eine solche Unverträglichkeit." Das aber sei eher ein psychologischer Effekt. Weil Kuhmilch in bestimmten Kreisen neuerdings als ungesund gelte, führten immer mehr Menschen ihre gesundheitlichen Probleme auf ihren Milchkonsum zurück – und entschieden sich für teure Ersatzprodukte.