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Die große Militärparade, die am Donnerstag in Peking abgehalten wurde, weckt den Gedanken an zwei Kriege – an einen, der vor 70 Jahren zu Ende ging, und an einen anderen, der hoffentlich nie geführt werden wird.

Der eine ist der Krieg, zu dessen Erinnerung der Aufmarsch stattfindet: der Zweite Weltkrieg in Asien, der Eroberungsfeldzug des kaiserlichen, mit Hitler-Deutschland verbündeten Japan gegen China und andere Länder der Region. Niemand aber kann heute die Soldaten und Waffen in Peking sehen, ohne an China und seine Nachbarn zu denken, an den Streit um Inselgruppen und Hoheitsgebiete, an das Misstrauen zwischen den ehemaligen Weltkriegsgegnern, die sich in Asien nie versöhnt haben wie in Europa.

Werden die destruktiven Energien, womöglich verstärkt von den Folgen einer chinesischen Wirtschaftskrise, sich eines Tages in Gewalt entladen? Seit den Attentaten vom 11. September 2001 ist viel von "asymmetrischen Konflikten" zwischen Terrorgruppen und staatlichen Autoritäten die Rede. Aber Krieg im altmodischen Sinne, großer Staatenkrieg mit unabsehbarer Zerstörung, ist mitnichten unvorstellbar im 21. Jahrhundert. Auf dem Höhepunkt der Ukrainekrise ist diese albtraumhafte Befürchtung auch den Europäern durch den Kopf geschossen.

Dahinter steckt mehr als die Kalküle und Interessen von Präsidenten oder Generalen, mehr als das Brettspiel einer kalten Strategie und Geopolitik. Die tiefere Quelle der Gefahren ist gerade nicht kalt, sondern heiß, es ist eine populäre und emotionale Kraft, die Regierungen (selbst autoritäre wie die chinesische) nur teilweise kontrollieren können. Eine Kraft, die irgendwie nach Geschichtsbuch und 19. Jahrhundert aussieht, nach einer Welt, von der man zumindest in Europa mit Kriegsgräberfürsorge und Erasmus-Programmen schon Abschied genommen hatte, die aber verstörend lebendig ist, nicht nur in Asien. Womöglich stellt sie den aktivsten, bedrohlichsten Unruheherd der Zukunft dar: Diese Kraft ist der Nationalismus.

Nichts könnte im Zeitalter der Globalisierung anachronistischer und weniger relevant wirken als irgendwelche unklaren Grenzverläufe auf Land- oder Seekarten, manchmal Hunderte Meilen von allen Zentren des Lebens entfernt. Aber normale Chinesen, Japaner oder Vietnamesen haben sich wegen der wechselseitigen Gebietsforderungen ihrer Staaten in den vergangenen Jahren im Internet wütend echauffiert, sind Parolen rufend durch die Straßen gezogen und haben Botschaften oder Firmenniederlassungen der verhassten Nachbarländer mit Steinen beworfen.

Sogar Indien, das demokratische, pluralistische Indien, wo sonst jeder nach seiner Fasson selig werden kann, zeigt ein ganz anderes Gesicht, sobald die nationalen Interessen oder der nationale Stolz berührt sind. Wer am Sinn der Atomrüstung zweifelt oder dafür plädiert, dass die rebellischen Bewohner der Provinz Kaschmir per Volksabstimmung darüber entscheiden sollten, ob sie zu Indien gehören wollen, stellt sich so gut wie außerhalb der anständigen Gesellschaft. Das Totschlagargument gegen eine missliebige politische Position lautet: Das ist "antinational".

Die Hochkonjunktur des Nationalismus ist nicht auf Asien beschränkt. Das reizbare, aggressive Wirgefühl, die militante Behauptung einer kollektiven Identität und ihrer Besitzansprüche machen sich rund um den Globus bemerkbar. In Russland fährt Präsident Putin einen gespenstisch populären vaterländischen Isolations- und Konfrontationskurs gegen den Westen. In den USA verbindet die frappierend erfolgreiche Vorwahlkampagne des Immobilienkönigs Donald Trump einen marktschreierischen Patriotismus mit offener Feindseligkeit gegen lateinamerikanische Einwanderer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

In Europa lehnen sich rechte und linke Bewegungen gegen die Souveränitätsverluste durch Euro-Krise und Migration auf, gegen "Spardiktate" aus Brüssel oder die zunehmend wegbrechende Kontrolle des Staates über die Zusammensetzung der eigenen Bevölkerung. Mit Rechtsradikalen wie der französischen Postneofaschistin Marine Le Pen haben Linke wenig gemein – doch gegen eine Welt der offenen Grenzen, die Flüchtlinge ebenso in die europäischen Länder bringt wie die kalte Wettbewerbsluft des globalen Kapitalismus, stehen beide politische Pole.

Der bösartige, völkische Nationalismus ist ein Markenzeichen der Rechten, aber auch die Linke hat ihre nationale Nostalgie: das Heimweh nach dem Wohlfahrtsstaat des 20. Jahrhunderts, der noch Herr seines wirtschafts- und sozialpolitischen Schicksals war.Man glaubt gern, dass der Nationalismus ein Ausdruck von Unterentwicklung und gesellschaftlicher Rückständigkeit ist, dass er sich durch Modernisierung und sozialen Wandel abschleift und allmählich verschwindet. Doch das ist eine Illusion.