DIE ZEIT: Professor Heitmeyer, die syrische Ruinenstadt Palmyra steht vor der Zerstörung: Vergangene Woche sprengte die Terrororganisation "Islamischer Staat" den Baalschamin-Tempel, jetzt haben sie ein weiteres bedeutendes Bauwerk, den Baal-Tempel, zertrümmert. Was treibt Menschen zu solchen Taten?

Wilhelm Heitmeyer: Da laufen ganz unterschiedliche Mechanismen ab. Zunächst muss man betonen, dass sich die Akteure als Opfer sehen, sie fühlen sich durch den dekadenten Westen bedroht und unterdrückt. Diese Rolle scheint die Anhänger des IS dazu zu verleiten, sich selbst die moralische Überlegenheit und Berechtigung für Zerstörung von Kultur und Menschen zuzusprechen. Dazu arbeitet man mit unüberwindbaren Gegensätzen: gläubig – ungläubig, islamisch – unislamisch und so weiter. Das erklärt alle zivilisatorischen Regeln für obsolet.

ZEIT: Der IS inszeniert öffentliche Enthauptungen und sprengt jahrtausendealte Kulturschätze. Wenn Sie von einem Verstoß gegen Regeln sprechen, klingt das nach einer rationalen Entscheidung. Aber für mich sieht das nach Raserei aus, da sind Emotionen am Werk.

Heitmeyer: Diese maßlose Gewalt gegen Kulturgüter und die Köpfungen findet ihren Ursprung häufig in massiven Unterlegenheitsgefühlen. Gefährlich werden Opfer – beziehungsweise Akteure, die sich selbst als Opfer wahrnehmen –, wenn sich ihre Ohnmacht plötzlich in Allmacht verwandelt. Das beobachten wir gerade in Syrien. Dem IS kann zurzeit von außen niemand gefährlich werden. Da werden wahnsinnige Kräfte freigesetzt, die vor nichts haltmachen.

ZEIT: Könnte man von Rachegefühlen sprechen?

Heitmeyer: Wer sich rächt, will dem Gegner Schaden zufügen, um vermeintliche Gerechtigkeit herzustellen. Doch der IS will viel mehr: Er strebt keinen Ausgleich an, sondern die absolute Machtposition in einer göttlichen Ordnung und als Besitzer einer einzig wahren Moral. Es wäre allerdings falsch, diese Dynamik als etwas zu betrachten, das allein typisch für Islamisten ist. Bei historischen Vergleichen ist Vorsicht geboten, aber wir kennen solche Handlungsweisen aus unserer eigenen Geschichte: Von den Mechanismen her gesehen, war die Pogromnacht von 1938 nichts anderes.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

ZEIT: Die Parallele ist die Zerstörung von Kulturgut, die Nationalsozialisten setzten in der Pogromnacht unter anderem Synagogen in Brand. Ansonsten war der historische Kontext wohl kaum vergleichbar.

Heitmeyer: Das ist richtig, aber auch die Nationalsozialisten konstruierten sich als Opfer, Hitler propagierte die Bedrohung der germanischen Rasse durch das "Weltjudentum". Parallelen entdeckt man vor allem bei der Frage nach den Zielen: Wie damals die Nazis wollen heute die IS-Führer die Menschheitsgeschichte neu schreiben, eine unantastbare, überlegene kulturelle Identität und Ordnung erschaffen. Dafür müssen andere Kulturen zerstört und die Erinnerung an sie ausgelöscht werden.

ZEIT: Ist so etwas überhaupt möglich?

Heitmeyer: Man kann die Bedeutung, die Symbole für eine Kultur haben, nicht hoch genug einschätzen. Palmyra hat einen besonders starken Symbolcharakter. Hier trafen Menschen verschiedenster Herkunftsländer und Religionen zusammen, ohne einander zu bekriegen. Wenn es dem IS gelänge, Palmyra zu zerstören, würde er auch ein sichtbares Zeugnis einer Zeit vernichten, in der Christen und Muslime eine friedliche Gemeinschaft gebildet haben.