Er läuft, nein, er wippt heran. Federschritte in weißen Adidas-Stiefeletten, auf dem Köpenicker Bahnhofsvorplatz kommen sie zum Stehen. Er schaut sich um. Einkaufsvolk zieht vorbei, schleppt tütenweise Beute aus dem Shoppingcenter gegenüber. Die Gesichter braun gebrannt, Spreeuferbraun, Müggelseebraun, Mallorcabraun, nur seine Haut ist weiß wie an einem Wintertag. Er setzt die Sonnenbrille ab. Ungewöhnlich hell die Augen, breit der Mund. Sein Haar hat er zu langen Zöpfen geflochten, unter dem Shirt blitzen die Goldketten. Roman Geike, 38, Künstlername Romano, Rapper, Sänger und eine Entdeckung dieses Sommers.

Er grinst, "na, dann mal los", und schon geht es durch Köpenick, geradewegs hinein in die schläfrige Samstagnachmittagsgemütlichkeit. Als sich vor ein paar Monaten das Video zu Romanos Song Metalkutte auf Sozialen Netzwerken verbreitete, waren viele erstaunt. Da läuft einer in goldener Collegejacke durch winterliche Plattenbautristesse, vorbei an Discountern und Müllsammelstellen, und besingt, zu Elektrobeats rappend, seine Metalkutte. Eine kurze Internetrecherche ergab: Der Mann hat mal eine Schlager-CD aufgenommen. Auf dem Cover trägt er ein rosa Hemd und wallendes Haar, die Nase hat er in einen Strauß Blumen gesteckt. Und es gab da noch das Video zu dem Song Itchy/Cornerboy, in dem er im Waschsalon um die Ecke abmosht und mit dem Imbissvolk von der Bude um die Ecke feiert.

Das alles erzeugte in seiner Gegensätzlichkeit einen flirrenden Moment der Irritation. Im September erscheint Romanos erstes Rap-Album Jenseits von Köpenick, und deshalb ziehen wir jetzt eben durch Köpenick, dem Rest der Welt durch den Schuhmacher Friedrich Wilhelm Voigt bekannt, der sich im Jahr 1906 als preußischer Hauptmann ausgab und mit einer Truppe leichtgläubiger Soldaten erst den Bürgermeister verhaftete und dann die Stadtkasse raubte. Der Hauptmann von Köpenick eben. "Guck ma’ auf den Stadtplan, Berlin rechts unten, nur ’n kurzer Blick, schon hast’ das Paradies gefunden", rappt Romano. Hier ist er aufgewachsen, hier will er bleiben, und weil das so ist, muss er sich eben die Welt nach Köpenick holen.

"Feiern mit allem Exzess, doch Hauptsache, die Haare sitzen"

Los Angeles zum Beispiel, Compton, genauer gesagt, den legendären Stadtteil, in dem West-Coast-Rapper wie Ice T aufwuchsen und in dem sich die Gangs gerade unter dem Hashtag "100 Tage, 100 Tote" bekriegen. Schon früh hat Romano für jeden Stadtteil von L.A. einen in Köpenick ausgemacht, "Köpenick ist mein L.A., Palmen und ’n bisschen Müll", und hier, im Bahnhofsviertel, wo er wohnt, ist Compton. Romano läuft vorbei an Mietshäusern, die sich in der Sonne ausruhen, zur Linken das Nagelstudio, daneben die Sky-Sportsbar. Außer uns befinden sich noch drei weitere Menschen auf der Straße, eine Oma zieht einen gescheckten Hund an einer Leine hinter sich her. Romano schaut sich um, nickt zufrieden: "Klar ist das hier Compton, geht doch voll ab hier."

Er biegt um eine Straßenecke. "Ich bin wie ein Karl May. Wir alle bauen uns doch unser eigenes imaginäres Universum." Er spricht präzise und konzentriert, ein Thema folgt rasch aufs andere, da ist nichts, was nicht verhandelt, besprochen werden könnte. Es ist, als sauge da einer alles in sich auf, um es dann neu zu ordnen. Als wippe da gerade eine große Verarbeitungsmaschine die Köpenicker Straßen entlang. Hat er sie erst mal neu arrangiert, schmiegen sich Dinge, die vorher gegensätzlich erschienen, mit einem Mal ganz selbstverständlich aneinander. Genauso ist auch seine Musik. Das Helle reibt sich am Dunklen, Yin an Yang. Erdbeertorte und Stahlraum, sexueller Exzess und Schlagerromantik.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

Den Einfluss des Schlagers hört man in Songs wie Schöner General, wenn auch ein wenig ins Dunkle gewendet: "Er trägt Kajal, ein Blick aus Stahl, phänomenal, der schöne General. Dominant, aber immer charmant. Stiefel aus Lack, auch gern mal nackt. Samtweiche Haut, fast wie ’ne Braut. Und wenn er spricht, wird er zu Licht." Das mit dem Schlager habe als Spaß begonnen, erzählt Romano, "und doch seh ich es nicht als Klamauk. Ich würde nie etwas einfach nur aus Klamauk machen." Mit seinen Songs tourte er nicht nur durch Berlin, sondern auch durch kleine Ortschaften in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Die da kamen, um zuzuhören, waren keine, die das schrill oder postironisch meinten, sondern echte Schlagerfans.