Wie schlimm steht es um Sachsen wirklich? Sogar in der Zentrale des Sachsentums ist der Zweifel an den Sachsen inzwischen angekommen, in Pirna an der Elbe, in einem prächtig sanierten Haus am Marktplatz. Dort residiert die Stiftung zur Bewahrung und Förderung der sächsischen Kultur und Sprache, hier hat das Tom-Pauls-Theater seinen Sitz, benannt nach seinem Patron und Hauptdarsteller, einem sächsischen Kabarettisten, hier wird einmal im Jahr das "sächsische Wort des Jahres" gekürt.

An einem Abend Ende August steht Pauls’ ewig ausverkauftes Solostück auf dem Programm: Deutschland, deine Sachsen erzählt eigentlich davon, dass die Sachsen die Folgen der DDR-Zeit hinter sich gelassen haben, dass sie wieder wer sind, endlich respektiert werden in Deutschland. Wessi-Scherze, Dialektspäße, August der Starke – vor ein paar Wochen konnte man das noch machen. Aber jetzt, nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen von Freital oder Heidenau?

Jetzt trifft der Humor plötzlich auf den Ernst des Lebens, an jeder Ecke.

Als Pauls, ein Mann in silberner Hose und mit silbernem Haarkranz, auf der Bühne erklärt, dass der heutige Sachse vom "Homo sapiens sachsiensis" abstamme, da fällt ihm ein: Leider hätten sich einige Exemplare offenbar mit dem Elbtalneandertaler gepaart, herausgekommen seien Sachsen mit Unterbiss, die den ganzen Tag "Kann dor woll ni wahr sein" sagten. "Die sind", sagt Pauls, "sehr oft montags in Dresden zu sehen." Bei den Pegida-Demos.

Bei anderer Gelegenheit fragt Pauls einen Zuschauer, woher er stamme, und der Zuschauer antwortet: "Aus Heidenau". Da entgegnet der Kabarettist: "Na, wenigstens sind Sie hier!" Und nicht vor dem Asylbewerberheim, wollte er hinzufügen. Aber das muss er gar nicht mehr aussprechen, das Publikum hat eh verstanden.

Später, nach der Show, sagt Pauls beim Bier, dass er nicht verstehen könne, wie sich seine Heimat Dresden so in Verruf bringen könne. Italiener hätten schließlich Dresden erbaut. Wie könnten die Sachsen da zu Fremdenfeinden werden?

Wenn sogar diejenigen, die ihr Geld damit verdienen, den Sachsenstolz hochzuhalten, in Zweifel über ihr Volk geraten – dann muss wirklich etwas passiert sein in diesem Land. Wenn Stanislaw Tillich, der christdemokratische Ministerpräsident, nach den rechtsextremen Ausschreitungen von Heidenau Sätze sagt wie: "Das ist nicht unser Sachsen." Wenn selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel bemerkt, es gebe im Freistaat inzwischen durchaus Orte, "in denen rechtes Gedankengut scheinbar salonfähig geworden ist", dann hat sich etwas grundlegend verändert.

Was ist das für ein Bundesland? Was ist das für ein Volk, das dem Rest der Republik so viele Rätsel aufgibt? Galten die Sachsen nicht noch vor wenigen Monaten als Ostdeutschlands Musterschüler? Inzwischen musste die CDU-geführte Staatsregierung ihre Imagekampagne für Sachsen eindampfen, weil den schlimmen Bildern, die der Freistaat seit einiger Zeit produziert, keine PR mehr gewachsen ist.

Witzfigur und Pisa-Sieger, rechte Parolendrescher und gebildete Schöngeister – widersprüchlicher könnte das Image der Sachsen nicht sein. Sie sind seit je ein selbstbewusstes, stolzes Volk. Doch wenn aus Dresden-Liebe Sachsen-Nationalismus wird, aus Eigenbrötlertum Fremdenfeindlichkeit, dann wird aus dem besonderen Verhältnis zur Heimat ein Problem. Werden die Sachsen also, kurz gesagt, zum Opfer ihres Egos?

So sei es, sagt Raj Kollmorgen. Aber was genau heißt es, Sachse zu sein? Der Soziologe und Professor an der Fachhochschule Görlitz wurde 1963 in Leipzig geboren. "Als Kind dort habe ich so schlimm gesächselt, dass meine Eltern, die nicht aus Sachsen stammten, mich zur Logopädin schickten." Später, im Alter von acht Jahren, sei er mit der Familie nach Berlin gezogen. "Das war hart." Kollmorgen erlebte in Berlin, was vielen seiner Landsleute widerfährt: "Ich musste mich als Sachse verleugnen, um unter den Preußen akzeptiert zu werden, schon weil meine Sprache als peinlich gilt, vielleicht auch als vulgär. Und ich glaube, dass viele dazu neigen, dieses Gefühl der Nichtanerkennung mit überzogenem Stolz auf ihre Heimat zu kompensieren."

Kollmorgen ist weit davon entfernt, alle Rechtsextremismusprobleme mit sächsischen Befindlichkeiten zu erklären. Er hat die Transformation der postsozialistischen Gesellschaften erforscht und weiß, dass sich viel vom ostdeutschen Rechtsextremismus auch aus den Verlierererfahrungen der Nachwendezeit speist. Aber dass die Sachsen noch einmal anders sind als die Mecklenburger oder die Anhalter, das fiel ihm lange schon auf. "Mein Gefühl ist", sagt Kollmorgen, "dass die Sachsen geradezu an einem kollektiven Syndrom der Fremdenangst leiden." Sie hätten sich in ihrer Geschichte immer bedroht gefühlt, seit Jahrhunderten, das ziehe sich bis heute durch. "Sie hatten immer Angst vor Fremdherrschaft, dass ihr Territorium schrumpft, dass sie kolonialisiert werden, und sie haben sich immer wieder in die Arme einer dritten Macht geworfen, die vermeintlich stärker war und sie beschützen sollte." Aus Angst vor den Preußen hätten sie sich zum Beispiel Napoleon angedient. Doch am Ende sei es immer schiefgegangen, seien die Sachsen die Verlierer gewesen.

Auch die DDR-Zeit, so Kollmorgen, hätten sie als Fremdherrschaft empfunden. "Nirgendwo wurde Berlin stärker verteufelt als in Leipzig oder Dresden. Die DDR, das war der Staat der Preußen für die Sachsen. Die Revolution ging nicht zufällig von Leipzig, Dresden und Plauen aus." Sie hätten auch "das Joch der Preußen" abschütteln wollen. Und heute, nach der Wiedervereinigung? 25 Jahre lang hätten die Sachsen relativ unbehelligt gelebt, sich recht gemütlich eingerichtet, aber auf einmal gingen die Probleme wieder los. "Die EU wird immer einflussreicher, die Grenzen nach Osteuropa sind offen, und dann kommen auch noch die ganzen Syrer." Da erhalte die Fremdenangst, das "xenophobe Grundgefühl", ganz neue Nahrung.

Kollmorgen berichtet noch von einer zweiten Beobachtung: Die Enttäuschung darüber, dass sie jeden Krieg verloren hätten und sich die restliche Welt über ihren Dialekt lustig mache, würden die Sachsen mit Wohlstand und Prunksucht wettzumachen versuchen. Sie handelten nach dem Motto: Wenn wir schon als Staat nichts gelten, werden wir wenigstens das Leben genießen! "Diese sächsische Gemütlichkeit wurde geradezu als Gegenkonzept etabliert", sagt Kollmorgen. Nicht nur eine monarchische Staatskultur, auch "die Abwehr des Anderen, des Fremden, das in diese barocke Volksgemütlichkeit einbricht, wurde schon immer von der sächsischen Politik befördert, bereits von August dem Starken und nach der Wende von Kurt Biedenkopf" – dem aus dem Westen zugezogenen CDU-Ministerpräsidenten. Asylbewerber, Demos eingereister Antifaschisten, Ratschläge von Außen: All das wird viel schneller als Ruhestörung, Einmischung, ja gar als Gefährdung wahrgenommen als in anderen Teilen Deutschlands.

Es gibt viele Leute, die sich über Kollmorgens Thesen schrecklich aufregen würden. Zum Beispiel der protestantische Pfarrer Heinz Eggert, 69, der 1991 im ersten Kabinett Kurt Biedenkopfs sächsischer Innenminister wurde. Unter "König Kurt" blühte ein regelrechter Sachsenmythos.

Eggert sagt: "Dieser Stolz auf Sachsen ist doch gut! Solange er sich nicht gegen andere richtet." Aber passiert das nicht gerade? Besonders übel, hält CDU-Mann Eggert dagegen, sei doch eher das gewesen, was die Linke getan habe. "Die predigt seit 25 Jahren, dass der Westen den Osten über den Tisch gezogen habe. Viele haben das verinnerlicht. Dadurch ist ihr Selbstwertgefühl gesunken. Und wenn es Schwierigkeiten gab, haben sie schnell resigniert." Hier treffe sich die "Demagogie der Linken" mit den Ausfällen der Rechten, sagt Eggert.

Er stammt aus Rostock und lebt seit 1974 im südöstlichen Zipfel des vereinten Deutschland. Als er Innenminister wurde, war das "kurz nach Hoyerswerda", wie er sagt. Auf die rassistischen Krawalle, die 1991 ganz Deutschland erschütterten, reagierte er mit der Gründung einer Soko Rex, einer Sonderkommission der Polizei gegen Rechtsextremismus. "Die Täter sollten wissen, dass sie unter einem enormen Verfolgungsdruck stehen", erinnert sich Eggert. "Wenn möglich, gab es Hausdurchsuchungen. Die Nachbarn fragten dann: Was macht die Polizei bei uns? Das soziale Gewissen in der Umgebung der Täter wecken – das war ein Teil meiner Strategie." Dass die Soko Rex damals durchaus erfolgreich war, bestreiten selbst Kritiker nicht. Doch nachdem Eggert sein Ministeramt als Folge einer Affäre verloren hatte, wurde die Elitetruppe "dezimiert und abgeschafft".

Doch wie konnte es dazu kommen, dass Biedenkopf einmal behauptete, die Sachsen seien "immun" gegen Rechtsextremismus? "Ich vermute", sagt Eggert, "das beruhte nicht auf einer Fehleinschätzung, sondern für Biedenkopf war das eine Imagefrage. Er wollte nicht, dass dieser Schatten auf sein Land fällt."

Aber jetzt fällt dieser Schatten auf Sachsen. Katja Kipping ist Bundesvorsitzende der Linken. Ihr Wahlkreis liegt in Dresden. Dort wuchs sie auf, dort wurde sie linksökologisch sozialisiert. Dummheit und Rassismus, sagt Kipping, hätten keine Adresse, sondern Gründe.

Aber warum so häufig in Sachsen?

Die NPD, sagt die Linke, habe den Freistaat strategisch als Operationsgebiet aufgebaut, etwa durch Zuzug führender Köpfe. "Seit der Wende regiert die CDU. Die Landesregierung hat sich nie ernsthaft mit dem sich verfestigenden Rechtsextremismus beschäftigt. Die ideologische Richtlinie hieß immer Äquidistanz", so Kipping. "Wenn wir rechte Übergriffe ansprachen, hörten wir: Jaja, aber es gibt auch linke Chaoten, die Häuser beschmieren. Da wurden ein paar autonome Antifas gleichgestellt mit braunen Gewalttätern bis hin zu rechtsextremen Terroristen."

Im Osten, sagt Kipping, gebe es außerdem eher Kleinbürgertum. Mittelstand sei oft ein Euphemismus für Inhaber kleiner Klitschen, selbstständig in erster Generation, ohne Kapitalstock, ständig von Insolvenz bedroht. "Ungesicherte Milieus" seien besonders anfällig für Abstiegs- und Überfremdungsängste.

Aber es gebe in Sachsen halt auch die andere Seite. Das Dresdner Umweltzentrum etwa habe eine Begegnungsstätte eingerichtet, dort stünden Bürger Schlange, um Flüchtlinge zu unterstützen.

Vielleicht liegt das Sachsen-Problem auch an der mangelnden politischen Bildung. Sachsen sei hier das Schlusslicht, kritisierte kürzlich Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Frank Richter, Leiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, hatte aus diesem Grund vor Monaten sein Haus für Pegida-Debatten geöffnet. Ein Fehler, fanden Katja Kipping und viele andere. Manche hingegen rühmten Richters Mut zum Bürgergespräch.

Auch der katholische Theologe Richter analysiert die Sachsen-Lage eher tastend. Die Transformation habe die Menschen im Osten erschöpft. Und wegen massiver Einsparungen gehe der Polizei das Geld aus. Und was ist die Folge? Richter verweist auf die Grenzkriminalität: Das Auto werde gestohlen, die Polizei winke resigniert ab. Die NPD verspreche Recht und Sicherheit. Sie rekrutiere den dörflichen Fahrschullehrer, den kleinen Handwerksmeister, den Jugendtrainer. Und hetze völkisch und gegen den Islam.

Der Osten sei zu 80 Prozent atheistisch, sagt Richter. Es gebe hier vielfach eine weltanschauliche Leere. Der Marxismus-Leninismus habe realpolitisch nicht funktioniert, doch als Welterklärung durchaus. Rechte Subkulturen seien in der DDR zwar staatlich gedeckelt worden, aber im Familiengedächtnis überdauerte brauner Geist.

Richter nennt Pegida eine geplatzte Problemstau-Blase, ein typisch dresdnerisches Phänomen. Selbstbezogen sei die Stadt, seit dem verheerenden Bombenangriff vom 13. Februar 1945 anfällig für den rechten Opfermythos, zudem als Residenzstadt, staats- und obrigkeitsfixiert: Der König wird’s schon richten.

Daniela Krien, Schriftstellerin aus Leipzig, hat über die Abgründe ihrer Heimat ein ganzes Buch geschrieben. Ihr DDR-Roman Irgendwann werden wir uns alles erzählen war eines der großen Ost-Bücher der vergangenen Jahre. Viele der Figuren in ihrem neuen Werk, sagt sie, würden wohl bei Pegida mitlaufen, gäbe es sie wirklich. Es sind Gescheiterte, Alkoholiker, Gelegenheitsprostituierte, Wendeverlierer.

"Dieses Land ist gespalten", sagt Krien, in Vorzeige-Sachsen und Pegida-Sachsen, Gutverdiener und Zukurzgekommene, Gewinner und Verlierer. Leipzig, wo Krien wohnt, ist boomendes "Hypezig" und deutsche Armutshauptstadt gleichermaßen. Der Bruch sei eine Weile lang nicht sichtbar gewesen, aber nun trete er umso krasser hervor. Einerseits sind die erfolgreichen Sachsen für ostdeutsche Verhältnisse überdurchschnittlich erfolgreich. Die Gescheiterten in Sachsen hingegen besonders abgehängt. Und besonders wütend.

Krien ist in dem kleinen Ort Görschnitz im Vogtland aufgewachsen, sie blieb dort, bis sie 17 war. Ihre Kindheit sei idyllisch gewesen: viel Wald, viel Wiese, viel Draußensein. Umso chaotischer sei dann ihre Jugend geworden: viele Nazis, viel Gewalt, viel Bushaltestellenbier. Das waren die Jahre 1990, 91, 92. "Die Zeit war extrem politisiert", sagt Krien, "man musste sich entscheiden, ob man links oder rechts ist. Ich ging abends nie ohne Tränengas aus dem Haus."

Es habe im Wesentlichen zwei Möglichkeiten gegeben, dieser Jugend zu entkommen: Einige hätten ihr Leben auf die Reihe bekommen – andere seien komplett gescheitert. Krien ging nach Leipzig, wurde Autorin, bekam zwei Kinder. Einer der stadtbekannten Nazis ihrer Jugend, sagt sie, lebe schon gar nicht mehr. Andere seien versumpft in ihrer Plattenbauwohnung.

In ihrem Leipziger Waldstraßenviertel, erzählt Krien, lebe schon lange kein Hartz-IV-Empfänger mehr. Das ist dort, wo die Mieten für Leipziger Verhältnisse teuer geworden sind und der Kaffee jetzt Americano heißt. Als Krien kürzlich in die Schule ihrer Tochter kam, um Spenden für Flüchtlinge abzugeben, da betrat sie ein Zimmer, gefüllt mit Kleidern und Spielzeug. Die Leipziger, sagt Krien, können überwältigend hilfsbereit sein. Ein paar Tage zuvor war sie in einem Kiosk, um sich eine Zeitung zu kaufen, und hörte, was die Verkäuferin über Flüchtlinge sagte: Was wird denn aus uns? Sind unsere Renten noch sicher? "Wir integrieren die Verlierer nicht", sagt Krien. "Aber wir erwarten von ihnen, dass sie Flüchtlinge integrieren."

Selbstverständlich gibt es die vielen, die sehr vielen Sachsen, die sich den Neonazis entgegenstellen und Flüchtlingen zur Seite stehen, einen wie Thomas Böttcher. Seine Radiosendung Böttcher & Fischer im Sender R.SA kennt in Sachsen jedes Kind, er hat in der Sendung Pegida verurteilt, mit Pegida-Anhängern diskutiert. Und viel Wut erfahren.

Und was sagt er?

"Sachsen ist für mich immer noch das liebenswerteste Bundesland ever. Das Land von Herzlichkeit, Witz und Leichtigkeit. So nehme ich die Sachsen wahr. Und das möge auch bitte so bleiben."

Böttcher macht eine Pause. Atmet tief durch. "Doch wenn diese Vollpfosten die Oberhand gewinnen sollten", sagt er, "dann gehe ich hier weg. Dann ist es nicht mehr mein Bundesland. Ich hoffe, dass es so weit nie kommt."

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