So sei es, sagt Raj Kollmorgen. Aber was genau heißt es, Sachse zu sein? Der Soziologe und Professor an der Fachhochschule Görlitz wurde 1963 in Leipzig geboren. "Als Kind dort habe ich so schlimm gesächselt, dass meine Eltern, die nicht aus Sachsen stammten, mich zur Logopädin schickten." Später, im Alter von acht Jahren, sei er mit der Familie nach Berlin gezogen. "Das war hart." Kollmorgen erlebte in Berlin, was vielen seiner Landsleute widerfährt: "Ich musste mich als Sachse verleugnen, um unter den Preußen akzeptiert zu werden, schon weil meine Sprache als peinlich gilt, vielleicht auch als vulgär. Und ich glaube, dass viele dazu neigen, dieses Gefühl der Nichtanerkennung mit überzogenem Stolz auf ihre Heimat zu kompensieren."

Kollmorgen ist weit davon entfernt, alle Rechtsextremismusprobleme mit sächsischen Befindlichkeiten zu erklären. Er hat die Transformation der postsozialistischen Gesellschaften erforscht und weiß, dass sich viel vom ostdeutschen Rechtsextremismus auch aus den Verlierererfahrungen der Nachwendezeit speist. Aber dass die Sachsen noch einmal anders sind als die Mecklenburger oder die Anhalter, das fiel ihm lange schon auf. "Mein Gefühl ist", sagt Kollmorgen, "dass die Sachsen geradezu an einem kollektiven Syndrom der Fremdenangst leiden." Sie hätten sich in ihrer Geschichte immer bedroht gefühlt, seit Jahrhunderten, das ziehe sich bis heute durch. "Sie hatten immer Angst vor Fremdherrschaft, dass ihr Territorium schrumpft, dass sie kolonialisiert werden, und sie haben sich immer wieder in die Arme einer dritten Macht geworfen, die vermeintlich stärker war und sie beschützen sollte." Aus Angst vor den Preußen hätten sie sich zum Beispiel Napoleon angedient. Doch am Ende sei es immer schiefgegangen, seien die Sachsen die Verlierer gewesen.

Auch die DDR-Zeit, so Kollmorgen, hätten sie als Fremdherrschaft empfunden. "Nirgendwo wurde Berlin stärker verteufelt als in Leipzig oder Dresden. Die DDR, das war der Staat der Preußen für die Sachsen. Die Revolution ging nicht zufällig von Leipzig, Dresden und Plauen aus." Sie hätten auch "das Joch der Preußen" abschütteln wollen. Und heute, nach der Wiedervereinigung? 25 Jahre lang hätten die Sachsen relativ unbehelligt gelebt, sich recht gemütlich eingerichtet, aber auf einmal gingen die Probleme wieder los. "Die EU wird immer einflussreicher, die Grenzen nach Osteuropa sind offen, und dann kommen auch noch die ganzen Syrer." Da erhalte die Fremdenangst, das "xenophobe Grundgefühl", ganz neue Nahrung.

Kollmorgen berichtet noch von einer zweiten Beobachtung: Die Enttäuschung darüber, dass sie jeden Krieg verloren hätten und sich die restliche Welt über ihren Dialekt lustig mache, würden die Sachsen mit Wohlstand und Prunksucht wettzumachen versuchen. Sie handelten nach dem Motto: Wenn wir schon als Staat nichts gelten, werden wir wenigstens das Leben genießen! "Diese sächsische Gemütlichkeit wurde geradezu als Gegenkonzept etabliert", sagt Kollmorgen. Nicht nur eine monarchische Staatskultur, auch "die Abwehr des Anderen, des Fremden, das in diese barocke Volksgemütlichkeit einbricht, wurde schon immer von der sächsischen Politik befördert, bereits von August dem Starken und nach der Wende von Kurt Biedenkopf" – dem aus dem Westen zugezogenen CDU-Ministerpräsidenten. Asylbewerber, Demos eingereister Antifaschisten, Ratschläge von Außen: All das wird viel schneller als Ruhestörung, Einmischung, ja gar als Gefährdung wahrgenommen als in anderen Teilen Deutschlands.

Es gibt viele Leute, die sich über Kollmorgens Thesen schrecklich aufregen würden. Zum Beispiel der protestantische Pfarrer Heinz Eggert, 69, der 1991 im ersten Kabinett Kurt Biedenkopfs sächsischer Innenminister wurde. Unter "König Kurt" blühte ein regelrechter Sachsenmythos.

Eggert sagt: "Dieser Stolz auf Sachsen ist doch gut! Solange er sich nicht gegen andere richtet." Aber passiert das nicht gerade? Besonders übel, hält CDU-Mann Eggert dagegen, sei doch eher das gewesen, was die Linke getan habe. "Die predigt seit 25 Jahren, dass der Westen den Osten über den Tisch gezogen habe. Viele haben das verinnerlicht. Dadurch ist ihr Selbstwertgefühl gesunken. Und wenn es Schwierigkeiten gab, haben sie schnell resigniert." Hier treffe sich die "Demagogie der Linken" mit den Ausfällen der Rechten, sagt Eggert.