Mit einem Ächzen schwillt das Wasser. Ich paddle in Position, die Dünung hinter mir wird steiler, ich halte auf den Strand aus Gummi zu. Die Welle bricht; drei, vier Armzüge noch, dann wird die tosende Walze mich haben, dann kommt der entscheidende Moment: der Take-off. Ich weiß, was zu tun ist. Jedenfalls wusste ich es mal, vor acht Jahren.

Damals, in Neuseeland, saß ich tagelang auf der Hostelveranda und blickte aufs Meer. Manchmal wartete ich eine Woche, aber wenn alles zusammenkam – Wellengang, Wasserstand, Windstärke, Windrichtung –, rollten Wellen wie aus Glas in die Bucht. Ich sprang schon im Morgengrauen in die Brandung, süchtig nach diesen dreißig, vierzig gleitenden Sekunden auf der Welle, nach diesem schwerelosen Moment, in dem das Meer einen trägt. Ich träume bis heute davon.

Hier und jetzt, in einer künstlichen Lagune, elf Kilometer vom Meer entfernt, breite ich die Arme aus und drücke die Brust aufs Brett. Die Welle hat mich. Diesmal musste ich keine Woche warten, sondern exakt zwei Minuten. Die Welle ist 1,80 Meter hoch und 150 Meter lang, genau wie die davor und die danach. Genau wie alle anderen, von morgens um zehn bis abends um acht, sieben Tage die Woche.

In Nordwales, zwischen den Bergen des Nationalparks Snowdonia, rollt seit 1. August die längste von Maschinen erzeugte Welle der Welt. Surf Snowdonia ist der erste öffentliche Wavegarden – seine Technik könnte den Surfsport revolutionieren.

Wellen auf Knopfdruck, unabhängig von den unberechenbaren Launen des Meeres: Mit dieser Aussicht schaffte es das Wellenreiten auf die Shortlist der neuen Sportarten für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

Wellen auf Knopfdruck, ist das nicht absurd? Surfen ist kein Wettbewerb, sondern ein Lebensstil. Wellenreiter haben verwaschene Mähnen und salzwasserrote Augen, ihre Haut ist verbrannt vom Warten und vernarbt von Stürzen auf felsigen Grund. Auf einem Surfbrett kann man nicht fahren wie mit einem Skateboard oder Snowboard: Wenn eine Welle, geboren auf den Weiten des Ozeans, am Ende ihres Lebens vom flacher werdenden Meeresboden gebrochen wird, muss man sie reiten wie ein wildes Pferd. Und dieser verwegene Sport soll nun gezähmt werden? Wellen, die vom Fließband rollen? Seelenlose Wogenklone für die Massen? Morgens auf den Heimtrainer, mittags ins Solarium und abends zum Surfen ins Wellenbecken?

Ich stemme mich vom Brett ab, ziehe meine Füße unter den Körper und stehe auf. Es ist meine erste Welle seit Jahren – und ich reite sie bis zum Ende. Doch der Ritt setzt nicht die Glückswogen frei, die ich aus dem Meer kenne. Vielleicht liegt das daran, dass ich für den ersten Tag nur die intermediate wave gebucht habe. In der Mitte des Beckens verläuft ein Steg, unter dem, von ächzenden Drahtseilen gezogen, ein Unterwasserpflug hin- und herfährt. Die Welle, die sich zu beiden Seiten ausbreitet, wird nach außen hin kleiner. So entstehen drei Sektionen: die advanced wave direkt am Steg, 1,80 Meter hoch; die intermediate wave zum Rand hin, 1,20 Meter hoch und zum größten Teil aus gebrochenem Weißwasser; die beginner wave am Ende des Beckens , 70 schäumende Zentimeter. Ich schiele rüber zur advanced wave, die offen und grün am Steg entlangwalzt. Morgen!