DIE ZEIT: Herr Minister, warum sollten 800.000 Flüchtlinge pro Jahr auf Dauer für Deutschland zu viel sein, wie Sie sagen?

Thomas de Maizière: Das politische Asyl kennt natürlich aus guten Gründen keine Obergrenze. Aber im Normalfall gibt es Obergrenzen der Aufnahmefähigkeit eines Landes. Viele Experten sagen, dass für ein Land unserer Größenordnung eine Nettozuwanderung von 400.000 bis 500.000 Menschen schon ziemlich viel ist.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

De Maizière: Wir wollen die Menschen in politischer Not, die zu uns kommen und bleiben dürfen, ja auch integrieren. Dafür brauchen wir Schulen, Wohnraum, Arbeitsplätze, einen kulturellen Konsens. Schauen Sie sich doch nur mal unsere bisherigen Regeln für den Wohnungsbau an: Wenn es richtig gut läuft, vergehen von der Aufstellung eines Bebauungsplans bis zum Einzug vier bis fünf Jahre. Und da habe ich noch gar nicht über Geld geredet. Selbst wenn wir das Verfahren auf die Hälfte verkürzen, zeigt das doch, dass es Grenzen der Aufnahmefähigkeit gibt.

ZEIT: Und weil wir beim Wohnungsbau so langsam sind, darf nicht jeder Flüchtling aus Syrien oder Afrika ins Land?

De Maizière: Nein. Das ist mir zu polemisch. Sie sprechen da verschiedene Fragen auf einmal an: Wie können wir für jene sorgen, die in der Not zu uns flüchten? Was machen wir mit jenen, von denen wir sicher sind, dass sie keine Flüchtlinge aus einem Krisengebiet sind? Wie verteilen wir die Flüchtlinge und Asylbewerber besser innerhalb Europas? Und wie können Außen- und Entwicklungshilfepolitik effektiver als bisher Beiträge leisten, um Fluchtursachen zu verhindern?

ZEIT: Was wird anders werden in diesem Land?

De Maizière: Vieles. Kurzfristig müssen wir dafür sorgen, dass die Flüchtlinge anständig untergebracht werden, und zwar so, dass auch im Winter menschenwürdige Verhältnisse herrschen. Sie sollen hier sicher leben können und nicht Hass, Beleidigungen oder Gewalt ausgesetzt sein. Wir müssen gleichzeitig die Asylverfahren so beschleunigen, dass wir zu schnellen Entscheidungen kommen. Dann müssen wir Fehler vermeiden, die sich mittelfristig verheerend auswirken können. Ein Beispiel: Wir haben derzeit eine Anerkennungsquote von über 40 Prozent, das heißt, wir müssen uns darauf einstellen, dass Hunderttausende bei uns bleiben werden. Und da müssen wir, und da appelliere ich an alle Beteiligten, von Anfang an aufpassen, dass keine Ghettos, keine neuen sozialen Probleme entstehen, die wir in zehn Jahren bitter bereuen. Um das hinzukriegen, müssen wir sehr groß und ganz neu denken. Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass sich unser Land verändert.

ZEIT: Ist das ein ähnlich tiefer Einschnitt für das Land wie die Wiedervereinigung?

De Maizière: Es ist jedenfalls eine verdammt große Herausforderung, sie ist größer, als wir alle bisher gedacht haben – gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, kulturell. Zwei Beispiele: Aktuell leben rund vier Millionen Muslime in unserem Land, viele von ihnen mit türkischem Migrationshintergrund. Jetzt werden wir Hunderttausende arabisch geprägte Muslime bekommen, und das ist, nach allem, was mir mein französischer Kollege sagt, ein erheblicher Unterschied in Sachen Integration. Zweites Beispiel: Das Qualifikationsniveau der Menschen, die zu uns kommen, ist sehr unterschiedlich. Ich selbst habe mit Tierärzten und Ingenieuren aus Syrien gesprochen, aber die Verantwortlichen vor Ort sagen mir, sie rechnen mit einem Anteil von 15 bis 20 Prozent erwachsenen Analphabeten.

ZEIT: Aus Syrien?

De Maizière: Aus Syrien und dem Irak, aber auch aus Afghanistan, aus Afrika. Das sind ganz neue Herausforderungen, auch da brauchen wir neues Denken. Beispielsweise bei den Integrationskursen: Erst lernt man Deutsch, dann lernt man eine Berufsqualifikation, dann geht man in Arbeit. Das wird so nicht mehr gehen. Ich glaube am besten lernt man Deutsch in der Arbeit. Das heißt, wir müssen Menschen in Arbeit bringen, auch wenn sie noch nicht richtig Deutsch können. Das verändert viel.