Gezielt führt die Bestatterin ein zangenähnliches Gerät in den Anus des Toten. Ein paar Mal muss Christine Pernlochner-Kügler das Spekulum auf- und zudrücken, um die Totenstarre des Schließmuskels zu lösen. Es ist still, nur in den beiden Kühlkammern surrt es. Dort warten die Verstorbenen. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Mit der Pinzette in der linken Hand tamponiert die zierliche Frau mit den kurzen orangefarbenen Haaren Watte in die Körperöffnungen des kalten Körpers. Die flauschigen Fasern sollen die verbliebenen Flüssigkeiten aufsaugen und dem Verwesungsgeruch vorbeugen.

Christine Pernlochner-Kügler ist die derzeit bekannteste Bestatterin Österreichs. Bei ihr hatte der Krimiautor Bernhard Aichner ein halbes Jahr für seinen Roman Totenfrau recherchiert und ein Praktikum absolviert. Manche behaupten gar, sie sei das Vorbild für Aichners Romanfigur, die Serienmörderin Brunhilde Blum.

Es ist Abend. Wenn kein Telefon stört und keine Mitarbeiter herumwuseln, kümmert sich die promovierte Philosophin am liebsten um die Toten. Sie wirkt abgebrüht, aber nicht abgestumpft. Die Würde der Verstorbenen ist ihr wichtig, dazu gehört, dass sie im Sarg ein gutes Bild abgeben. "Ich wollte Friseurin werden", erzählt sie, "das durfte ich allerdings nicht. Ich pflege aber gerne Körper, es gefällt mir, sie schön zu machen. Störende Mitesser drücke ich aus, das geht gar nicht, weder bei meinem Mann noch bei meinem Sohn und bei einem Verstorbenen auch nicht."

Morgen werden sich die Angehörigen am offenen Sarg verabschieden. Für diesen letzten Kuss, die letzte Berührung mit einem geliebten Menschen richtet Pernlochner-Kügler den Leichnam her. Sie wäscht ihn, frisiert die Haare, cremt die Hände ein und streift dunkle Jeans und ein Poloshirt über den blassen Körper, der mit Totenflecken übersät vor ihr liegt. Jeder Handgriff sitzt, alles geht schnell, doch nie nebenbei und respektlos. Immer wieder sieht die Frau mit den Gummihandschuhen, der grünen Schürze und den rot lackierten Fußnägeln, die aus den eleganten Schnürschuhen hervorlugen, genauer hin, auf Narben oder Abschürfungen und seufzt, wenn sie Schmutz unter den Fingernägeln entdeckt.

Rund 400 Verstorbene versorgt das Bestattungsinstitut J. Neumair, das sie gemeinsam mit ihrem Kompagnon Markus Ploner führt, jährlich in seinen Räumen am Rande des Innsbrucker Stadtzentrums, neben dem Landeskrankenhaus und einem Friedhof. Es ist ein krisensicherer Wirtschaftszweig, der in Tirol, im Gegensatz zu anderen Bundesländern, privatisiert ist. Gestorben wird immer. Eine Bestattung ist nicht billig: Unter 2000 Euro ist wenig zu haben, nach oben gibt es fast keine Grenze.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Christine Pernlochner-Kügler lebt vom Tod. Den Glauben an die Erlösung im Jenseits hat sie verloren. Früher war das anders: Die im Jahr 1971 in Rum bei Innsbruck geborene Tochter eines Schlossereibesitzers und einer Hausfrau wuchs streng katholisch auf, betete jeden Sonntag in der Kirche und maturierte an einer Ordensschule. Erst während des Studiums begann sie die kirchlichen Dogmen zu hinterfragen und wurde zur "skeptischen Agnostikern", wie sie sich heute bezeichnet.

Als Kind war der Tod Faszination und Trauma zugleich. "Ich hatte Angst vor der Verwesung und Albträume davon, dass ich von Würmern gefressen werde", erzählt sie. Das änderte sich, als Anfang der neunziger Jahre ihr Großvater starb. Seine letzten Stunden verbrachte die Enkelin mit der Familie bei ihm. Was verstörend begann, wurde zu einem "der schönsten Erlebnisse in meinem Leben. Was ich damals erlebt habe, stelle ich heute für meine Kunden nach."