Da ist was schiefgelaufen: Alleinerziehende Mütter arbeiten 60 Wochenstunden bei 40 Prozent Armutsrisiko.

Rabenmutter! Das Wort meiner Jugend, es waren die fünfziger Jahre, dem Wort folgte oft ein scharfes Tsssss, im Sinne von: "diessssses Luder!" Kümmert sich nicht um ihre Kinder. Arbeitet die? Hat sie womöglich "Fremdbetreuer?" Dann hatte "Rabenmutter" plötzlich einen neuen Sound, wie Raaaabenmutter, gurrendes AAAAA, wie: Waaaahnsinn! Es waren die wilden achtziger Jahre. Rabenmütter kamen in Mode, im Fernsehen lief ein Film über Rabenmütter, in denen Frauen Zeugnis ablegten, wie man es nur aus Filmen kannte, die im tiefen Georgia spielten, wo schwarze runde Mamas tausendzüngig riefen, wie heiß ihr neuer Glaube sei. I was blind but now can see! Amazing grace! In dem neuen Film bekannten sich Frauen dazu, wie sie sich stolz ihrer Kinder entledigten, etwa: Meinen Geburtstag habe ich ohne meine Kinder gefeiert, nur mit Freundinnen! Halleluja! Rabenmutter sein wurde ein Lifestyle. Alleinerziehend wurde später die Steigerung von Rabenmutter – Geburtstag ohne Kinder, und sogar ohne Mann!

Daran musste ich denken, als ich letzte Woche in der Süddeutschen Zeitung den wütenden Artikel von Susan Vahabzadeh las: "Frau, alleinerziehend, arm: Das hat der Feminismus nicht gewollt." Tja, ehrlich gesagt, die bittere Wahrheit ist – ein bisschen schon. "Ohne Kinder" war in diesen Jahren ein Fortschritt verheißender Begriff, so wie ja auch der Feminismus fortschrittsverheißend war. Niemandem aber war aufgefallen, dass das Ideologem der Rabenmutter einfach die Schattenseite der heiligen Mutter war, der Mama dolorosa. Die nur für ihre Kinder lebt! Und das Wegscheuchen der Kinder aus dem Leben nur die Kehrseite ihrer Adoration, wie sie bei deutschen Mamas auch heute noch immer Mode ist, niemandem war aufgefallen, dass das Denken nicht vorankam, sondern sich im Kreis drehte.

Das feministische Denken blieb gefangen in der Spiegelung einer begrenzten Anzahl von Frauenbildern, dem einer Frau, die keine Kinder hat oder wenigstens so tut, als hätte sie keine, wenigstens bei der Arbeit (heute: Karrierefrau) – und dem einer Mutter, die alles für Kinder geopfert hat, ihre tolle Ausbildung, die Job-Chancen, Träume von Selbstständigkeit. Es gab leider keine Vision eines entspannten Zusammenlebens von Männern und Frauen und Kindern oder von einer Gesellschaft, in der Kinder selbstverständlich sind und gar nix von niemandem geopfert wird, weder Kinder noch Mütter. Und es gibt sie immer noch nicht, wie auch, in einem Land, in dem um Krippenplätze vor Gericht gestritten wird und Ganztagsschulen auf Sparflamme gefahren werden und Bildungsangebote auch billig sein sollen. Es gibt aber, wie Susan Vahabzadeh richtig schreibt, unter den 8,1 Millionen Familien tatsächlich 1,6 Millionen Familien, die unter schwierigsten Bedingungen Kinder großziehen, weil es an allem fehlt – Geld, Zeit, Muße. Platz zu Hause, weil niemand eine anständig große Wohnung bezahlen kann. Wo ein Elternteil, also in neun von zehn Fällen eine Frau, alles allein macht, das Jobben, das Fahrradreparieren, das tägliche Wäscheaufhängen, die Geburtstagsfeste, das Kaufen neuer Gummistiefel (Fussballschuhe, Hallenschule, Laufschuhe, Winterschuhe) das ganze schöne Familienleben. Frauen, Alter 40 bis 49 Jahre. Arbeitsdruck wie ein CEO, circa 60 Stunden. Armutsrisiko: etwa 40 Prozent. Irgendwas ist sehr schiefgelaufen. Und daran ist auch der Feminismus schuld.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Kinder galten im Feminismus lange vor allem als Falle. Nicht ganz zu Unrecht. Mit Kindern landeten die Frauen nicht selten beim Babybrei-Kochen statt an einem schönen Arbeitsplatz. Wofür dann die gute Ausbildung? Um so zu werden wie die eigene Mutter? Dann schon besser keine Kinder, dachten sich viele. Keine Kinder zu kriegen war allerdings nicht einfach für junge Leute, die gerade auch den wilden Sex neu erfunden hatten und oft zu wild waren, um dabei auch an Verhütung zu denken. Über Jahre waren Frauen mit der Abtreibungsdebatte gut beschäftigt, man könnte sagen, man hielt sie beschäftigt. Wenn man an Kinder dachte, dann oft eher im Zusammenhang von "bloß keine Kinder". Allerdings war da manchmal so ein sehnsuchtsvolles Rumoren… Dann gelang der CDU Baden-Württemberg ein toller Streich: Für alleinstehende Frauen wurde ein Erziehungsgehalt ausgeschrieben, um Abtreibung zu verhindern. In Freiburg, ich war Zeugin, löste das zwei Booms aus: Der erste – war eher ein Bummm! Paare zogen auseinander, für die Prämie. Neun Monate später – ein Babyboom! Nun sah man in der Frauennische des Lorettobades schöne Nackte mit nackten Babys. Voilà: die neue Alleinerziehende war geboren.


Das Rumtändeln im Freibad gab dem Leben mit Kindern so etwas Mußevolles. Arbeiten? Beruf? Ich erinnere mich an das Bild einer Schwangeren, die über dem prächtigen Leib die Hände gefaltet hielt, dazu die Bildzeile: "Arbeiten? Ich arbeite doch am Kind!" Selbst die sogenannten linken Kinderläden wurden nicht müde zu betonen, wie wichtig das Ganztagskümmern der Mütter war, im Stile von: "Bei uns kannst Du Dein Kind nicht einfach abgeben, hier ist Mitarbeit erforderlich." Abends besuchten die Väter die Mütter-WGs. Es war fast wieder wie früher – Mutti ist zu Hause, Papa kommt spät. Fiel aber wenigen auf. Die neue Alleinerziehende war wieder eine heilige Mama, Kinderhaben eine Berufung. Sich von Papas trennen wurde Mode. Ganze Frauenselbsterfahrungskurse endeten in dieser sogenannten Selbstbefreiung der Frau, und auch die Männer trennten sich unbedenklich, selbst war ja die Frau, oder? Toll! Bis auf eine Kleinigkeit, die man vergessen hatte: Geld.