DIE ZEIT:Berlin ist die Welthauptstadt der Partygänger, eines der beliebtesten europäischen Reiseziele und zugleich ein Hotspot für Deutschlands Spatzen: Nirgendwo sonst im Land leben so viele Sperlinge wie hier. Was finden die Vögel in Berlin, was es anderswo nicht gibt?

Jörg Böhner: Es ist eher so, dass Berlin etwas fehlt: Geld. Die Stadt kann die Grünanlagen nicht so pflegen wie andere Städte. Büsche und Bäume werden seltener geschnitten, Gras und Unkraut wachsen, Essensreste liegen herum. Die Spatzen – wissenschaftlich korrekt: die Haussperlinge – finden hier viel Nahrung: Speiseabfälle und Grassamen für die erwachsenen Vögel, dazu Blattläuse und andere Insekten, die für die Jungtiere überlebenswichtig sind.

ZEIT: Die Spatzen mögen an Berlin also genau das, was auch viele Besucher lieben: das etwas Unaufgeräumte, leicht Chaotische?

Böhner: Das kann man so sagen. In Berlin wird weniger gut durchgefegt – das hilft dem Haussperling. Ich war vor einiger Zeit mal auf einer Tagung in Münster. Die Innenstadt dort ist sehr gepflegt, mit aparten Fußgängerzonen. Beim Spazierengehen zähle ich oft Haussperlinge, aber im Zentrum von Münster habe ich keinen einzigen gesehen.

ZEIT: In Berlin dagegen werden Touristen und Einheimische von Spatzen fast belagert: Die Vögel warten vor Straßencafés und picken Krümel von den Tischen, sobald ein Gast aufgestanden ist.

Böhner: Es gibt tatsächlich oft kleine Schwärme, die sich dauernd in der Nähe von Cafés oder Imbissbuden aufhalten. Die Speisereste sind für sie eine wichtige Nahrungsquelle.

ZEIT: Stimmt es, dass Spatzeneltern ihren Kindern beibringen, Essensreste von Tellern zu stibitzen?

Böhner: Man kann in der Tat beobachten, dass erwachsene Haussperlinge mit ihren Jungvögeln auf einen Tisch fliegen, auf dem etwa Pommes frites liegen, und die Kleinen dort damit füttern. So lernen sie wahrscheinlich, was und wo man essen kann.

ZEIT: Pommes und Kuchen – macht das die Tiere auf die Dauer nicht krank?

Böhner: Mir ist keine Studie bekannt, die besagt, dass solche Nahrung den Haussperlingen schadet. Wenn sie zu viel Sahne gefressen haben, fliegen sie zur nächsten Wiese und essen Grassamen.

ZEIT: Spatzen mögen Sahne?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Böhner: Haussperlinge essen fast alles, was Menschen essen. Sie mögen selbst Currywürste, fettig und mit Ketchup bekleckert.

ZEIT: Was hat Berlin den Spatzen noch zu bieten?

Böhner: Häuser mit schadhaften Mauern und Dächern. Haussperlinge bauen ihre Nester gern unter Dachziegeln oder in Mauerspalten. Diese Nistplätze verschwinden aus den Städten, viele Neubauten werden aus Stahl und Glas errichtet. In Berlin allerdings gibt es noch relativ viele ältere, unsanierte Gebäude.

ZEIT: Heißt das: Je kaputter die Häuser, je ungepflegter die Parks, desto mehr Spatzen in einer Stadt?

Böhner: Ja, es gibt eine wissenschaftliche Studie aus England, die das nahelegt. Allerdings ist Biologie keine Mathematik, es gibt keine streng logischen Zwangsläufigkeiten. Letztlich wissen wir nicht genau, warum der Sperlingsbestand außer in Berlin fast überall in Deutschland zurückgeht. Aber wenn wir sehen, dass in Hamburg oder Köln pro zehn Hektar wohl keine zehn Haussperlinge mehr leben, in Berlin aber fast dreißig, dann hat es sehr wahrscheinlich damit zu tun, dass sie in Hamburg und Köln weniger Nistplätze und weniger Nahrung finden. Was sehr wahrscheinlich wiederum mit dem Zustand von Gebäuden und Grünflächen zu tun hat.

ZEIT: Wo haben die Spatzen gelebt, als es noch keine Großstädte gab?

Böhner: Savannengebiete in Kleinasien und im Nahen Osten waren wohl ihr Hauptlebensraum. Als der Mensch sesshaft wurde und Städte baute, haben sie sich dort angesiedelt.

ZEIT: Was können wir tun, um dem Spatzen zu helfen – er gehört ja in Deutschland inzwischen zu den Arten, die deutlich zurückgehen.

Böhner: Man muss nicht viel für ihn tun, sondern eher etwas lassen. Man darf nicht durch zu viel Pflege seinen Lebensraum einschränken, sollte auch mal Gebäudeschäden zulassen und bei Sanierungen Ersatz-Brutraum schaffen, zum Beispiel durch Nistkästen. Wenn man immer alles blitzsauber macht – auf der Straße, im Garten, in Parks –, arbeitet man vielleicht für die Bürger, aber gegen den Spatzen.