Ein Kind läuft nach einem Bombenangriff der syrischen Luftwaffe durch die zerstörten Straßen von Aleppo. © Rami Zayat/Reuters

Nichts ist ungewöhnlich am Tod von Abdul Rahman Nasr Allah, acht Jahre alt, Opfer eines Angriffs der syrischen Luftwaffe auf die Stadt Duma am 2. September. Also am selben Tag, an dem der dreijährige Ailan Kurdi, sein Bruder und seine Mutter beim Fluchtversuch vor der türkischen Küste ertranken. Das Foto des toten Ailan ging um die Welt. Von Abdul Rahman gibt es kein Bild, nur den Eintrag in der Statistik des Violation Documentation Center, einer syrischen Menschenrechtsorganisation. "Wenn die Staatschefs der Welt es nicht schaffen, diese Kinder zu retten", twitterte ein Aktivist aus Aleppo vergangene Woche, "sollten sie sich besser einen anderen Planeten zum Regieren suchen." Wie es im Moment aussieht, schaffen sie es nicht.

Dabei müsste jedem klar sein: Wer den Syrern helfen und ihre Massenflucht stoppen will, muss den Krieg beenden. Oder wenigstens eindämmen. Dazu jedoch müsste man sich von der Lebenslüge verabschieden, dass die größte Gefahr für die Syrer der "Islamische Staat" (IS) ist. Denn die weitaus größere Bedrohung ist Assads Regime.

Alle Kriegsbeteiligten begehen fortwährend Verbrechen an der Bevölkerung. Die verschiedenen Rebellenfraktionen haben durch Artilleriebeschuss mehrere Tausend Zivilisten getötet. Der Gewalt des IS sind in den vergangenen zwei Jahren mehrere Tausend Syrer zum Opfer gefallen. Die große Mehrheit der Kriegsverbrechen und der 250.000 Toten aber geht auf das Konto des Regimes. Assads Verpflichtung, alle C-Waffen abzugeben, ist längst vergessen. Zahlreiche Angriffe mit Chlorgas sind seither dokumentiert. Zehntausende sind seit Beginn der Proteste 2011 inhaftiert, über 7000 in Gefängnissen exekutiert oder zu Tode gefoltert worden.

Städte, die von Rebellen beherrscht sind, werden systematisch bombardiert, wobei die Ziele oft nicht die militärischen Stützpunkte, sondern Einrichtungen der lokalen Selbstverwaltung sind: Bäckereien, Schulen, Hospitäler. Laut Amnesty International hat Assads Luftwaffe seit 2012 mindestens 11.000 Zivilisten durch Fassbomben getötet, mit Sprengstoff und Stahlschrott beladene Kanister. Knapp zwei Wochen bevor der Junge Abdul Rahman Nasr Allah in Duma ums Leben kam, griff Assads Luftwaffe den Marktplatz der Stadt an. 112 Syrer starben, aber internationale Empörung blieb aus. Die folgte erst, als der IS wenig später Tempelruinen in der Stadt Palmyra sprengte.

So schwer das für eine westliche Öffentlichkeit unter dem Eindruck von Enthauptungsvideos des IS zu begreifen ist: Die Mehrheit der Syrer flieht nicht vor den Henkern des Kalifats, sondern vor den Fassbomben des Regimes.

Dabei ist Baschar al-Assad – so paradox es klingt – militärisch am Ende. Die Armee ist bis auf die Luftwaffe kaum noch existent, das Regime kontrolliert nicht einmal mehr ein Viertel des Landes, der Krieg rückt immer näher an die Assad-Hochburgen, die Mittelmeer-Städte wie Latakia. Das, so warnte der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura vor wenigen Tagen, könnte einen Exodus von bis zu einer Millionen Menschen auslösen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Dieser Wahnsinn ließe sich beenden, wenn der Westen seine Prioritäten neu setzt; wenn USA und Europa begreifen, dass sie den Syrienkrieg nicht "eindämmen" und den IS nicht erfolgreich bekämpfen können, solange Assads Kampfflieger und Helikopter unbehelligt Wohnviertel zerbomben.

Für diesen Politikwechsel braucht es zunächst keine zusätzlichen militärischen Mittel, sondern einige Korrekturen in der Wahrnehmung. Syrien ist kein Schlachtfeld, das sich Assad und der "Islamische Staat" aufteilen. Es ist ein Flickenteppich aus Gebieten unter der Kontrolle des Regimes, des IS sowie mehrerer Rebellengruppen, von denen einige zu Al-Kaida gehören, viele andere islamistisch sind und einige wenige das Etikett "moderat" verdienen. In deren Territorien existieren immer noch lokale Räte, die unter größten Mühen Schulen, Hospitäler, Strom- und Wasserversorgung am Laufen halten und, oft gegen den Widerstand der religiösen Milizen, auf ihren Freiheitsrechten bestehen. Diese Inseln der Selbstverwaltung greift das Regime tagtäglich an.

"Schutz vor Assads Bomben" antwortet denn auch fast jeder Aktivist in Syrien auf die Frage, was die Zivilgesellschaft im Land am dringendsten braucht. Eine Flugverbotszone wäre dafür gar nicht nötig. Es würde vermutlich reichen, wenn die USA und ihre Anti-IS-Koalition signalisierten, dass ab sofort auch syrische Helikopter ins Visier genommen werden, die mit Fassbomben auf dem Weg in befreite Gebiete sind. Erst wenn die Syrer in diesen Gebieten sich halbwegs sicher fühlen, können sie einen lokal begrenzten Wiederaufbau versuchen, der irgendwann auch Flüchtlinge zur Rückkehr motivieren würde.

Mit einem solchen Schritt wären diese Gebiete besser geschützt vor der Expansion des IS. Der hat in den vergangenen Jahren ja nicht das Regime bekämpft, sondern sich mit Brutalität befreite Gebiete einverleibt. Damaskus hat die Terrorgruppe lange und gern gewähren lassen, konnte das Regime doch auf diese Weise den gesamten Aufstand als "terroristisch" denunzieren. Die Zeiten dieses faktischen Nichtangriffspaktes zwischen Diktatur und Kalifat sind zwar vorbei. Doch nun profitiert der IS davon, dass nur er von amerikanischen Kampfbombern ins Visier genommen wird. Weil die Anti-IS-Koalition Assad bei seinen Verbrechen tatenlos zusieht, gerät sie in den Augen vieler Syrer zu dessen Komplizen. Das treibt dem Kalifat in Syrien weiter Rekruten zu.

Assad durch eine ernst gemeinte militärische Drohkulisse in die Schranken zu weisen wäre der erste Schritt, um wieder einen ernsthaften Verhandlungsprozess in Gang zu setzen. Es wäre auch der erste Schritt, den Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran klarzumachen, dass man ihrem skrupellosen sunnitisch-schiitischen Stellvertreterkrieg nicht länger tatenlos zusehen will.

Das ist allerdings zweifellos um einiges schwerer, aber nicht unmöglich geworden, seit Wladimir Putin – bislang noch verhohlen – eine Intervention zugunsten Assads in Aussicht gestellt hat. Offenbar hat Russland schwere Waffen und Soldaten nach Syrien entsandt, noch dementiert man halbherzig. Dabei ist der Preis für die erneute Aufrüstung Assads klar abzusehen: Sie würde diesen Krieg um Jahre verlängern – und damit auch die Flüchtlingskrise in den fragilen Nachbarländern und in Europa.

Mitarbeit: SAM ALREFAIE