Ein Bürogebäude in St. Georg mit videoüberwachtem Eingang. Hier betreibt Hamburgs bekannteste Domina Undine de Rivière ihr SM-Studio Rex. In drei Räumen bietet die 42-Jährige erotische Spiele an: im "Kuschelraum" mit Schummerlicht, im "härteren" mit Ledermasken und Eisenkäfig, im "Spielzimmer" mit Gynäkologenstuhl. Zum Gespräch lädt Undine allerdings in die Küche, mit Waschmaschine, Anatomie-Bibliothek und roten Handtüchern auf den Sitzflächen der Stühle.

DIE ZEIT: Undine de Rivière, wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Undine de Rivière: Ich bin mit ein paar Terminen in der Woche gut bedient. Allerdings gehört zu jeder gebuchten Stunde eine Stunde mit Vor- und Nachgespräch. Dazu kommen Marketing, E-Mail-Korrespondenzen, Bloggen, fürs Studio einkaufen, Wäsche waschen. Wenn man mich nach einer typischen Handbewegung fragt, dann ist das Handtücher falten.

ZEIT: Von welchem Beruf haben Sie als Kind geträumt?

De Rivière: Ich habe Sexarbeit früh als Option gesehen. Als Teenager habe ich Schundliteratur gelesen, verherrlichte Kurtisanen-Romantik. In den Romanen wurden die Kurtisanen am Ende aus ihrem liederlichen Leben gerettet – das fand ich dann nicht mehr so unterhaltsam.

ZEIT: Erst mal haben Sie Physik studiert.

De Rivière: Physik habe ich nie mit einem konkreten Ziel studiert. Ich habe mein Diplom gemacht und mein Studium mit Sexarbeit finanziert. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, ich musste mir beweisen, dass ich auch etwas anderes machen könnte – nur um später dann das zu machen, was mich wirklich interessiert.

ZEIT: Erinnern Sie sich an das erste Mal, als Sie für Sex Geld genommen haben?

De Rivière: Ja, mit Anfang 20. Ich habe in den damaligen Peepshows gearbeitet, stand auf Drehtellern und habe mich langsam ausgezogen. Durch Sehschlitze konnten Zuschauer zusehen und dabei tun, was immer sie tun wollten. Die Trennscheiben konnten wir abschrauben und mit den Kunden direkt Kontakt aufnehmen. Unsere Grenzen konnten wir selbst setzen, insofern war das ein sanfter Start für mich.

ZEIT: Wie viel Geld haben Sie damit verdient?

De Rivière: Genug, um mein Studium zu finanzieren. Ich habe ein, zwei Wochenenden im Monat gearbeitet, als studentischer Nebenjob war das genial. Die Peepshows waren zu diesem Zeitpunkt schon verboten, nur noch Altbestände wurden geduldet. Es hieß, sie verstießen gegen die Würde der Frau. Die Frauen, die dort gearbeitet haben, wollten aber genauso arbeiten. Schon damals hatten wir die Diskussion: Warum entscheidet jemand anderes, was für uns würdevolles Arbeiten ist?

ZEIT: Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie ihr gesagt haben, dass Sie als Prostituierte arbeiten?

De Rivière: Ich bin in einer Kleinstadt in Südwestdeutschland aufgewachsen, natürlich haben sich meine Eltern Sorgen gemacht. Um Sexarbeit ranken sich viele Legenden. Glücklicherweise bin ich mit einer bodenständigen Familie gesegnet, die sehr entspannt ist. Und heute weiß mein gesamtes Umfeld von meinem Beruf.

ZEIT: Hatten Sie jemals Angst vor Ihren Kunden?

De Rivière: Es gab noch nie eine Situation, die ich nicht verbal deeskalieren konnte. Ich bin tatsächlich in den 20 Jahren, die ich das mache, noch nie mit irgendetwas Kriminellem konfrontiert worden. Von Kolleginnen aus der Straßenprostitution höre ich von der Gewalt in der Branche. Vor allem hier in St. Georg, mit Sperrbezirk und Kontaktverbotsverordnung. Da muss jede Anbahnung auf der Straße ganz schnell gehen, die Frauen können sich die Kunden nicht genau angucken. Da kommt es dann zu Eskalationen.