Die Welt hat ein Drogenproblem. Es geht nicht um Alkohol, nicht um Kokain, nicht um Crystal Meth. Es geht um Geld. Rund um den Planeten spritzen die Zentralbanken immer neue Finanzmittel in die Wirtschaft – und nie ist es genug. Die erlösende Wirkung von mehr Wachstum und Inflation will sich einfach nicht einstellen. Also noch mehr von der Droge, lautet die Antwort – obwohl sie uns den Bezug zur Wirklichkeit raubt.

Vergangenen Freitag trat die Absurdität voll zutage. Aus Washington drang die Nachricht an die Börsen, dass die Arbeitslosenquote in Amerika gesunken sei. Mehr Arbeit, mehr Lohn, mehr Kaufkraft – eine gute Nachricht, sollte man meinen. Doch erst brachen die Kurse an der Wall Street zusammen, dann in Europa. Die Börsianer fürchteten, dass die Notenbank angesichts der starken Wirtschaft den Zins ein wenig anhebt.

So weit hat es die Welt sieben Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise gebracht: Billiges Geld wird nicht mehr danach bewertet, ob es die Wirtschaft antreibt – sondern als Ziel an sich. Die Finanzmärkte sind besessen davon. Was einmal als Übergangshilfe für gebeutelte Volkswirtschaften gedacht war, wird zur Gewohnheit, von der die Welt schwer lassen kann.

Oder gar nicht. Europas oberster Zentralbanker überlegt laut, ob er den Hahn weiter öffnet. Die Zinsen sind fast bei null, noch ein Jahr lang wird Mario Draghi monatlich für 60 Milliarden Euro Anleihen kaufen – oder weniger fein ausgedrückt: Geld drucken. Das steht fest. Und doch redet er darüber, das Programm auszuweiten. Praktisch existierten da keine Grenzen, sagt er.

Da gibt es nur ein kleines Problem: Während das billige Geld der Wirtschaft fraglos durch die schlimmste Phase der Finanzkrise half, steht seine Wirkung jetzt infrage. Selbst die Londoner Financial Times bezweifelte diese Woche, dass Draghis Billionen helfen. Obwohl Geld so billig ist wie nie, würden die Firmen nicht investieren.

Welcher Schaden aber angerichtet wird, war auf derselben Titelseite zu lesen. In Amerika setzen Anleger wieder auf die minderwertigen Hypotheken, die überhaupt erst die Finanzkrise auslösten. Bloß heißen sie jetzt nicht mehr subprime ("zweitklassig"), sondern non-prime ("nicht erstklassig"). Einfach herrlich.

Neue Blasen entstehen

Diese Entwicklung sollte niemanden wundern. Weil sichere Anleihen sich nicht rentieren, greifen Investoren zu anderen Papieren. Dabei verwischen die Unterschiede zwischen guten und schlechten Hypotheken, zwischen kleinen und großen Risiken. Die Folge ist fast unausweichlich: Blasen entstehen. Und wenn sie platzen, wird neues Geld gefordert.

Es gebe schon genug Geld und genug Schulden, sagt Wolfgang Schäuble. Ein kaum verhohlener Hilferuf des deutschen Sparministers, der weiß: Geld, das nichts kostet, verführt die Staaten zum Schuldenmachen. Die weltweite Verschuldung ist höher denn je, weil ihre Last dank niedriger Zinsen kaum zu spüren ist. Umgekehrt heißt das: Zentralbanker müssen mit extrem starkem Gegenwind rechnen, wenn sie den Zins wieder zum Leben erwecken wollen. So verstärkt sich der Kreislauf des billigen Geldes von selbst.