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Flüchtlinge – dies ist nur der Anfang

Wie oft wollen wir uns noch überraschen lassen? Wie oft wollen wir sagen, wir wussten nicht, wie viele Flüchtlinge kommen? Im April, als ein Boot mit 800 Menschen an Bord im Mittelmeer kenterte, wachte Europa endlich auf. Aber niemand rechnete mit den Hunderttausenden, die heute vor den Toren stehen. Weil es niemand wahrhaben wollte. Dabei war zu spüren, wie in den libanesischen und türkischen Flüchtlingslagern die Nahrung und die Hoffnung schwanden. Und heute? Wie viele werden noch zu uns kommen?

Kaum eine Autostunde von Beirut entfernt liegen in der Bekaa-Ebene die ersten Flüchtlingslager. Rund um Deir al-Ahmar, Zahle oder Akkar leben Syrer, die vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflohen sind, in improvisierten Zeltstädten. Zwischen den Zelten stehen Satellitenschüsseln, viele Menschen dort haben Zugang zum Internet. Und sie alle sehen die Bilder des großen Flüchtlingstrecks Richtung Europa. Sie sehen die bewegenden Szenen vom Münchner Hauptbahnhof, die klatschenden Helfer, die Ankommenden, denen Obst gereicht wird, die Kinder, denen man Teddybären schenkt.

Gut eine Million Syrer sind nach Angaben des UNHCR, des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, vor dem Bürgerkrieg in den Libanon geflohen. Fast zwei Millionen haben sich in der Türkei in Sicherheit gebracht, gut 600.000 in Jordanien und 250.000 im Irak. Insgesamt über vier Millionen Menschen sind aus Syrien in die Nachbarländer geflohen. Und nicht wenige von ihnen fragen sich, wie lange sie noch dort bleiben sollen. "Eigentlich", sagen Syrer in Beirut, "eigentlich ist jeder bescheuert, der noch hier ist."

Das Bild des toten Aydan Kurdi hat einige Syrer im Libanon davon abgehalten, sich auf den Weg nach Europa zu machen, vor allem jene mit kleinen Kindern. Viele andere aber sind auf dem Sprung oder bereits unterwegs. Der Preis für die illegale Passage, den Menschenschmuggler verlangen, liegt derzeit bei 2000 Dollar. Die Route führt über den Hafen der nordlibanesischen Stadt Tripoli mit einem regulären Schiff in die Türkei. Die Schiffe sind auf Tage und Wochen hinaus ausgebucht.

Wohlhabendere Syrer, darunter viele Assad-Anhänger, fliegen ganz legal über Beirut in die Türkei und machen sich von dort aus auf den Weg. Mehrere Zeitungen berichten, dass Flugbegleiter auf diesen Strecken ihre Passagiere davon abhalten müssen, die Schwimmwesten zu klauen.

NGOs beklagen zunehmend die Abwanderung ihrer besten Mitarbeiter in Syrien: Ärzte, Psychologen, Lehrer gehen nach Europa. Weil sie sich finanziell nicht mehr über Wasser halten können. Oder weil sie keine Kraft, keine Hoffnung mehr haben. Es ist ein Teufelskreis. Wenn sie gehen, verschlechtert sich die Versorgung der Menschen in Syrien weiter – was wiederum die Flucht verstärken wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Die dänische Regierung hat deshalb in libanesischen Zeitungen bereits Anzeigen geschaltet, die auf Arabisch von einer Auswanderung nach Europa abhalten sollen.

Tatsächlich aber sind es nicht die Bilder aus Europa allein, die den Aufbruch beschleunigen. Hauptgründe sind die sich weiter verschärfende Lage in Syrien und der erhöhte Druck auf die Flüchtlinge in den Nachbarländern. Die libanesische Regierung verlängert den Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge nicht mehr, die Armee hat in den vergangenen Wochen mehrere Camps geräumt – vermutlich, weil sie nahe der syrischen Grenze ein Überschwappen der Kämpfe erwartet. Zudem haben die UN-Organisationen immer weniger Geld, um die Syrer in den Flüchtlingslagern zu versorgen. Der monatliche Food-Voucher des World Food Programme betrug vergangenes Jahr noch 30 Dollar pro Monat und Person, jetzt sind es nur noch 13,50. All das treibt immer mehr Leute auf den Weg nach Europa.

Wenn man dieser Tage mit Regierungsvertretern in Berlin spricht, dann sagen sie – vertraulich –, die Verteilung der Migranten innerhalb der EU sei nicht das größte Problem. Viel wichtiger sei es, die Menschen in den Flüchtlingslagern in Syrien, dem Libanon und der Türkei davon abzuhalten, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Denn sollten sie kommen, würde das alles in den Schatten stellen, was wir bislang erlebt haben.

Wie viele Flüchtlinge werden also noch kommen? Niemand mag sich festlegen. "Mit Zahlen, selbst mit ungefähren Schätzungen", sagt Stefan Telöken, Sprecher der deutschen Vertretung des UNHCR, "verbrennt man sich nur die Finger." Aber auch beim UNHCR sprechen sie von einem "Wendepunkt".

Gut möglich, dass aus Hundertausenden alsbald Millionen werden, dass diese Sommerwochen keine Ausnahme waren, sondern ein Anfang.