Kann man das vergleichen: die Flucht aus der DDR – und die Flucht aus Kriegs- und Krisengebieten heute? Am besten fragt man einfach diejenigen, die einst den SED-Staat verlassen haben, sei es über Ungarn, die Prager Botschaft oder die grüne Grenze. Wir drucken hier die Beiträge von 25 Menschen, die der DDR den Rücken kehrten – und die sich beim Anblick aktueller Flüchtlingsbilder an ihr eigenes Schicksal erinnert fühlen.

Roland Schreyer

"Um es mal überspitzt zu sagen: Ich bin einer der vielen jungen Männer, die ihr Land und ihre Familie verlassen haben, um anderswo ihr Glück zu suchen. Ich bin vorausgegangen, wie das viele junge afghanische oder syrische Männer heute auch tun. 1988 kehrte ich von einer Westreise, die mir die DDR genehmigt hatte, nicht zurück. Meine Frau, meine zehnjährige Tochter und meine Eltern wollte ich nachholen. Weil ihre Ausreise nicht genehmigt wurde, überlegte ich mir einen Plan. Nachts fuhr ich zu einem westdeutschen Grenzort, kroch durch die Kanalisation. Die Gitter, die unterirdisch Westen und Osten trennten, zersägte ich. Da schmuggelte ich meine Familie durch. Unsere Flucht hat zwei Stunden gedauert, wir waren danach fix und fertig. Die Flucht heutiger Asylsuchender dauert Wochen. Diese Menschen haben unsere Hilfe wirklich nötig."

Schreyer, 59, stammt aus Harbke (Sachsen-Anhalt). Er lebt als Sozialpädagoge in Voerde (Niederrhein)

Hagen Schulz-Zachow

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 37 vom 10.09.2015.

"Ich fühle mich angesichts der aktuellen Bilder so wahnsinnig an das erinnert, was wir 1989 erlebt haben. Ich bin damals über Ungarn geflohen, zusammen mit einem Kumpel, der von der Stasi verfolgt wurde. Wir sind mit dem Auto über die Grenze nach Österreich. Und wurden dort sofort mit Notrationen, Lebensmitteln und ein bisschen Geld begrüßt. Später kamen wir nach Bayern, Passau, in ein Zeltlager. Und lebten noch für einen Monat auf einem Zeltplatz in Hamburg. Unzählige Menschen besuchten uns, brachten Essen, Kleidung, Spenden. Wir müssen uns heute an diese Hilfsbereitschaft erinnern! Müssen zusammenhalten. Die Arme ausbreiten."

Schulz-Zachow, 48, ist Musiker und arbeitet in Schwerin als Produzent beim Radio

Peter Escher

"Ich muss in diesen Tagen oft daran denken, wie herzlich die Westdeutschen uns einst aufgenommen haben. Wir haben geweint vor Rührung und Dankbarkeit, weil uns fremde Menschen in die Arme schlossen. 1989 sind wir über Ungarn abgehauen, meine Frau, die Kinder und ich. Wir fuhren in eine für DDR-Flüchtlinge organisierte Zeltstadt in Budapest. Es gab dort Essen, Verpflegung, nach drei Wochen war klar: Wir können ausreisen, über Österreich. Wir haben gebrüllt vor Begeisterung, kamen zuerst in Deggendorf in einem Zeltlager unter. Ein Wahnsinn, welche Freude und Hilfsbereitschaft wir da erlebten. Es standen Tausende Einwohner um dieses Zeltlager herum, Firmenchefs boten Jobs an. Eine alte Frau schenkte uns fünf Mark. Später lernten wir auf einer Autobahnraststätte Menschen kennen, die sich mit Thermoskannen und Broten hingestellt hatten. Wir konnten sogar bei ihnen übernachten. Sie öffneten ihre einzige Flasche Champagner, schenkten uns Schultaschen für die Kinder, Bettwäsche, Lederjacken. Wir sollten heute so solidarisch sein wie diese Leute damals an der Autobahn bei Regensburg."

Escher, 61, in Weißwasser geboren, lebt als TV-Moderator in Leipzig