Oja, Schweden habe ihn sehr warmherzig angenommen, sagt Hassan. Man könnte sogar sagen, dass es ihn seit fünf Jahren warmherzig aufnimmt. Nur angekommen ist Hassan noch immer nicht. Mittlerweile hält er es nicht mehr aus hier. "Können Sie mir helfen, in die USA zu kommen?", fragt der 42-jährige Somalier schon nach ein paar Minuten Gespräch mit flehendem Blick. Er hebt die Hände über den Tisch: Mit denen wolle er arbeiten, gerne hart, Lasten tragen, sauber machen, egal, Hauptsache, eigenes Geld verdienen. In Schweden gebe es solche Jobs einfach nicht, außerdem sei die Sprache so schwierig. Hassan aus Mogadischu macht sich keine Illusionen mehr über seine Integrationschancen in Borlänge, einer Industriestadt etwa drei Autostunden nordwestlich von Stockholm.

"Das ist kein Leben hier", sagt er, sichtlich erschöpft vom jahrelangen Hoffen und Warten, in der Küche einer Wohnsiedlung am Ortsrand. In den alten Arbeiterapartments wohnen fast 3000 Somalier. Fast niemand hier, sagen Hassan und seine Bekannten, habe Arbeit gefunden. All den Schwedisch- und Integrationskursen zum Trotz lebten sie noch immer von staatlicher Hilfe.

Schweden hatte es nicht nur gut gemeint, sondern besser als alle anderen. Kein anderes Land in Europa hat bis zum vergangenen Wochenende pro Kopf mehr Flüchtlinge aufgenommen, 8,1 pro tausend Einwohner (Deutschland: 2,8). Aber eine Herberge ist eben noch lange kein Zuhause, vor allem dann nicht, wenn die Herbergsordnung komplex ist. Schweden, das war Urmodell und Vorbild für den europäischen Sozialstaat. Heute, im Immigrationseuropa, zeigt sich in Schweden wie unter einem Brennglas, welche Probleme entstehen, wenn Einwanderung auf Wohlfahrtsstaat trifft – und wenn darüber nicht geredet wird. Diese politische Verdrängung rächt sich jetzt. Die Ankommenden schieben Frust, die Aufnehmenden Wut.

"Sorry about the mess here in Sweden", Entschuldigung für die Unordnung hier, plakatierten unlängst die Schwedendemokraten in der Stockholmer U-Bahn. Das Land habe leider Probleme mit Bettelei, und "die Regierung tut nicht, was notwendig ist". Mit genau dieser Tonlage eroberten die Schwedendemokraten, eine Partei mit neonazistischen Wurzeln, bei den Wahlen 2014 volle 13 Prozent der Stimmen. Bei einer (nicht repräsentativen) YouGov-Umfrage vor wenigen Wochen landeten sie gar als stärkste Partei vor den Sozialdemokraten, die zusammen mit den Grünen regieren. Die Zahlen waren ein Schock für viele Schweden, die sich jetzt fragen, wohin das noch führen soll. Woher der Rechtsruck kommt, darüber scheint sich das Land allerdings einig.

Es dauert Jahre, bis ein anerkannter Flüchtling Arbeit findet

Rund um das gewaltige Werk von Svenskt Stål in Borlänge riecht es nach Metallausdünstungen. Von einst 8000 Jobs in der Walzanlage sind noch 2200 übrig geblieben, und von den Arbeitern, berichtet der Gewerkschafter Kenneth Arnberg, wählten immer mehr die Schwedendemokraten. Der Grund ist für Arnberg – selbst ein Sozialdemokrat – völlig klar. "Die Sozialdemokraten sprechen die Probleme, die Flüchtlinge bringen, nicht an. Und solange sie das nicht tun, werden die Schwedendemokraten weiter zulegen." Eines dieser Probleme sei es nun einmal, dass es für einen Flüchtling wie Hassan selbst in einer gigantischen Fabrik keinen Job gebe. "Schon die einfachsten Tätigkeiten hier setzen Computerkenntnisse voraus", sagt Arnberg, "und um die zu lernen, musst du ordentlich Schwedisch sprechen." Für jemanden, der als Analphabet nach Skandinavien kommt, ist das ein langer Weg.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Laut Angaben der schwedischen Arbeitsagentur dauert es durchschnittlich sieben bis neun Jahre, bis ein anerkannter Flüchtling Arbeit findet. Vor die Wahl gestellt, diesen mühevollen Weg zu gehen oder von Sozialhilfe und Kindergeld ein auskömmliches Leben zu fristen, entscheiden sich viele Einwanderer für die Wohlfahrtsvariante.

Solche Entwicklungen anzusprechen habe einem in Schweden zuverlässig den Vorwurf des Rassismus eingebracht, klagen nun selbst immer mehr Linke und Liberale. In der politischen Debatte sei es zu oft darum gegangen, die Standpunkte der Schwedendemokraten zu verdammen, statt sie zu entkräften. "Wir Schweden glauben fest an den gleichen Wert aller Menschen. Das ist schön. Aber es reicht nicht", sagt Göran Greider, ein sozialdemokratischer Verleger und Journalist. "Rassismus mit Antirassismus zu bekämpfen führt nur zu Moralschlachten, ändert aber nichts an den Verhältnissen."

Stattdessen wäre beispielsweise ganz nüchtern darüber zu reden, wie viel Entscheidung tatsächlich darin steckt, wenn Migranten von Sozialhilfe und Kindergeld leben – oder ob dieses Verhalten sich nicht oft genug auch aus schierer Resignation erklären lässt, angesichts der Hürden, die Schweden rund um seinen Arbeitsmarkt aufgestellt hat. Wie zeitgemäß ist noch die alte Volksheim-Idee, wonach der Staat weder Hätschelkinder noch Stiefkinder kennt, weder Abstammung noch Herkunft?