Vergessen wir die barbarischen Untaten der lokalen Bevölkerung und nehmen nur die ausländischen Hochtechnologiefirmen aus der Gleichung, und schon bricht das ganze Gebäude der ethnischen Kriegsführung zusammen. Hier sollten wir ansetzen, wenn wir den Afrikanern wirklich helfen und den Flüchtlingsstrom stoppen wollen. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die meisten Flüchtlinge aus "gescheiterten Staaten" kommen, in denen die Hoheitsgewalt zumindest in weiten Teilen mehr oder weniger außer Kraft gesetzt ist (Syrien, Libanon, Irak, Libyen, Somalia, Kongo). Der Zusammenbruch der Staatsgewalt ist kein lokales Phänomen, sondern die Folge der internationalen Politik und Wirtschaft, in manchen Fällen wie in Libyen und im Irak sogar das unmittelbare Resultat einer westlichen Intervention. Offensichtlich ist die Zunahme "gescheiterter Staaten" kein unbeabsichtigtes Unglück, sondern einer der Mechanismen, mit denen die Großmächte ihren ökonomischen Kolonialismus ausüben. Darüber hinaus ist die Ursache für den Staatszerfall im Nahen Osten in den künstlichen Grenzen zu suchen, die nach dem Ersten Weltkrieg von England und Frankreich gezogen wurden und eine Reihe von "künstlichen" Staaten schufen: Indem er die Sunniten in Syrien und im Irak vereinigt, führt der IS letztlich zusammen, was von den Kolonialherren auseinandergerissen worden war.

Es ist kaum zu übersehen, dass einige nicht so wohlhabende Länder im Nahen Osten (die Türkei, Ägypten, Iran) viel offener für Flüchtlinge sind als die wohlhabenden. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben keine Flüchtlinge aufgenommen, obwohl sie der Krisenregion benachbart und reich sind; auch stehen ihnen die Flüchtlinge, zumeist Muslime, kulturell viel näher als Europa. Nimmt Saudi-Arabien niemanden auf, weil es ein fundamentalistischer Gottesstaat ist, der keine "fremden Elemente" duldet? Gewiss, doch sollte man auch nicht vergessen, dass es vollständig in den Westen integriert ist: Sind Saudi-Arabien und die Emirate, ökonomisch betrachtet, nicht Außenposten des westlichen Kapitals, gänzlich abhängig von ihren Öleinnahmen? Die Völkergemeinschaft sollte größtmöglichen Druck auf Saudi-Arabien (und Kuwait, Katar und so weiter) ausüben, damit diese Länder ihre Pflicht erfüllen und ein großes Kontingent Flüchtlinge aufnehmen. Nicht zuletzt, weil Saudi-Arabien aufgrund seiner Unterstützung der Anti-Assad-Rebellen größtenteils für die Lage in Syrien verantwortlich ist.

Ein weiteres Merkmal dieser reichen Länder ist das Aufkommen einer neuen Sklaverei. Während sich der Kapitalismus als Wirtschaftssystem legitimiert, das persönliche Freiheit fördert, brachte seine Dynamik eine eigene Sklaverei hervor: nicht mehr als ein unmittelbarer Rechtsstatus versklavter Personen, sondern in einer Fülle neuer Formen. Die Millionen von Arbeitsmigranten auf der saudischen Halbinsel etwa sind faktisch elementarer bürgerlicher Rechte und Freiheiten beraubt. Eine völlige Kontrolle wird auch über Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter in asiatischen Ausbeutungsbetrieben ausgeübt, die oft direkt als Konzentrationslager organisiert sind.

Doch müssen wir gar nicht so weit in die Ferne schauen. Am 1. Dezember 2013 starben mindestens sieben Menschen, als eine Textilfabrik in chinesischem Besitz niederbrannte, in einem Industrieviertel von Prato, das für seine große Zahl von Textilfabriken bekannt ist, zehn Kilometer vom Zentrum von Florenz entfernt. Der regionale Gewerkschafter Roberto Pistonina kommentierte: "Niemand sollte überrascht sein, da seit Jahren bekannt ist, dass in der Gegend Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschen in sklavenähnlichen Verhältnissen leben." Allein in Prato, einer Stadt von knapp 200.000 Einwohnern, leben wenigstens 15.000 offiziell angemeldete Einwanderer aus China und befinden sich über 4.000 Firmen in chinesischem Besitz. Man vermutet, dass weitere Tausende illegal in der Stadt leben und bis zu 16 Stunden täglich für ein Netz aus Großhändlern und Produktionsbetrieben Billigkleidung herstellen.

Die neue Sklaverei kann also direkt vor unserer Nase sein, in unserem Haus, wir sehen sie nur nicht (oder tun so, als sähen wir sie nicht). Diese neue Apartheid, die systematische Ausweitung der faktischen Sklaverei, ist eine strukturelle Notwendigkeit des globalen Kapitalismus. Vielleicht wollen die Flüchtlinge deshalb nicht nach Saudi-Arabien. Doch bieten sich Flüchtlinge nicht auch in Europa als billige Arbeitskräfte an? In vielen Fällen zulasten der örtlichen Arbeitskräfte, die auf diese Bedrohung reagieren, indem sie sich einwanderungsfeindlichen Populisten anschließen? Für die meisten Flüchtlinge dürfte die Realität ihres wahr gewordenen Traums so aussehen.

Die Flüchtlinge wollen nicht nur ihren vom Krieg zerrissenen Heimatländern entkommen, sie sind auch von einem Traum besessen. Immer wieder sehen wir auf unseren Bildschirmen Flüchtlinge in Süditalien, die dort nicht bleiben wollen – zumeist zieht es sie in skandinavische Länder. Und was ist mit den Tausenden in Calais, die sich nicht mit Frankreich begnügen, sondern ihr Leben riskieren, um nach England zu gelangen? Und mit den Zehntausenden in den Balkanländern, die es wenigstens bis nach Deutschland schaffen wollen? Sie erklären diesen Traum als ihr unbedingtes Recht und fordern von den europäischen Behörden nicht nur eine angemessene Ernährung und medizinische Versorgung, sondern auch den Transport an den Ort ihrer Wahl. Es ist etwas Rätselhaft-Utopisches an dieser unerfüllbaren Forderung: als ob es Europas Pflicht wäre, ihnen einen Traum zu verwirklichen, der im Übrigen die Möglichkeiten selbst der meisten Europäer übersteigt. Wie viele Süd- und Osteuropäer würden nicht auch lieber in Norwegen leben?

Hier sieht man das Paradox: Gerade wenn sich Menschen in Armut, Not und Gefahr befinden und man erwarten würde, dass sie mit einem Minimum an Sicherheit und Wohlergehen zufrieden wären, explodiert die absolute Utopie. Die harte Lektion für die Flüchtlinge lautet, "dass es kein Norwegen gibt", nicht einmal in Norwegen. Sie werden lernen müssen, ihre Träume zu zensieren: Statt ihnen in der Wirklichkeit zu folgen, sollten sie sich darauf konzentrieren, die Wirklichkeit zu verändern.

Über eines sollte man sich im Klaren sein: Die Vorstellung, der Schutz der eigenen Lebensweise sei an sich protofaschistisch oder rassistisch, muss verworfen werden. Wenn wir das nicht tun, machen wir den Weg frei für eine europaweite Welle der Immigrationsfeindlichkeit. Die linksliberale Standardreaktion auf solche Entwicklungen ist ein arroganter Moralismus nach dem Motto: Sobald wir den "Schutz der eigenen Lebensweise" als Motiv akzeptieren, schwächen wir unsere Position, da wir lediglich eine moderatere Version dessen vorschlagen, was die populistischen Einwanderungsgegner in unverhohlener Drastik verfechten. Ist das nicht die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte? Die Parteien der Mitte lehnen den offenen Rassismus der immigrationsfeindlichen Populisten ab, beteuern aber zugleich, die "Sorgen der einfachen Leute zu verstehen", und betreiben eine "vernünftigere" Version derselben Politik.

Auch wenn darin ein Körnchen Wahrheit steckt, sollte man die vorherrschende linksliberale humanitäre Haltung verwerfen. Gebetsmühlenhaft wiederholte Klagen – dass Europa sein Mitgefühl verloren habe, dem Leiden anderer gegenüber gleichgültig sei und so weiter – bilden lediglich das Gegenstück der einwanderungsfeindlichen Brutalität. Sie teilen dieselbe – alles andere als selbstverständliche – Voraussetzung, dass die Verteidigung der eigenen Lebensweise einen ethischen Universalismus ausschließt.

Man sollte es also vermeiden, sich auf das liberale Spiel "Wie viel Toleranz können wir uns leisten?" einzulassen: Sollen wir es tolerieren, wenn sie ihre Kinder daran hindern, staatliche Schulen zu besuchen? Wenn sie ihre Frauen zwingen, sich auf bestimmte Weise zu kleiden? Wenn sie brutal gegen die Homosexuellen in ihren Reihen vorgehen? Auf dieser Ebene sind wir natürlich nie tolerant genug. Oder aber immer schon zu tolerant und missachten die Rechte von Frauen und so weiter. Aus dieser Sackgasse findet man nur einen Ausweg, wenn man über die bloße Toleranz gegenüber anderen hinausgeht: Respektiert die anderen nicht einfach nur, bietet ihnen einen gemeinsamen Kampf an, da unsere Probleme heute gemeinsame Probleme sind!

Flüchtlinge sind der Preis der globalen Wirtschaft. In unserer Welt zirkulieren Waren frei, nicht aber Menschen: Neue Formen von Apartheid bilden sich heraus. Das Thema der Bedrohung, von Fremden überschwemmt zu werden, wohnt dem Kapitalismus grundsätzlich inne, sie ist ein Gradmesser für das, was an der kapitalistischen Globalisierung falsch ist. Es scheint, als wollten die Flüchtlinge die freie globale Warenzirkulation auch auf Menschen ausweiten.