Die Außenbezirke der indischen Metropole Mumbai © dpa

Warum flüchten Menschen? Warum lassen sie Vertrautes hinter sich, um für sich und die Ihren etwas Besseres zu finden? Die Antworten auf diese Fragen sind höchst unterschiedlich. Wir haben uns hierzulande angewöhnt, zwischen Asylsuchenden und Wirtschaftsflüchtlingen zu unterscheiden.

Bloß: Ist diese Trennlinie auf Dauer tatsächlich so scharf zu ziehen? Die Ursachen für den Migrationsdruck liegen in Verfolgung, Diskriminierung und Kriegen, aber auch in den gewaltigen Einkommensunterschieden zwischen armen und reichen Völkern.

Damit verbunden sind die Ungerechtigkeit in den weltwirtschaftlichen Austauschbeziehungen, die unterschiedlichen Möglichkeiten von Staaten und Gesellschaften, sich Ressourcen anzueignen und in Wohlstand umzuwandeln – und zukünftig vor allem die Folgen von Umweltzerstörung und Klimawandel. Die folgenden Fakten mögen das verdeutlichen:

Während das reichste Fünftel der Menschheit 1960 einen Anteil von 70 Prozent am Weltsozialprodukt auf sich vereinte, sind es heute 84 Prozent. Zugleich sank der Anteil des ärmsten Fünftels der Weltbevölkerung am globalen Sozialprodukt von 2,3 auf ein Prozent. Für die dazwischenliegenden drei Fünftel der Weltbevölkerung blieben 15 Prozent.

Die These, dass es den Armen fast wie von selbst besser gehen werde, wenn nur die Einkommen der Reichen weiter stiegen, hat sich nicht als tragfähig erwiesen. Die traurige Faustregel lautet: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Kann man sich im Internet-Zeitalter angesichts dieser Zahlen darüber wundern, dass die Wohlstandsinseln der nördlichen Hemisphäre für immer mehr junge Menschen aus dem Süden zu Sehnsuchtsorten werden?

Die gegenwärtige Weltwirtschaftsordnung ist, abgesehen vom Sonderfall China, vor allem ein Instrument, um die Dominanz von industrialisierten Staaten über Entwicklungsländer sicherzustellen. Da viele Staaten Afrikas, Lateinamerikas und Asiens den Löwenanteil ihrer Exporterlöse mit Rohstoffen und Agrarprodukten erzielen, hängen sie extrem stark von der Entwicklung der Weltmarktpreise ab.

Die internationalen Tauschverhältnisse verschlechtern sich aber für viele Entwicklungsländer zusehends: Während Produkte mit hoher Fertigungstiefe und Industrieprodukte teurer werden, verfallen Rohstoff- und Agrarpreise. Solange Entwicklungsländer auf die Rolle bloßer Rohstofflieferanten festgelegt werden, sollte man sich nicht wundern, wenn mehr Menschen aus diesen Ländern dahin wandern, wo der größte Teil der Wertschöpfung generiert wird: zu uns.

Durch den gewaltigen Energie- und Ressourcenhunger der industrialisierten Welt und die Globalisierung westlicher Konsummuster werden weltweit ökologische Probleme verursacht, die auch Migrations- und Flüchtlingsströme auslösen. Obwohl die Erfassungsmethodik für "Umweltflüchtlinge" noch unausgereift ist, sind die Zahlen doch erschreckend: 2010 waren nach Schätzungen weltweit mehr als 40 Millionen Umweltflüchtlinge unterwegs.

Für 2050 geht die Internationale Organisation für Migration allein von 200 Millionen Klimaflüchtlingen aus. Sie könnten sich als Folge von Meeresspiegelanstieg, Wetterextremen, Verwüstung und Wassermangel auf den Weg machen, wenn nicht gegengesteuert wird. Bislang fanden die entsprechenden Wanderungsbewegungen ganz überwiegend innerhalb der betroffenen Staaten und Regionen der Südhalbkugel statt – und erreichten den wohlhabenden Norden kaum. Angesichts der schieren Zahlen der Betroffenen wird es dabei nicht bleiben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Was bedeuten diese Fakten politisch? Vor allem erweitern sie die Agenda der Flüchtlingspolitik. Dass viele Menschen in Deutschland und anderen europäischen Ländern sich angesichts der akuten Problemlage gegenüber den Flüchtlingen so anständig und hilfsbereit zeigen und sich auch gegen die menschenverachtenden Hetzer stellen, die Flüchtlinge beleidigen oder gar angreifen, ist ein gutes Zeichen, über das wir alle froh sein können.

Unabhängig davon muss uns aber klar werden, dass die Ursachen für Migration zum Teil in unserer Verantwortung liegen. Das politische Engagement für einen anspruchsvolleren Klimaschutz, Ressourceneinsparung sowie mehr Ressourcengerechtigkeit, fairer Handel und eine bessere Entwicklungszusammenarbeit sind wichtig, damit sich die Weltgesellschaft nachhaltig entwickeln kann.

Ist das nun Gutmenschentum, das an den geopolitischen Realitäten zerschellen wird? So leicht dürfen es sich die Gegner nicht machen. Denn nicht minder blauäugig ist sicher die Hoffnung, wir könnten auf unserer Wohlstandsinsel einfach weitermachen wie bisher, uns bequem und günstig die Ressourcen beschaffen, die wir für unser Wohlergehen brauchen, und ansonsten die Türen vor dem Elend der Welt verschließen. Das wäre kein Realismus, sondern Realitätsverweigerung.