Europa steht vor der schwersten Flüchtlingskrise, welche die Welt seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Während der Konflikt in Syrien ins fünfte Jahr geht, wenden sich immer mehr Vertriebene auf der Suche nach Schutz und Hilfe an Europa. Mehr und mehr Menschen sterben bei dem verzweifelten Versuch, dem Krieg und der Verfolgung zu entgehen. Mit jedem Monat, der verstreicht, zeigt sich, dass Europa bislang zu wenig tut und zu spät handelt. Wir erleben eine Flüchtlingskrise, aber die Weigerung, etwas zu unternehmen, hat auch eine schwere politische Krise aufgedeckt.

Unserer bewegten Vergangenheit zum Trotz muss Europa nun zeigen, dass es als Kontinent geschlossen steht und dass Solidarität, Gleichheit und Freiheit sein Fundament bilden.

Am 14. September kommen in Brüssel die Innen- und Justizminister der EU-Länder zusammen, um über Lösungen für diese Krise zu verhandeln. Heute appellieren Europas führende Zeitungen gemeinsam an unsere politische Führung: Nutzen Sie die Gelegenheit! Handeln Sie entschlossen! Bereiten Sie der humanitären Tragödie ein Ende, und verhindern Sie, dass noch mehr Menschen ihr Leben verlieren!

Wir drängen die Politiker:

• Beschließen Sie einfache, sichere und praktikable Methoden, wie Flüchtlinge Asyl in Europa beantragen können, ohne auf dem Weg hierher ihr Leben riskieren zu müssen. Das ist der beste Weg, dem Menschenschmuggel einen Riegel vorzuschieben und die Zahl der Opfer zu reduzieren.

• Zeigen Sie Solidarität mit den Ländern an Europas Außengrenzen, wo die Flüchtlinge und Migranten anlanden. Erarbeiten und finanzieren Sie ein System, mit dessen Hilfe Flüchtlinge an Europas Außengrenzen sicher, würdevoll und geregelt empfangen werden und das eine schnelle und gerechte Bewertung der Asylanträge ermöglicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

• Solange weiterhin große Mengen an Flüchtlingen nach Europa strömen, setzen Sie diejenigen Bestimmungen des Dubliner Übereinkommens aus, nach denen Asylbewerber an ihren Eintrittsort zurückgeschickt werden.

• Machen Sie sich stark für eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge auf die EU-Staaten. Alle europäischen Staaten müssen sich an einem Umsiedlungsprogramm beteiligen, und es muss deutlich ehrgeiziger ausfallen als alles, was wir bislang erlebt haben. Der UN-Flüchtlingskommissar António Guterres hat angeregt, dass Europa die Verantwortung für 200.000 Flüchtlinge übernimmt. Dies sollte der Ausgangspunkt für die Gespräche sein.

• Die Nationen im Nahen Osten, die vom Krieg in Syrien betroffen sind, benötigen dringend zusätzliche finanzielle und humanitäre Hilfe. Ein Hilfspaket sollte nicht nur die unmittelbaren Bedürfnisse an Lebensmitteln, Wasser und medizinischen Vorräten umfassen, Europa sollte sich auch verpflichten, langfristig örtliche Gemeinden wieder aufzubauen. Auf diese Weise geben Sie den Menschen im Nahen Osten Hoffnung und die Möglichkeit, sich eine sicherere und bessere Zukunft in ihren Heimatländern aufzubauen.

• Üben Sie mehr Druck auf wichtige Akteure der internationalen Politik aus, beispielsweise den Iran, Russland, Saudi-Arabien, die Türkei und die Vereinigten Staaten. Sie sollen mit aller Macht daran arbeiten, dass die syrischen Konfliktparteien sich unter Führung der Vereinten Nationen zu Friedensverhandlungen an einen Tisch setzen.

Unsere politische Führung muss Mut und Weisheit an den Tag legen, damit sie an dieser Zerreißprobe für die europäische Zivilisation nicht scheitert. Wir müssen handeln, und zwar jetzt!

Christian Jensen Information, Dänemark

Johan Hufnagel und Laurent Joffrin Libération, Frankreich

Bernd Ulrich DIE ZEIT, Deutschland

Andreas Paraschos Ekathimerini, Zypern

András Murányi Népszabadság, Ungarn

Ezio Mauro La Repubblica, Italien

Anna B. Jenssen Morgenbladet, Norwegen

Adam Michnik Gazeta Wyborcza, Polen

Matúš Kostolný Denník N, Slowakei

Antonio Caño El País, Spanien

Jan Helin  Aftonbladet, Schweden

Amol Rajan und Oliver Duff The Independent, Großbritannien