Kämen Maria und Josef heute nach Deutschland, um sich zählen zu lassen, würde in München am Bahnhof eine Blaskapelle spielen. Es gäbe Brotzeit und Bier und Pullover für alle. Die Ställe blieben geschlossen, die Krippen leer. Stattdessen würde Maria den Messias gebären in einem Loft in München-Schwabing.

Zugegeben, das klingt nach einem Happy-End für die Weihnachtsgeschichte und soll doch nur zeigen: Viele Deutsche haben keine Angst mehr vor dem Fremden. Denn es ist wirklich erstaunlich: Die halbe Welt scheint sich zu uns auf den Weg gemacht zu haben, und was machen wir? Wir empfangen sie mit warmen Worten und warmer Kleidung, spielen die Herbergsväter, während Resteuropa seine Leitkultur verteidigt, als ginge es um den Einlass in einen Szene-Club mit Rumtata. Was nur ist los mit uns? Plötzlich glauben wir wie Angela Merkel wieder an die Stärke und Größe Deutschlands und sind überzeugt, mit allem und jedem fertig werden zu können. Dabei haben wir keine Ahnung, wer oder wie viele da auf uns zukommen. Wir wissen nur: Jedem wird geholfen, jeder bekommt ein Dach über den Kopf. Aber wissen wir das wirklich? Natürlich nicht. Wir hoffen es. Wir glauben es. Wir wollen es. Das ist das Neue: Die Hoffnung ist zurückgekehrt. Der Wille soll Wirklichkeit werden. War das nicht immer so, mag mancher jetzt fragen? Ganz und gar nicht.

Beinahe 70 Jahre war Deutschland eine kleine funktionierende Demokratie voller Staatsdiener, die über die Hoffnung im politischen Tagesgeschäft aus gutem Grund die Nase rümpften. Denn wer hofft, glaubt an ein Schicksal, das alles irgendwie zum Guten lenkt. Daran hatte manch einer der Staatsdiener in der Vergangenheit schon einmal geglaubt, und es war gründlich schiefgegangen. Das sollte bitte nicht noch mal passieren. Lange regierte deshalb der Pragmatismus. Alles sollte klein und kontrollierbar sein, weil man sich selbst nicht über den Weg traute. Nur kurz wurde diese Zeit des kleinen Karos unterbrochen von der Einheit. Da träumte Kohl von blühenden Landschaften, aus denen dann leider doch nichts wurde.

Und jetzt ist sie wieder da, die Hoffnung. Sie kam so schnell, dass die Welt sich fragt: Wo kam sie her? War das Sommermärchen 2006 etwa mehr als nur ein Märchen? Damals war die Welt zu Gast bei Freunden. Alles war schwarz-rot-gold und trunken von deutschem Bier und der neuen deutschen Lässigkeit. Aber dann hat die Welt wieder bei sich gebechert und ließ uns allein zu Hause zurück. Da war alles erneut grau und so hoffnungslos nüchtern und pragmatisch, dass Deutschland lange nach jeder Gelegenheit lechzte, um sich erneut als guter Gastgeber zu beweisen. Insgeheim waren die Deutschen jedes Mal aber auch ganz froh, wieder unter sich zu sein und ihren internationalen Rausch ausschlafen zu können.

Nein, im Partypatriotismus liegen die Wurzeln der neuen deutschen Hoffnung nicht. Dann schon eher in der Angst. Denn die ist nicht verschwunden, auch wenn die Deutschen sie bei jedem Flüchtlingszug versuchen aus der Welt zu klatschen. Die Angst rührt aus dem Wissen: Alles wird anders, und es gibt nichts, was wir dagegen tun können. Denn das kleine pragmatische Deutschland, das die meisten Deutschen hassen und lieben, ist heute genauso Geschichte wie das idealisierte Bayern, das die CSU beschwört, wenn sie bei den Strauß-Gebeinen eine Vergangenheit wiederaufleben lässt, die außer ihr niemand zurückhaben will. Und dennoch liegt eine der Quellen der neuen deutschen Hoffnung im Überbleibsel des Pragmatismus verborgen, im Fatalismus. Wir können es halt nicht ändern, dass die Welt heute bei uns leben will. Wir können uns nur damit abfinden und das Beste daraus machen.

Der Fatalismus allein kann es aber auch nicht sein. Wie jede Hoffnung, so ist letztendlich auch die Hoffnung, dass das Abendland nicht untergeht, wenn Deutschland ein paar Flüchtlinge mehr aufnimmt, irrational. Sie wurzelt in dem unbestimmten Gefühl, dass man gewisse Dinge tun muss, weil man sie tun muss. Das Gewissen, der Glaube, die persönliche Integrität schreiben sie einem vor. Kurz: Diese Hoffnung rührt an das Selbst, gerade weil sie selbstlos ist. Meist ist eine solche Hoffnung nur in Zeiten größter Not zu beobachten, in Kriegen, Diktaturen, Umbruchperioden. Sie braucht Stärke, weil sie sich behaupten muss, und die Bereitschaft, Opfer zu bringen, ohne zu wissen, wie hoch diese Opfer sein werden. Auch lässt sich diese Hoffnung nicht befehlen. Sie ist individuell. Sie organisiert sich von unten nach oben. Anfangs waren es nur ein paar Deutsche, die Flüchtlinge bekochten, mit ihnen Behördengänge unternahmen und ihnen Obdach gaben, dann standen Tausende an den Bahnhöfen, klatschten und bekämpften die eigene Angst mit Hoffnung. Sogar Angela Merkel entwickelt plötzlich eine unbekannte Stärke. Über Nacht wurde die Hoffnung das Thema ihrer Kanzlerschaft. Dabei galt sie mal als Muttergottheit des Pragmatismus.

Aber in Zeiten wie diesen lernt halt jeder etwas über sich. Was ist einem wichtig? Wofür ist man bereit zu kämpfen? So viel wurde geschrieben über die vom Aussterben bedrohte deutsche Leitkultur, und auf einmal ist sie neu und lebendig wie nie zuvor. Und christlich ist sie außerdem. Wer hätte das gedacht? Sie ist gemacht aus dem Glauben an Gastfreundschaft, aus der Liebe zum Nächsten und aus der Hoffnung auf morgen. Es hätte schlimmer kommen können.

Die Initiative "Flüchtlinge Willkommen" vermittelt Zimmer in Wohngemeinschaften.