Neulich in Athen setzte ich mich im Café an einen der beiden für Nichtraucher reservierten Tische. Ich bat den Kellner, den großen Aschenbecher von der kleinen Marmorplatte zu nehmen. "An diesem Tisch ist doch Rauchverbot", sagte ich zur Begründung. Der Kellner lächelte breit.

"Eigentlich ja, aber heute nicht."

"Ach ja, warum denn?"

"Heute haben wir zu viele Gäste, die wollen alle rauchen."

"Aber herrscht nicht grundsätzlich Rauchverbot in Restaurants und Cafés?"

"Gewiss, aber Sie wissen doch: die Griechen ..."

Ich wusste nicht, ob ich das wirklich wissen wollte. Ausgerechnet die Nationalität sollte mir erklären, warum das seit 2010 in ganz Griechenland geltende Rauchverbot in Gaststätten nicht eingehalten wird? Ich nickte widerwillig – und der Kellner nahm den Aschenbecher mit. Als ich weiter darüber nachdachte, kam mir sein Lächeln auf einmal bekannt vor. Hatte nicht Ministerpräsident Alexis Tsipras in den langen Brüsseler Nächten ganz ähnlich gelächelt? Sagte sein Lächeln nicht ganz genauso: "So sind wir Griechen eben"?

Es hat in diesem Jahr viel Ärger zwischen Griechen und Europäern gegeben. Streit über Sparauflagen und Schulden, über verschleppte Reformen und falsche Versprechungen. Jetzt kündigt Tsipras im Wahlkampf an, einige der Abmachungen neu zu verhandeln, die er unlängst mit der EU getroffen hat. Wie er finden viele Griechen, dass die Spardiktate der Europäer, vor allem der Deutschen, ihrem Land schaden. Also vollführt Tsipras eine Ausweichbewegung.

Damit hat Griechenland Erfahrung. Ein anderes Rechtsverständnis und osteuropäische Gebräuche, die auch in Russland oder der Türkei gepflegt werden, führen zu unscharf formulierten Gesetzen und verwässerten Reformen. Doch auch Europa als Ganzes nimmt es in großen Krisen nicht so genau mit den Richtlinien. Einen in Klarheit und Übersicht aufgewachsenen Westeuropäer kann das ungeheuer nerven, für viele Osteuropäer ist es eine Erleichterung, manchmal gar eine Überlebenshilfe: das Prinzip Ungefähr.

In Griechenland lebe man häufig im Ungefähren, sagt der Schriftsteller Nikos Dimou. Er sieht Griechenland in einer östlichen und südeuropäischen Tradition, vor allem was den Zeitbegriff angeht. Das beginne mit Verabredungen. Man lege eine Zeit fest. Aber nicht Punkt acht. Sondern um acht herum. Verspätungen nehme niemand übel. Dimou hat recht: In Nordeuropa ist es unhöflich, zum Abendessen zu spät zu kommen. In Griechenland ist es dagegen unhöflich, pünktlich zu sein. Man überrascht sonst die Gastgeber mitten in den Vorbereitungen.

Scheinbar ähnlich ging es dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, als er in Brüssel seine Reformpläne vorstellen sollte. Als die Euro-Gruppe beim darauffolgenden Treffen nachfragte, war Varoufakis immer noch mitten in den Vorbereitungen. Bei ihm war es Teil seiner Verhandlungstaktik, nie fertig zu sein. Er liebte die "produktive Unklarheit", um bessere Bedingungen herauszuschlagen. Das Prinzip Ungefähr, meint Nikos Dimou, wendeten manche Griechen an, sobald es schwierig werde oder wenn sie partout nicht machen wollten, was von ihnen verlangt werde. Einige gingen dann zur Demo oder auf die Barrikaden. Politiker hätten diese Möglichkeit nicht. "Dann machen sie es eben ungefähr."

Die Vorgänger von Tsipras und Varoufakis verabschiedeten Reformgesetze scheinbar williger. Aber auch sie nutzten die Unschärfe. Ein Beispiel: Die Pasok-Regierung öffnete "geschlossene Berufe" wie Apotheker oder Taxifahrer, um die Preise zu senken. Die Nea Dimokratia verriegelte sodann einige Branchen wieder, um ihre Klientel zu bedienen, behauptete aber, man habe weitere Berufe geöffnet. So ungefähr jedenfalls.