Es macht auf Dauer keinen Spaß, immer nur die Nummer zwei zu sein. Das stellvertretende Wirtschaftswunder, der Nebenschauplatz des weltökonomischen Aufbruchs, die Vize-Zukunftshoffnung. Genau das ist jahrelang Indiens Schicksal gewesen. Viele haben über China und Indien wie über ein Zwillingspaar von kraftstrotzenden emerging economies gesprochen. Aber so richtig geglaubt hat daran niemand, es war mehr Redensart als Realität. Irgendwie musste auch Indien, das andere Milliardenland des Kontinents bei den grandiosen (oder angstvollen) Visionen eines "asiatischen Jahrhunderts" berücksichtigt werden. In Wahrheit war China eine Klasse für sich. Es hat früher mit seinen Wirtschaftsreformen begonnen – in den späten 1970ern, während Indien in den frühen 1990ern folgte –, und mit den Jahren ist sein Vorsprung noch gewachsen. Bietet sich jetzt, mit der Krise Chinas, eine Gelegenheit für den lange abgeschlagenen Rivalen? Schlägt nun Indiens Stunde als triumphierende Wirtschaftsmacht?

Die politische Führung in Neu-Delhi scheint das zu glauben – oder redet jedenfalls so. "Ich sehe dies als eine große Chance", hat der Finanzminister zu den chinesischen Problemen erklärt. Die Welt brauche jetzt andere Wachstumsmotoren – und Indien, mit einem Wachstumspotenzial von acht bis neun Prozent, verfüge über "starke Schultern, um der Weltwirtschaft die nötige Unterstützung zu verschaffen". Der Leiter des Wirtschaftsbeirats der Regierung nennt die Entwicklung "positiv für Indien" und hofft vor allem auf Vorstöße in die globalen Exportmärkte: "Wir können den Raum einnehmen, den China frei macht." Auch die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, verbreitet Optimismus: Indien sei einer der Lichtblicke in der Weltwirtschaft; wenn es in den Schwellenländern in nächster Zeit irgendwo Wachstum geben werde, dann hier.

Richtig ist, dass die indische Wirtschaft, obwohl viel kleiner und weniger modern als die chinesische, in einigen Punkten besser dasteht. Sie ist vor allem widerstandsfähiger. Die indischen Börsenkurse etwa sind in diesen Wochen ähnlich eingebrochen wie die chinesischen. Aber die Folgen sind in Indien weniger bedrohlich. Anders als in China spielen hier Aktien für die Altersvorsorge und als Vermögensanlage für breitere Bevölkerungsschichten kaum eine Rolle. Viele Inder suchen Sicherheit in Gold, Schmuck und Immobilien. Wenn individuelle Einkünfte ausfallen oder Ersparnisse sich in Luft auflösen, bleibt immer noch ein Rückhalt in zähen und elastischen Familiennetzwerken. Das alles wirkt archaisch im Vergleich zu einem voll entwickelten zeitgenössischen Finanzkapitalismus. Doch es schafft eine beträchtliche Krisenresistenz.

Indien ist keine abgeschottete Volkswirtschaft mehr, wie bis in die 1980er Jahre, als das ökonomische System praktisch sozialistisch war. Aber es bleibt global weniger integriert als andere Länder und stärker abgeschirmt gegen äußere Schocks. Es ist kein Rohstoffexporteur wie Brasilien oder Russland und leidet daher nicht unter dem Verfall der Rohstoffpreise im Gefolge der China-Krise. Im Gegenteil, es profitiert als Netto-Importeur davon – einer der Hauptgründe dafür, dass Indien unter den Brics-Staaten, den prominentesten großen aufstrebenden Volkswirtschaften, im Moment die besten Perspektiven hat. Gerade wurden für das Frühsommerquartal sieben Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bekannt gegeben. Das ist weniger, als die Regierung erhofft hatte. Aber in der gegenwärtigen Weltlage fast beispiellos gut.

Das indische Wachstum ist weniger spektakulär als das chinesische, aber auch weniger empfindlich. China hat sich in die Fabrik der Welt verwandelt: ein einträgliches, aber von der globalen Nachfrage abhängiges Geschäft. Die indische Wirtschaft lebt vom Binnenmarkt und vom Konsum, von der allmählich zunehmenden Leistungsfähigkeit und den steigenden Ansprüchen seiner Bevölkerung. Die großen Erfolgsgeschichten jenseits der stark internationalisierten IT-Branche hängen in der Regel mit dieser Entdeckung und Kultivierung des indischen Verbrauchers zusammen.

Da sind die Drogeriewaren- und Kosmetikfirmen, die ihre Haarwaschmittel oder Gesichtscremes in winzigen Portionspackungen vertreiben, damit auch der schlecht bezahlte Wachschutzmann und seine Frau die Produkte kaufen können. Da sind die Hersteller von Mopeds und Motorrollern für Leute, die sich kein Auto leisten können, aber mit einem Fahrrad nicht mehr zufrieden sind. Da sind die einheimischen Onlinehändler Flipkart und Snapdeal, die mit Amazon um einen rasant expandierenden internetbasierten Konsumgütermarkt konkurrieren. Das alles ist keine Spekulation, keine Blase; es spiegelt sich darin die reale Entwicklung eines Riesenlandes mit enormen unausgeschöpften Bedürfnissen und Potenzialen. Das indische Wachstum wird von einer Art selbsttätiger Kraft vorangetrieben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Trotzdem muss man zweifeln, ob diese Energien ausreichen – für den ökonomischen Durchbruch oder gar für eine Rolle als neuer Star der Weltwirtschaft. Was immer man über die Stärken und Schwächen Chinas denkt, eines ist unbestreitbar: dass das Land für seinen ökonomischen Aufstieg eine enorme politische Anstrengung unternommen hat. Davon kann in Indien keine Rede sein. Der Staat versagt bei seinen Kernaufgaben: Bildung, Gesundheit, Umweltschutz. Und spielt mit schlecht gemanagten Banken oder einer defizitären Fluggesellschaft Unternehmer. Premierminister Narendra Modi ist im Frühjahr mit einer komfortablen Mehrheit und der Hoffnung auf eine entschlossene Reformpolitik an die Regierung gekommen. Doch bei den ökonomischen Schlüsselthemen passiert nicht viel: bei der Privatisierung, der dringend nötigen Vereinfachung der indirekten Steuern oder der Regelung des Erwerbs von Grund und Boden für Industrieprojekte. Stattdessen gibt es den peitschenschwingenden Versuch, den Beamtenapparat zu harter Arbeit zu treiben, und im Ausland Imagekampagnen für ein erwachendes Indien. Das ist aufgeklärter Absolutismus, die nimmermüde Betriebsamkeit eines Landesvaters, der am liebsten alles selbst erledigen würde, keine systematische Reformpolitik für eine der großen Nationen der Welt.

Die Regierung möchte das in Indien unterentwickelte produzierende Gewerbe ausbauen und dafür internationale Investoren gewinnen, und dabei gibt es auch Erfolge. Der taiwanesische Elektronikhersteller Foxconn, der für Informations- und Technikkonzerne wie Apple und Sony arbeitet und die meisten seiner Fabriken in China betreibt, hat angekündigt, in Indien Entwicklungs- und Produktionsstätten zu bauen – für fünf Milliarden US-Dollar. Doch unter der offiziellen Investorenfreundlichkeit findet man in Indien nach wie vor einen gegenläufigen Tiefenstrom von Anti-Business-Stimmung und obrigkeitlicher Schikanierlust, vor allem, wenn es um ausländische Großfirmen geht. Kürzlich wurden von der Lebensmittelaufsicht in einer großräumigen Schnellmaßnahme die Instantnudeln der Nahrungsmittelmarke Maggi aus dem Handel genommen, weil sie angeblich zu viel Blei und andere Schadstoffe enthielten. Ob die Aktion gerechtfertigt war, ist zweifelhaft; in anderen Ländern wurden die Maggi-Produkte als unbedenklich getestet und eingestuft. Aber gegen einen multinationalen Konzern kräftig zuzulangen, halten die indischen Behörden offenbar für eine populäre Sache. Das ist nicht der Boden, auf dem das nächste Wirtschaftswunder entstehen wird. Indien, im Weltvergleich immer noch sehr arm, wird schneller wachsen als die meisten anderen Länder, der Lebensstandard seiner Bürger wird zunehmen, und viele Geschäftsleute, auch ausländische, werden reich werden. Aber "das neue China" wird Indien nicht.