Die Kunst geht unter, trudelt hinab in die Tiefen des Mittelmeers und führt fortan ihr Eigenleben mit Krebsen, Muscheln und sonstigem Getier. Die Kunst zieht es hinab ins Unsichtbare, denn oben, in den Stürmen der Gegenwart, fühlt sie sich seltsam überflüssig.

Als der Künstler Pierre Huyghe im vorigen Jahr nach Istanbul reiste, um schon einmal auszukundschaften, was er auf der großen Biennale wohl zeigen könnte, als er dann sah, was in dieser Stadt los ist, wie Demonstranten niedergeknüppelt, Journalisten weggesperrt, wie die Ideen der Freiheit verraten werden, da bestieg er ein Boot und fuhr weit hinaus. Bald war Istanbul nur noch ein dunstiger Schatten, bald wurde ihm klar, dass seine Kunst hier draußen, in stiller Zeitenferne, ihren Ort finden sollte. Vor der Insel Sivriada würde er ein paar seiner Skulpturen über Bord werfen. Mehr wäre nicht nötig, nur Versenkung.

Mehr bleibt nun auch den Besuchern nicht, die dieser Tage nach Istanbul reisen, um sich die Biennale anzuschauen, auch weil sie wissen wollen, was denn die Kunst zu bieten hat in Zeiten des Aufruhrs. Einmal in der Woche fährt ein Boot hinaus, verweilt kurz vor den Felsen Sivriadas, und für die Besucher gibt es nichts zu erblicken, nur Weite, Leere, Ratlosigkeit.

Was sollen die Künstler auch tun? Ist es nicht richtig, den ästhetischen Genuss allein Seestern und Krabbe zu überlassen? Wie dekadent wäre es, angesichts von Terror und bitterem Elend irgendwelchen schöngeistigen Dingen nachzugehen? Wozu Kunst, wenn Krieg losbricht?

Die Frage durchzog zu Beginn des Sommers schon die Biennale in Venedig. Dort stritten die Künstler für eine bessere Welt, politisch im Anspruch, plakativ in den Mitteln. Jetzt in Istanbul scheint davon kaum mehr etwas übrig zu sein. Die Kunst ist wie ausgewechselt: zumeist bescheiden und sommerlich versponnen, abgetaucht in ferne Tiefen wie bei Pierre Huyghe. Nichts Aktualistisches bitte, keine Kommentare zum Weltgeschehen: Auf dieser Biennale sollen die Künstler ihre eigenen, ganz anderen Geschichten erzählen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Eine dieser Geschichten handelt von der uralten Stadt Ani, die einst voller Leben war und nun seit drei Jahrhunderten verlassen daliegt auf verkarsteten Hügeln, nur einige Ruinen gibt es noch. Mittendrin hat der Künstler Francis Alÿs einen kleinen Film gedreht, zusammen mit einer Gruppe von Schülern. Er zeigt, wie der Wind ins wilde Gestrüpp fährt, wie sich ein Junge wegduckt hinter umgestürzten Kapitellen, wie ein Mädchen hinter einer verwitterten Inschrift auftaucht, wie plötzlich ein Fiepen ertönt, dann ein Triller, ein Twoi, ein Tijck, ein Huid und was die Vogelwelt der Türkei sonst an Lauten zu bieten hat. Es gibt aber keine Vögel in Ani, es gibt nur Kinder. Sie sind es, die mit Flöten neues Leben herbeizwitschern, wirr zunächst, dann aber finden sie ihren Rhythmus, eine Gemeinschaft schriller Stimmen.

Es ist ein Film, in dem die Kunst heiter und gelöst sein darf. Er verhehlt nicht seine politische Botschaft, schließlich war Ani einst die armenische Hauptstadt. Und jeder wird die Ruinen als Metaphern verstehen, als einen Verweis auf den türkischen Genozid an den Armeniern vor hundert Jahren. Doch werden hier keine Mahnungen verabreicht, die Kunst bleibt ein Spiel eigenen Rechts, surreal und lustvoll quiekend.

Auch das Ende des Films ließe sich womöglich mit einiger Heiterkeit betrachten. Da schlafen die Kinder ein, im Unterholz oder auf umgekippten Säulen. Sie scheinen versöhnt, mit sich, mit ihrer Geschichte, mit der Natur. Sie schlafen, und es ist der Schlaf einer neuen Unschuld. Wie gesagt, über diesen begütigenden Schluss ließe sich hinwegsehen. Nur passt er leider allzu gut zur biophilosophischen Mission dieser Biennale. Man könnte meinen, die Kuratorin der Ausstellung habe ihn sich selbst ausgedacht.