Den späten Keith Richards müssen wir uns als tiefenentspannten Menschen vorstellen. Das Werk ist in seinen wesentlichen Zügen vollbracht, die Altersvorsorge kein Thema, den Winter verbringt er nach englischer Sitte in klimatisch begünstigten Gegenden, in seinem Fall auf Jamaika, wo er im Kreis seiner Lieben zwanglos vor sich hin kifft – es soll ja auch gut gegen Arthritis sein. Wenn Mick anruft und mal wieder Druck macht, antwortet er so was wie: Relax, Alter, wir sind doch die Stones! Haben wir etwa nicht gerade erst die 44th Anniversary Edition von Sticky Fingers herausgebracht? Hin und wieder allerdings scheint es ihn doch noch zu jucken, dann ruft er ein paar Freunde zusammen und nimmt ohne viel Begleittamtam ein Soloalbum auf, das dann Talk Is Cheap heißt oder Main Offender oder wie jetzt, pünktlich zum meteorologischen Herbst, Crosseyed Heart.

Dass dem Unternehmen vom Sound her etwas Rolling-Stones-Mäßiges anhaftet, liegt in der Natur der Sache: Keith bedient nun mal seit über 50 Jahren die Gitarre in diesem erfolgreichen kleinen Familienunternehmen. Er hat die Truppe in Krisenzeiten auf Kurs gehalten, er hat all die leckeren, tief ins kollektive Gedächtnis versenkten Hooks, Licks und Riffs beigesteuert, ohne die es nach aktuellem Stand der Forschung zu einer Karriere als mittelprächtige Blueskapelle gereicht hätte, nicht aber zur größten noch aktiven Rock-’n’-Roll-Band der Welt. So oder so ähnlich war es auch in Life nachzulesen, seiner 2010 erschienenen Autobiografie, in der, neben zahlreichen Schwänken aus seinem Leben, auf humorvolle Weise dargelegt wurde, dass Mick Jagger einen kleinen Schwanz hat. Und doch läuft der Hase hier eindeutig anders. Während Keith sich als Rolling Stone im Zwangsrahmen professioneller Erbschaftspflege bewegt, wird er solo wieder zum Amateur.

Crosseyed Heart – zu Deutsch: schielendes Herz – ist ein im besten Sinne des Wortes überflüssiges Album: Fortschritte in formaler wie inhaltlicher Hinsicht finden nicht statt, Bedenken hinsichtlich des guten schlechten Rufs werden konsequent in den Wind geschlagen. Wo nichts mehr muss, kann dann wieder vieles, und von dieser Freiheit hat Keith – unterstützt von langjährigen Sidekicks wie Steve Jordan am Schlagzeug und Waddy Wachtel an der Gitarre – reichlich Gebrauch gemacht. Das Ergebnis klingt auf erfrischende Weise emeritiert: als würde eine Feierabendkapelle auf einer Südstaatenveranda das Beste aus den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern aus dem Ärmel schütteln. Hier ein klassischer Zwölftakter, dort eine Country-Ballade, und jetzt, weil’s so schön war, noch eine Otis-Redding-Nummer als Zugabe. I’ve Been Loving You Too Long heißt hier Lover’s Plea, doch die bukolische Schlichtheit des Vortrags täuscht. Crosseyed Heart ist Hommage und praktizierte Poetik zugleich. Als Veteran verbeugt sich Richards vor seinen Vorbildern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Es sind die Klassiker des Genres, die er wie mit links heraufbeschwört. Was treibt den Mann sonst noch so um? Sex natürlich. "I love my sugar, I love my honey, too", krächzt er stilgerecht im Titelstück, einem an Robert Johnson gemahnenden Acoustic Blues, der die schwierige Wahl beschreibt, vor die ein Wandersgesell sich gestellt sehen kann: Das eine zu haben bedeutet ja nicht, das andere nicht auch noch haben zu wollen. Dass unter dem so olympisch heiter wie repertoiresicher vorgetragenen Traditionsrock-Machismo mittlerweile eine streichzarte Schicht Altersmelancholie liegt, lernen wir aus Stücken wie Robbed Blind: Reich und berühmt sein, schön und recht, noch schöner aber wär’s, von der Braut, mit der man gerade die Bank ausgeraubt hat, um die Beute gebracht zu werden. Überhaupt das Mann-Frau-Ding: Egal, wie viele Stadien du gerockt hast, heißt es sinngemäß im munter voranpreschenden Heartstopper, der progressive Alltag mit dem anderen Geschlecht stellt selbst ausgebuffteste Rocker vor Herausforderungen: "She’s a vegetarian, and I love my meat." Schöner kann man es wahrscheinlich nicht sagen.

Natürlich hat die relative Stones-Ferne auch Nachteile: Ohne einen Gegenpart neigt Keith dazu, sich im Dienste seiner zahlreichen Vorlieben zu verdaddeln. Blues In The Morning etwa hat beim Aufnehmen hörbar Spaß gemacht, ist aber trotzdem nicht mehr als eine Fingerübung. Und vielleicht hätten Mick, Charlie oder Ron den Mut aufgebracht, ihm ins Gesicht zu sagen, dass er lieber die Finger vom Reggae lassen soll: Gemütliches Schunkeln ist einfach nicht so seine Tasse Tee. Doch das sind Einwände, die ein kleines bisschen egal sind, denn um die Musik allein geht es hier längst nicht mehr. Was zählt, ist die Gesamtperformance. Als Rock-’n’-Roll-Survivor und wandelndes Weltkulturerbe hat der Mann, den wir als Keith Richards kennen, zur Rolle seines Lebens gefunden.