Am ganzen Körper: Spuren von Stichen. Groß und rot und höllisch juckend. Von Tag zu Tag werden es mehr, und die alten Stiche größer, es bilden sich Bläschen darauf. Sie sehen aus wie riesige Windpocken. So beginnt unser Familienurlaub in der Toskana. Auf einem Landgut im Chianti, zwischen Florenz und Siena, haben wir einen Backsteinturm aus dem 19. Jahrhundert gemietet, rustikal, mit alten Dachbalken und antiken Möbeln. Wunderschön, wären da nicht die Ausschläge. Autan hilft nicht, und Mücken können es nicht sein – die stechen an Stellen, an die sie drankommen. Nicht unter die Unterwäsche. Was also ist das? Wanzen? Flöhe? Wir sind beunruhigt, unser Vermieter ist ratlos. Er sagt: "So was habe ich noch nie gesehen." Er bestellt den Kammerjäger.

Der Kammerjäger, Emanuele Caspiri, ist selbst am ganzen Körper von Stichen gezeichnet. Er sagt: "Ich war heute schon in fünf Häusern in der Gegend, überall haben die Leute Stiche." Es ist erst 12 Uhr mittags. Caspiri betritt unseren Turm und schaut sich die Dachbalken an, dann zeigt er auf Holzmehl auf einem Nachttisch und auf ein totes braunes Insekt, klein wie ein Reiskorn mit Flügeln, das auf einem der weißen Bettlaken liegt. Er sagt triumphierend: "Ein Holzkäfer!" Das ist für ihn der Beweis – wofür auch immer. Caspiri zieht einen weißen Schutzanzug an, Mundschutz und eine Brille, und holt ein großes Gerät mit Schlauch aus seinem Pick-up. Wir packen unsere Koffer und ziehen in ein anderes Ferienhaus, während der Kammerjäger die Holzbalken über den Betten mit heißem Wasserdampf behandelt. Der Vermieter, der seit Jahren Urlauber beherbergt, sagt: "So was gab es hier noch nie" und schüttelt den Kopf. Bloß: Seit wann stechen Holzkäfer?

In dem neuen Ferienhaus bekommen wir keine neuen Stiche, aber in den kommenden zwei Wochen gehen sie auch nicht weg, sie jucken weiter. Ob in Siena, Florenz oder Pisa, überall sehen wir Menschen mit ähnlichen roten Stellen auf den Schenkeln. Gibt es eine Plage in Italien? Zeit für ein paar Telefonate.

Mario Principato ist Entomologe an der Universität in Perugia und einer der führenden Milbenforscher Italiens. Er weiß schnell, worum es sich handelt: Nicht die Holzwürmer seien das Problem, sondern die Milben, die auf den Larven der Holzwürmer lebten. Wenn sie nichts zu fressen finden, können sie auch einen "Fehlwirt" stechen, in diesem Fall uns. 1993 veröffentlichte Principato seine erste Studie über Pyemotes ventricosus, so heißen diese Milben. Heute arbeitet er am Centro di Ricerca Urania, einem Labor, in dem die Insekten mit einem Schnelltest identifiziert werden können. Er sagt: "Pyemotes-Stiche sind in Italien die häufigste Ursache für Hautreizungen durch Insektenstiche." Auf vielen Dermatologen-Kongressen in Italien hat Principato schon Vorträge über diese Plage gehalten. Die Hausärzte würden das Problem mit den Milben also durchaus gut kennen und ihren Patienten raten, Holzmehl ins Institut von Principato zu schicken, wo es untersucht wird – innerhalb von 24 Stunden schickt Principato seine Diagnose raus. Findet er in dem Holzmehl die Milben, ist für ihn die Sache klar. Es seien nicht bestimmte Regionen besonders betroffen, die Stiche träten überall in Italien auf: ob in Rom, in der Toskana oder auf Sizilien. Meist in alten Holzmöbeln, aber hin und wieder auch in neuen. Principato kennt Patienten, die 300 Stiche am Körper hatten.

In Frankreich soll es sogar mal Betroffene gegeben haben, die die Milben erst loswurden, als sie ihre Möbel entsorgt hatten oder aus der Wohnung gezogen waren. Das geht aus einer Studie von französischen Wissenschaftlern hervor, die vor einigen Jahren veröffentlicht wurde. Immer wieder sind zuletzt Fallstudien über Pyemotes ventricosus erschienen, meist aus Italien oder Frankreich. Bekannt ist die Milbe seit dem 19. Jahrhundert. Mario Principato, der Forscher aus Perugia, diagnostiziert die Stiche etwa 100-mal im Monat, zwischen Juli und September sogar viel häufiger. "Ich gehe davon aus, dass es sehr viel mehr Fälle gibt, nur die wenigsten schicken uns ihre Proben", sagt Principato.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Sein Kollege Michele Maroli, Professor am Istituto Superiore die Sanità in Rom, vergleichbar mit dem deutschen Robert-Koch-Institut, nennt die Pyemotes-Stiche "Sommer-Dermatitis", weil sie meist in den Sommermonaten auftreten, wenn es heiß ist und die Milben sich vermehren. Die Symptome würden erst 12 bis 24 Stunden nach dem Stich auftreten. "Sie sind nicht gefährlich. Abhängig vom Immunsystem der Betroffenen sind die Hautreaktionen unterschiedlich stark."

Maroli ist noch etwas anderes wichtig: "Für die Tourismusbranche könnte es schädlich sein, wenn man den Eindruck vermittelt, das Problem hätten nur die Urlauber." Er betont: Die Milben plagen jeden. Die Sorge von Maroli, Pyemotes ventricosus könne den Tourismus gefährden, erklärt auch, warum die Milbe über die Grenzen Italiens hinweg weitestgehend unbekannt ist.

Unser Hotelier will noch nie etwas von ihr gehört haben, sein Name und der seiner Ferienanlage sollen lieber nicht in der Zeitung stehen. Der Kammerjäger deutet das Problem nur an. Und selbst ein Insektenforscher äußert sich nur vorsichtig. Die Italiener wissen um ihre wirtschaftliche Situation – und halten zusammen.

In Deutschland sind übrigens keine Fälle dieser Milbenstiche bekannt. Heinz Mehlhorn ist Professor an der Universität in Düsseldorf und einer der bekanntesten Parasitologen Deutschlands, er sagt: "Die Milben gibt es hier, aber sie saugen nur sehr selten Menschen, wenn überhaupt." Ein Risiko, dass man demnächst auch in Deutschland zerstochen wird, sieht er nicht.

Vier Wochen nach dem Urlaub haben wir immer noch ein paar bläuliche Punkte auf dem Körper. Ganz normal, meint Principato, der Entomologe aus Perugia. "Die Heilung kann ein paar Wochen dauern."