DIE ZEIT: Herr Speich, immer wenn ich im Ausland eine Landkarte in die Hände kriege, denke ich: Ach, unsere Schweizer Karten sind einfach viel schöner.

Daniel Speich: Ja, das kenne ich! (lacht) Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Schweiz eine riesige Diskussion über die Ästhetik der Landkarten. Leute wie Fridolin Becker, der an der ETH eine Professur für Kartografie hatte, haben sich extrem ins Zeug gelegt, um die Schönheit der Landschaft in der Karte abzubilden. Sie haben dazu auch Experimente mit physiologischer Optik gemacht.

ZEIT: Was heißt das?

Speich: Sie fragten sich, wie Farben auf einer Karte wahrgenommen werden. Deshalb haben sie die Talböden eher blau-grünlich gefärbt und die Höhen eher rot-orange. Diese Farbskala sollte die Distanzwahrnehmung verbessern. Und seit den 1840er Jahren versuchte man mit Schrägschattierungen das Relief möglichst plastisch hervorzuheben.

ZEIT: Die Schweiz kennt also eine eigentliche Landkartenkultur?

Speich: Ja, im Gegensatz etwa zu Österreich. Das Land hat zwar eine vergleichbare Topografie wie die Schweiz, aber völlig andere Karten. Dort ging es seit jeher nur um die militärische Präzision. Und nicht wie in der Schweiz darum, der Bevölkerung ein Bild der Landschaft zu vermitteln. Die k. u. k. Offiziere sollten ihre Kompanien einfach möglichst effizient verschieben können.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Es war aber auch in der Schweiz ein Militär, der von 1832 bis 1864 die erste Landeskarte zeichnete: Guillaume-Henri Dufour, General der Bundestruppen im Sonderbundskrieg.

Speich: Ohne Militär gäbe es keine moderne Kartografie, auch in der Schweiz nicht. Es gab hier aber ein Problem: Bis 1848 existierte kein Bundesstaat. Also keine zentrale Autorität, die sagte: Wir zeichnen eine Karte des ganzen Landes! Doch seit dem Bundesvertrag von 1815 gab es einen Generalstab. Diese fünf Männer waren dafür verantwortlich, dass die kantonalen Armeen möglichst gut zusammenarbeiteten. Das schafften sie zwar nicht, aber es gelang ihnen, ein kartografisches Büro zu organisieren. Sie suchten einen geeigneten Mann – und fanden den Ingenieur Dufour.

ZEIT: Zuerst waren also die Karten, dann die Nation?

Speich: Absolut. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konsolidierte sich die junge Nation langsam, die Identifikation der Bürger mit den Kantonen schwächte sich ab. Dabei spielte die Karte eine ganz wichtige Rolle. Die bisherige Ikonografie der Eidgenossenschaft war ein Kreis mit den Wappen der Kantone in einer bestimmten Reihenfolge. Oder Bilder der Tagsatzung, also ein Raum mit Männern drin. Aber auf der Schweizer Landesausstellung von 1883 in Zürich zeigte man die Dufourkarte im Maßstab 1 : 50 000. Vier Meter breit und drei Meter hoch. Das war nun das Bild der Schweiz – und ist es bis heute.

ZEIT: Karten zeigen immer etwas. Manches zeigen sie aber auch nicht. Wie war das bei Dufour?

Speich: Eine der Karten, die Diccon Bewes in seinem Buch zeigt, ist die Watson-Karte, die die Großmachtgelüste der Schweiz zeigt. Wir sehen darauf Mulhouse oder Rottweil als Teil der Eidgenossenschaft. Aber damals gab es diese kartografische Logik noch gar nicht.

ZEIT: Was hat das nun mit Dufour zu tun?

Speich: Dufour zeigt nicht, dass früher auch andere Gebiete auf die eine oder andere Art und Weise mit der Eidgenossenschaft verbunden waren. Anfang des 20. Jahrhunderts werden dann die ersten Schulatlanten gedruckt. Sie zeigen, wie das Territorium in einem historischen Prozess gefüllt wird. So lange, bis die Schweiz die Form hat, die wir aus jedem Wetterbericht kennen. Das ist die beste Symbolik für die Erfüllung des nationalen Gedankens, die man sich vorstellen kann.