DIE ZEIT: Herr Sarrazin, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bilder der Flüchtlinge in Europa sehen?

Thilo Sarrazin: Ich sehe diese Bilder nicht, da ich grundsätzlich keine Nachrichten schaue. Das Bild eines Menschen in Not ist immer schlimm, egal, ob in Kambodscha oder auf einer Südseeinsel. Aber ich versuche, mich durch zufällige Medienbilder nicht beeinflussen zu lassen.

ZEIT: Der Unterschied zwischen einem Menschen in Not in Kambodscha und einem Menschen in Budapest, Wien oder München ist, dass er uns näher ist und wir etwas für ihn tun können. Folgt daraus eine andere Verantwortung?

Flüchtlinge berichten über eine menschenunwürdige Behandlung in Ungarn.

Ungarn - Flüchtlinge fühlen sich wie Tiere behandelt Teilweise eingesperrt und mit Bändern markiert: Flüchtlinge kritisieren ihre Behandlung in Ungarn. Budapest droht künftig bei illegalem Grenzübertritt mit Haftstrafen.

Sarrazin: Die Menschen, die jetzt in Wien oder München ankommen, sind nicht in Not, sondern in Sicherheit. Sie werden nicht an Leib und Leben bedroht, sie werden ernährt und medizinisch betreut ...

ZEIT: Sie kommen nach Deutschland, um sich in Sicherheit zu bringen, weil sie vorher in Not waren.

Sarrazin: Wenn sich diese Menschen auf die Balkanroute machen, brechen sie im sicheren Nordirak auf oder in der sicheren Türkei. Aus der Kriegsnot sind sie da bereits heraus. Wenn sie sich entscheiden, nach Deutschland zu gehen, spielen andere Gründe eine Rolle. Es ist eben angenehmer, Flüchtling in Hannover als in Erbil zu sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

ZEIT: Macht Ihnen die Zuwanderung dieser Menschen Angst?

Sarrazin: Alles, was ich in Deutschland schafft sich ab geschrieben habe, hat sich nicht nur voll bestätigt, es ist weitaus schlimmer geworden.

ZEIT: Zum Beispiel?

Sarrazin: Die Geburtenarmut geht unverändert weiter.

ZEIT: Die jüngsten Zahlen sprechen dagegen.

Sarrazin: Das sind kleine Schwankungen um den Trend, die sind unbedeutend. Die Radikalisierung des Islams geht weiter, das Auseinanderklaffen in der Bildungsleistung, die Veränderung ganzer Stadtteile gehen unverändert weiter. Das wird sich jetzt alles noch verstärken durch die Zuwanderung. Insofern bin ich natürlich sehr besorgt.

ZEIT: Wenn die Integrationserfahrung in Deutschland so verheerend ist, wie Sie sagen, wie erklären Sie sich dann die überwältigende Hilfsbereitschaft der Bevölkerung?

Sarrazin: Zunächst einmal ist es ja gut, dass Menschen anderen Menschen helfen. Aber die Frage nach der Hilfsbereitschaft ist von der Frage zu trennen, was für unseren Staat, für unsere Gesellschaft langfristig richtig ist.

ZEIT: Was wäre langfristig richtig?

Sarrazin: Kein Land der Welt kann die Probleme eines anderen Landes lösen. Das muss aus dem Land selbst kommen.

ZEIT: Und wenn das nicht gelingt, überlassen wir die Menschen ihrem Elend?

Sarrazin: Wir müssen unsere eigene Bevölkerung und unser Gesellschaftsmodell vor äußerer Bedrohung schützen. Dazu gehört auch ungeregelte, kulturfremde Einwanderung im Übermaß. Und zum anderen haben die Länder, in denen es schlecht läuft, die Aufgabe, sich selbst richtig zu entwickeln. Singapur war im Jahr 1960 ärmer als Ghana, beide waren damals britische Kolonien, und sehen Sie, wo Singapur heute steht und wo Ghana. Das hat Singapur keiner äußeren Macht zu verdanken, sondern nur sich selbst.

ZEIT: Darüber und über das Thema Fluchtursachen ließe sich lange streiten. Aber wie sollen wir mit den Menschen umgehen, die schon hier sind? Wir rechnen mit 800.000 Zuwanderern, möglicherweise mit einer Million allein in diesem Jahr.

Sarrazin: Ich habe nicht davon gesprochen, Fluchtursachen zu beseitigen, das können wir gar nicht. Ich habe davon gesprochen, wie wir uns vor den Folgen der Zustände in anderen Ländern schützen. Das muss am Anfang stehen.

ZEIT: Aber die Leute sind doch längst hier! Um die müssen wir uns kümmern, jetzt.

Sarrazin: Bitte erlauben Sie mir, dass ich das für mich anders ordne. Es ist ein Skandal politischer Unfähigkeit und Fantasterei, dass die Politik dreißig Jahre nach dem ersten Schengen-Abkommen nicht verstanden hat, dass man interne Grenzkontrollen nur abbauen kann, wenn man die äußeren Grenzen wirksam kontrollieren kann. Und das ist technisch absolut möglich.

ZEIT: Wie denn das? Wollen Sie überall Zäune und Marineeinsätze gegen Flüchtlingsboote?

Sarrazin: Mauern und Zäune sind doch gar nicht schlecht, wenn man Grenzen kontrollieren will. Das chinesische Reich hat seine Kultur entwickelt hinter einer 10.000 Kilometer langen und 1800 Jahre währenden Mauer. Das Römische Reich hat sich gegen die Germanen und andere Einwanderer aus den wilderen Gegenden über 400 Jahre mit Erfolg geschützt durch den Limes. Überall in der Welt haben sich Zivilisationen und Kulturen, die materiell fortgeschritten waren, gegenüber ungeregelter Einwanderung geschützt.

ZEIT: Es gibt mit Ausnahme vielleicht von Nordkorea heute keine Grenzkontrolle, die funktioniert.

Sarrazin: Doch, natürlich. Es kommt kein Mensch nach China, wenn die Chinesen das nicht wollen.

ZEIT: Ist es nicht umgekehrt: Es will keiner nach China, und deshalb kommt keiner rein? Die USA schaffen es als mächtigste Militärmacht der Menschheitsgeschichte nicht, die Grenze zu Mexiko wirksam zu kontrollieren.

Sarrazin: Die Amerikaner verhindern den größten Teil der unerwünschten Einwanderung mit Erfolg. Einen kleinen Teil verhindern sie nicht, das macht Probleme genug. Allerdings haben die Amerikaner auch nicht unser quantitatives Problem, denen sitzt nicht Afrika im Nacken, das heute 1,2 Milliarden Einwohner hat und im Jahr 2100 nach der UN-Prognose 4,4 Milliarden.