Auf einem Hügel im Amazonaswald, auf der Veranda des Tropeninstituts von Puerto Ayacucho, packt Magda Magris ihre Sachen für die nächste Expedition. Plastikbehälter für Urinproben liegen eingeschweißt auf dem Fußboden, medizinischer Alkohol steht in Flaschen daneben, dazwischen Malaria-Testkits, Stoppuhren, Kühlbehälter. Kleidung und aufspannbare Regenschutzdächer werden in Kisten herangeschafft, Fischdosen, Reis, Nudeln und Bohnen für neun Leute und acht Tage. Am Ende wird die Ladung zwei Boote und zwei Kanus füllen. Eine junge Biologin stapft mit Stressflecken im Gesicht zwischen den Paketen herum und jammert: "Die haben dort unten ja gar nichts, wir müssen wirklich alles mitnehmen!"

Die Amazonasexpedition, die den Forschern vom venezolanischen Caicet-Zentrum so viel Arbeit beschert, ist Teil eines Forschungsprogramms, das im April weltweit Aufsehen erregte: Caicet-Mediziner hatten einen bis dato unkontaktierten Stamm vom Volk der Yanomami aufgesucht und den Indianern Haut- und Stuhlproben und Mundabstriche abgeschwatzt.

Als sie daraus das sogenannte Mikrobiom bestimmten, das Ökosystem im Organismus der Yanomami, waren sie bass erstaunt: Die genetische Auswertung zeigte, dass die Mitglieder dieses Urvolkes mehr als doppelt so viele verschiedene Keime in sich trugen wie Menschen im Westen. Bei den Yanomami fanden sich rätselhafterweise sogar Bakterien, die gegen synthetische Antibiotika immun wären – obwohl solche Medizin dort nie verabreicht wurde.

Als der Forscher ankam, haben die Yanomami erst mal gelacht

Seither wird über die Ergebnisse spekuliert: Ist die intensive Keimbesiedlung gut oder schlecht? Hat sie etwas mit der speziellen Umwelt der Yanomami-Indianer zu tun, oder haben die venezolanischen Forscher eine Art Zeitmaschine in die Steinzeit entdeckt? Schützt das vielfältige Mikrobiom seine Wirte vor der Besiedlung durch andere, schädlichere Mikroben? Und sind westliche Menschen vielleicht deshalb so anfällig für Diabetes, Allergien und andere Gebrechen, weil ihnen die Keimbesiedlung aus der Urzeit abhandengekommen ist? All das weiß derzeit niemand.

Für die Forscher in Puerto Ayacucho, die an diesem späten Nachmittag ihre Boote vollpacken, stellt sich nun noch eine andere, eine ethische Frage: Darf man Völker, die 11.000 Jahre vom Rest der Welt isoliert überlebt haben, mit moderner Medizin behandeln? Ist es nach dieser Studie noch vertretbar, Seife in diese Wälder zu bringen? Zahnpasta? Westliche Antibiotika gar?

"Von diesen Ergebnissen waren wir alle schwer überrascht", sagt Óscar Noya-Alarcón. Er eilt geschäftig durch sein vollgestopftes Büro, vorbei an altertümlichen Medizinkabinetten, einer Postersammlung über Hautausschläge und einer Vitrine voller aufgespießter Mücken und Würmer. Noya ignoriert mit geübtem Charme dieses Horrorkabinett und setzt ein strahlendes Lächeln auf. Gerade ist er von einer Helikopter-Expedition in den Amazonaswald zurückgekehrt. Den Großteil seiner Forschung betreibt er hier, am Tropeninstitut der venezolanischen Hauptstadt Caracas.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Auf den ersten Blick kann man sich Noya – frisch rasiert und mit modischem Großstadthemd – nicht recht bei einer Tropenexpedition vorstellen. Doch der Eindruck täuscht. "Alle drei Monate verbringe ich etwa zwei Wochen im Wald", sagt er. Dort erfasst und behandelt er Krankheiten bei Indianerstämmen wie den Yanomami und den Piaroa: Gelbfieber und Malaria, Toxoplasmose und die quälende Flussblindheit Onchozerkose, bei der der ganze Körper einschließlich der Augen von Fadenwürmern besiedelt wird. "Tonnenweise" habe er schon das Wurmmittel Ivermectin in die Indianergebiete transportiert, berichtet der Arzt, und er hat sich ein Ziel gesetzt: Eines Tages soll die Onchozerkose in Venezuela ausgerottet sein.

Unter den 23 Autoren der Mikrobiom-Studie ist Noya der Einzige, der die Yanomami persönlich in ihrem isolierten Dorf besucht hat. Er war es, der den Ureinwohnern das Prinzip von Schleimhautabstrichen und Stuhlproben näherbringen musste. "Die haben natürlich gelacht", sagt Noya, "die Yanomami lachen überhaupt sehr viel."