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Das Auffallendste ist das, was fehlt: Geräusche, Betriebsamkeit, Eile. Wer das Kanzleramt betritt und mit einem der mintfarbenen Aufzüge in die oberen Stockwerke fährt, hat den Eindruck, als habe jemand abrupt die Lautstärke abgestellt. Draußen brummt der Verkehr oder skandieren die Demonstranten. Es ist heiß, nass oder kalt. Drinnen hört, riecht und fühlt man fast nichts. Nur ab und zu rollt ein Geschirrwagen sehr leise in die Küche zurück. Man ahnt dann: Da hat wieder eine Krisensitzung stattgefunden.

Dieses Gefühl, sich im Auge des Orkans zu befinden, ist nicht neu. Aber noch nie wirkte es so surreal. Denn da draußen brummt nicht nur Verkehr, da draußen wandern die Völker.

Und noch nie hat man sich die Frage gestellt: Hat Angela Merkel, die Frau, die hier im Auge des Orkans sitzt und regiert, eigentlich keine Angst? Vor dem, was sich da draußen zusammenbraut, vor dem, was sie uns da zusammenbraut?

Merkel sei die rationalste Politikerin, die er je getroffen habe. Das sagt einer, der sie lange kennt und viele Politiker kennengelernt hat, deutsche und internationale. Nie habe er an der Kanzlerin Angst wahrgenommen. Er habe immer gefunden, dass das ihre größte Stärke sei. In den vergangenen Tagen ist ihm der Gedanke gekommen, das könnte vielleicht auch ein Defekt sein.

In all den vielen Krisen der vergangenen Jahre war Merkel für die Deutschen stets eine verlässliche Größe, so wie das Bordpersonal im Flugzeug. Solange Merkel nicht beunruhigt war, solange die Kanzlerin sich nicht hektisch anschnallte und nach der Sicherheitsweste kramte, konnte man selbst auch ruhig bleiben. Jetzt sagt sie: "Wenn wir jetzt anfangen müssen, uns zu entschuldigen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land." Bang. Ein Satz, der zeigt, dass es für Merkel nun ans Eingemachte geht, spontan gesagt, aus tiefstem Inneren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Diese Krise ist anders. Sie ist näher, auch an Merkel, und sie geht tiefer. Sie ist größer als der 11. September und härter als die deutsche Vereinigung. Sie ist komplizierter als beide, weil sich die Echoräume der Kommunikation vervielfältigt haben. Wenn Merkel sagt "Asyl kennt keine Obergrenzen", dann ist das eine Antwort auf die CSU. Gemeint ist das Menschenrecht auf Asyl. Im Irak aber kommt an: Deutschland will nicht nur die Syrer, es nimmt auch uns. In Afghanistan, so wabert es durch Berlins Regierungskreise, sollen Hunderttausende Pässe beantragt haben, um das Land zu verlassen. Wenn Merkel ein Selfie mit einem Flüchtling macht, ist das eine menschliche Geste. In den Sozialen Medien wird daraus ein Dementi aller Aufklärungskampagnen und Beteuerungen, dass nicht jeder kommen könne.

Es ist Merkels erste Krise in Echtzeit. Alles, was sie sagt, löst sofort Bewegung aus. Buchstäblich.

Auch Merkel selbst ist anders. Nach zehn Jahren im Amt ist eines der stärksten Motive entfallen, das Politiker antreibt: die Angst vor dem Machtverlust. Merkel beschäftigt nicht mehr die Frage: Wie komm ich da rein?, sondern allenfalls die Sorge: Wie komm ich da je wieder raus?

Tägliche Anfragen im Kanzleramt, ob die Öffnung Deutschlands denn richtig gewesen sei, ergeben immer dieselbe Antwort: "Goldrichtig." Sind das nur gute Nerven, oder gibt es auch einen guten Plan?