Daran stimmt vermutlich so viel: Kanzlersein ist ein besonderer Zustand. Er bringt es mit sich, dass man nie wie der Kalif Harun al-Raschid unerkannt Erfahrungen machen kann. Man selbst verändert die Situation unauflösbar und damit auch die Erfahrungen, die man macht. Brutal gesagt: Ein Kanzler kann keine "echten" Erfahrungen mehr machen. Er kann das nur mehr oder weniger wissen. Kohl wusste es weniger, Merkel mehr. Nur ändern kann sie es nicht.

Deshalb ist Merkel so sparsam mit ihren Worten. Sie weiß: Wenn sie etwas sagt, ist es etwas anderes, als wenn jemand anderes es gesagt hätte. Dennoch ist sie immer wieder von der Wirkung ihrer Worte überrascht. Auch von der Wirkung dessen, was sie nicht sagt, sondern bloß ausrichten lässt, etwa von Herrn Streiter, den niemand kennt.

Merkel ist anders in dieser Krise. Vielleicht, weil bei ihr jetzt alles zusammenkommt: Es entspricht ihrer antifaschistischen Erziehung, wenn sie vor den Rechten warnt, die Asylbewerberheime anzünden; es berührt sie biografisch, wenn Menschen in Ungarn über Zäune klettern; als Christin, die sie ja auch noch ist, will sie nicht anders; sie spürt in sich die kumulierte Kraft der vorherigen Krisen.

Anders als in den anderen Krisen sitzt Merkel diesmal an einem kurzen Hebel. Denn während Europa in der Schuldenkrise nicht ohne die Deutschen konnte, kann nun Deutschland nicht ohne die Europäer. Wer Mitglieder der Bundesregierung fragt, wie man Druck aufbauen könnte in der EU, der bekommt von dem einen diese Antwort: gar nicht. Ein anderer mutmaßt: "Wenn wir die weiße Fahne hissen." Ein dritter: "Wenn wir finanziellen Druck machen." Das ist aber dann schon die Brechstange, ein Instrument, das den Deutschen nicht gut steht oder nur zu gut, wie man will.

Die Krise ist auch anders, weil die Kanzlerin diesmal voll aufs Volk vertraut. Ohne die Ehrenamtlichen wäre der Staat kollabiert. Sie muss sich aber auch darauf verlassen, dass die Emphase anhält. Merkel hatte immer das Gefühl, die Deutschen seien ein bisschen verwöhnt und quengelig, jetzt hat sie ihr größtes Projekt daran geknüpft, dass das doch nicht stimmt. Kann man da sicher sein? Jedenfalls arbeiten nun hierzulande und in Europa zwei bitter verfeindete Denkweisen gegeneinander. Wir öffnen die Arme, weil Menschen kommen (Merkel) vs: Weil wir die Arme öffnen, kommen Menschen (Seehofer). Christsein bedeutet, allen Menschen in Not zu helfen (Deutschland) vs: Christsein bedeutet, Muslime draußen zu halten (Ungarn).

Diese Krise ist aber auch deswegen anders, weil sie größer ist. Hier geht es weder um Geldströme noch um Solardächer, es geht nicht einmal nur um Schutz suchende Menschen, sondern um solche, die bleiben und damit die Identität dieses Landes verändern werden. Diversität, das glaubt Angela Merkel, die Frau, die in einer homogenen Gesellschaft aufwuchs und lange skeptisch gegen "multikulti" war, Diversität helfe den Deutschen, sich im globalen Wettbewerb durchzusetzen. Knapper gesagt: Lieber zu bunt als zu alt.

Die Kanzlerin wird auch in diesen Kampf nicht mit großen Reden eingreifen. Doch womit dann? Wenn man in ihrem Amt fragt, womit sie sich zurzeit beschäftigt, fällt immer auch das Wort "Betten": Gibt es genügend Schlafplätze für die Flüchtlinge? Die Grüne Antje Vollmer hat einmal die 68er-Männer kritisiert: Ihr immer mit euren großen Reden und euren "ewig ungemachten Betten"! Bei Merkel ist es genau umgekehrt, keine großen Reden, aber jeden Abend wird der Kanzleramtsminister gefragt, ob die Betten gemacht seien für die Fremden. Bei Merkel ist es im Jahre zehn ihrer Kanzlerschaft so: Pragmatismus gebiert Strategie, Strategie lebt im Pragmatismus.

Mit dieser Krise führt Angela Merkel die Deutschen ins Risiko und in eine Entscheidung, wieder fällt eine Mauer. Doch diesmal sitzt sie nicht in der Sauna wie beim Mauerfall. Sie sitzt in der Waschmaschine. Ist das besser? Mal sehen.