In einem ehemaligen Industriegebiet von Turin, in der Nähe des ersten Hauptquartiers des Autobauers Fiat, steht die Zukunft. Es ist ein Haus, heißt Verde 25 und sieht aus, als hätte es Peter Pan entworfen, der Junge, der nicht erwachsen werden will. Ein paar Terrassen ragen in die gesichtslose Straße hinein, andere ziehen sich zurück und formen Höhlen, Baumstämme tragen die drei Etagen. Große Fenster lassen das Licht ins Innere, und an einigen Stellen ist die Fassade mit Schindeln aus Lärchenholz verkleidet, als wäre es ein Haus, das mitten auf einer Schweizer Alm steht. Und dann das Grün, das in allen Tönen und Intensitäten von den Bäumen und Büschen und Sträuchern kommt, die auf, in und an dem Haus leben. Oder besser: aus denen es gemacht zu sein scheint.

Das vorsichtig-lichte Grün der Birken flimmert im Wind, der von den Alpen herüberweht; waldbodengrüne Sträuchlein ducken sich tief in den Schatten im Innenhof; und das zähe Graugrün der Gräser auf dem Dach wartet auf die Sonne, die an diesem Morgen noch verborgen bleibt. Es ist, als hätte jemand den Philosophen Walter Benjamin eigenwillig interpretiert, der sagte, dass das "Poröse der Fassaden" die Städte des Südens so besonders lebenswert mache.

63 Apartments haben Platz in Verde 25, doch das Gebäude ist viel mehr als nur ein Wohnhaus. Man mag die Architektur für eine Übertreibung halten, und das ist sie auch. Doch wer in ihr liest, findet eine mögliche Antwort auf die Frage, wie unsere Städte in fünfzig oder sogar schon in zwanzig Jahren aussehen werden. Man kann sie aber auch als Kommentar zur Diskussion auffassen, wo wir die Grenze zwischen Mensch und Natur ziehen. Und ob wir das überhaupt können.

Der Architekt des Gebäudes ist Luciano Pia, im Oktober wird er für sein Gebäude in München den Architekturpreis Iconic Award erhalten. Pia ist Italiener, kann also Kaschmirpullover, Fleeceweste und Anzugjackett übereinander tragen und trotzdem vorzüglich gekleidet sein – was im Kontrast zur trostlosen Nachbarschaft von Verde 25 umso mehr auffällt. Einst wohnte Turins Arbeiterklasse hier neben den Fiat-Werkstätten, verlassene Werkhallen zeugen davon. Pias Baum- und Traumhaus sticht hier verspielt aus dem Grau des restlichen Viertels hervor. Man kann Menschen beobachten, die vorbeikommen und irritiert stehen bleiben: Was soll das hier sein? "In der direkten Nachbarschaft gibt es wenig, das interessant ist. Ich wollte ein introvertiertes Gebäude, eines, das den Bewohner sich im Innern wohlfühlen lässt, das ihn nicht dazu anregt, nach draußen zu schauen", sagt Pia. Obwohl das Gebäude 2012 fertig geworden ist, hat er noch immer einen Schlüssel für das Eingangstor. Links davon fließt Wasser in einen kleinen Teich, im Innenhof wachsen Immergrün und Birken. Man sieht noch die Pflanzfolien und den Raster, auf dem die Bäume stehen. Die Emulation von Natur, die Pia anstrebt, ist hier noch im Werden.

Projekte wie Verde 25, welche die Natur zurück in die Stadt holen, können echte Wildnis niemals ersetzen. Das wollen sie auch gar nicht. Denn die Natur passt nicht in Kategorien von Schönheit, sie ist rau, manchmal hässlich und unordentlich, also nicht das, was man in einem urbanen Raum sucht. Dennoch hat Pias Bauwerk eine Grenze eingerissen, die von uns willkürlich gezogen und immer wieder verschoben wird: Mensch hier, Natur dort. Zivilisation und Wildnis schließen einander aus: Das eine gibt es nur ohne das andere, im größten Teil der sich entwickelnden Welt ist Fortschritt definiert als das Zurückdrängen von Wildnis. Das hält Krankheiten fern und lenkt das Leben in Bahnen. Regeln gegen Zufall, Konzept gegen das Wuchern. Nur funktioniert das nicht mehr. Nicht nur weil längst Wildschweine und Füchse durch Berlin streifen und Wölfe durch Brandenburg oder weil Industriebrachen sukzessive zuwuchern. Nicht nur weil es schöner ist, auf einer Wiese zu grillen anstatt auf einem Parkplatz. Sondern auch weil Stadt ohne Natur nicht funktionieren kann. Ohne intakte Ökosysteme gäbe es kein sauberes Wasser und keine saubere Luft. Chinesische Megastädte zeigen, was geschieht, wenn Raumplaner so handeln, als befänden sich Städte losgelöst in einem leeren Raum.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

All das ist bekannt. Bis sich das Bewusstsein dafür aber durchgesetzt hat, musste noch einmal Zeit vergehen. Neu ist, dass Architektur dieser Diskussion in so eindeutiger Formen- und Funktionssprache Ausdruck verleiht. Die Avantgarde der Baukunst ist dabei, Mensch und Natur einander wieder näherzubringen.

Es gibt dafür noch andere Beispiele. Passivhäuser etwa werden schon lange gebaut, Dachgärten auch. Berühmt sind die vertikalen Gärten des Franzosen Patric Blanc, der Künstler und Gärtner gleichermaßen ist. Oder das Hochhaus Bosco Verticale in Mailand, das Balkone wie aufgezogene Schubladen hat, aus denen Bäume und Büsche wachsen und das einmal ein senkrechter Park werden soll. Noch sind all diese Projekte so außergewöhnlich, dass Touristen kommen und Fotos machen.