In der Sterbehilfe-Debatte werden zum Teil eklatante Fehlaussagen so oft wiederholt, bis Menschen und auch Ärzte sie glauben oder zumindest verunsichert sind. © dpa

Der junge Patient auf der Palliativstation litt an stärksten Schmerzen aufgrund eines unheilbaren Tumors. Die Beschwerden konnten innerhalb einer Woche gut gelindert werden. Der Patient war sehr zufrieden, bedankte sich bei allen, ging nach Hause und nahm sich das Leben. Das Palliativteam war zutiefst betroffen: "Wieso hat er mit uns nicht geredet?" Die Schwester des Patienten, der er sein Vorhaben vor dem Suizid mitteilte, stellte die gleiche Frage: "Weshalb hast du nicht mit den Ärzten gesprochen?" Die erschütternde Antwort: "Um Gottes willen. Die Ärzte sind so gut zu mir gewesen, ich konnte sie doch unmöglich in Schwierigkeiten bringen."

Der Fall ereignete sich vor über zehn Jahren, hat aber nichts an Aktualität eingebüßt. Ärzte haben bis heute Angst vor straf- und berufsrechtlichen Konsequenzen, sollten sie einen schwerstkranken Suizidwilligen in seiner Absicht unterstützen – und wie es steht, wird ihnen diese Angst in Zukunft niemand nehmen. Denn im Bundestag, der zurzeit verschiedene Gesetzesvorschläge zur Sterbehilfe debattiert, droht sich eine restriktive Linie durchzusetzen.

Dabei ist Suizidhilfe in Deutschland – bislang – nicht strafbar, was allerdings kaum jemand weiß: Bis zu 93 Prozent der Allgemeinbevölkerung, aber auch 73 Prozent der Medizinstudierenden gehen in Befragungen von einer Strafbarkeit der Suizidassistenz aus. Das erinnert an eine Umfrage unter neurologischen Chefärzten, bei der über die Hälfte die Meinung vertrat, dass die Behandlung der Atemnot in der Sterbephase mit Morphin "Euthanasie" sei, also strafbare aktive Sterbehilfe. Dabei ist das Gegenteil der Fall, die Gabe von Morphin lindert die Atemnot und verlängert nachweislich das Leben. Eine weitere Umfrage unter deutschen Betreuungsrichtern stellte fest, dass über ein Drittel den Unterschied zwischen (verbotener) aktiver und (erlaubter) passiver Sterbehilfe nicht verstanden hatte. Eine beunruhigende Vorstellung.

Wenn schon diejenigen, die es wissen müssten, wenig Ahnung haben, wundert es nicht, was in Talkshows, Stellungnahmen und Interviews zum Thema Sterbehilfe deutlich wird: Man diskutiert im Brustton der Überzeugung, aber in bemerkenswerter Unkenntnis der Fakten. Dabei werden zum Teil eklatante Fehlaussagen so oft wiederholt, bis die Menschen sie glauben oder zumindest verunsichert sind. Es ist deshalb nötig, die wichtigsten dieser Aussagen – die teilweise als Begründung für die aktuellen Gesetzentwürfe herhalten müssen – einem Faktencheck zu unterziehen.

Ein Lieblingssatz vom Bundesärztekammer-Präsidenten Frank Ulrich Montgomery lautet: "Ärzte heilen manchmal, lindern oft, trösten immer und töten nie." Damit wird suggeriert, es gehe in der gegenwärtigen Debatte um die Tötung auf Verlangen, wie sie in den Niederlanden oder Belgien gesetzlich erlaubt ist. Dabei wird der Patient vom Arzt durch eine Injektion aktiv getötet. Das aber will in Deutschland niemand, nicht einmal die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben, die sich für eine weitgehende Selbstbestimmung am Lebensende einsetzt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Die Diskussion konzentriert sich hingegen auf die Frage der Hilfe bei der Selbsttötung, den sogenannten assistierten Suizid, und hier insbesondere auf die Rolle der Ärzte. Der assistierte Suizid ist aber etwas gänzlich anderes als die Tötung auf Verlangen. Zum einen liegt die Kontrolle beim assistierten Suizid allein beim Patienten, bis zuletzt kann er seine Meinung ändern. Zum anderen sind gefährliche Ausweitungen der Sterbehilfe auf psychisch Kranke oder demente Patienten, wie sie bei der Tötung auf Verlangen nachweislich vorkommen, bei der Suizidhilfe nicht möglich. Denn diese setzt eine freie und eigenverantwortliche Willensentscheidung voraus, die der Arzt vorab überprüfen muss.

Die Tötung auf Verlangen ist in der Praxis angesichts des technologischen Fortschritts auch überhaupt nicht notwendig: Denn jeder Mensch, der einen Suizidwunsch äußern kann, ist auch in der Lage, die Tatherrschaft bis zum Ende zu behalten – und sei es, indem ein vollständig gelähmter Patient einen Computer mithilfe seiner Augenbewegungen steuert, der eine Infusion mit dem tödlichen Mittel in Gang setzt.