Eine Chinesin studiert in Dresden, ein Hamburger in An Shan. Wie verändert das ihren Blick auf das jeweils fremde Land? Und welche Eindrücke nehmen sie mit zurück in die Heimat? Zwei Protokolle in zwei Sprachen

Effizienz? Ein Mythos

Ich lebe seit zehn Wochen in Dresden, und mit jedem Tag, den ich länger hier bin, entdecke ich mehr interessante Sachen. Ich habe herausgefunden, wie die Deutschen die Tage vor ihrer Hochzeit feiern: In einer Hotellobby sah ich einen jungen Mann, der ein Kleid trug. Er erzählte mir, dass er heiraten werde, vorher aber Aufgaben bewältigen müsse, wie etwa 24 Stunden lang ein Mädchen zu sein. Lustig.

Manchmal erlebe ich auch unschöne Situationen. Deutschland ist nicht so effizient, wie es das Stereotyp besagt. Ich brauchte drei Wochen, um ein Bankkonto zu eröffnen – in China wäre das schneller gegangen. Ich war auch schockiert, als ein kleiner Junge in einer Tram ans Fenster haute und mir den Stinkefinger zeigte.

Ein Unterschied an der Uni ist, dass in China der Campus meist außerhalb der Stadt liegt und dort nur Studenten leben. In Dresden muss ich für meine Seminare durch die ganze Stadt fahren. Das amüsiert mich. Anfangs schämte ich mich sehr für die ganzen Missverständnisse, die es gab, weil ich so schlecht Deutsch sprach, die Kultur nicht kannte und der sächsische Dialekt so ungewöhnlich ist. Bei meiner ersten Präsentation wiederholte ich dauernd einen einzigen Satz, weil mir die Vokabeln fehlten.

Auffällig ist, wie viel unabhängiger und aktiver hier gelernt wird. Die Studenten wählen ihre Kurse nach Interesse und sagen offen ihre Meinung. Wir diskutieren viel, und oft machen wir Lernübungen mit den Dozenten. Manchmal weigern sich die Studenten, Vorschläge des Dozenten zu befolgen. Hier könnten deutsche Studenten von China lernen und ihren Lehrern mehr Respekt zollen. Bei uns gelten deutsche Professoren als streng, auch wenn ich nie gedacht hätte, dass manche den Studenten sogar ein Formular für die Notizen vorgeben. Abgesehen davon sind die Lehrenden hier aber nicht mehr und nicht weniger locker und ernst als in China. Und sollte jetzt jemand denken, dass mich diese Unterschiede verstören – überhaupt nicht: Ich genieße sie.


Das spannendere Leben

Mein erster Eindruck von An Shan war, dass es eine Industriestadt ist, voller Arbeiter und warmherziger Menschen. Als meine Gastfamilie mich am Bahnhof abholte, gingen wir gleich einkaufen. Sie hatten Sorge, dass ich nicht genügend warme Kleidung dabeihaben könnte. Was wir auch kauften – sie zahlten es. Wie sie sonst auch alles machten, damit ich mich wohlfühlte.

Nach und nach begann ich China zu verstehen. Etwa, warum Chinesen zu Hause immer in Freizeitkleidung herumlaufen. Sie finden das hygienischer. Und das stimmt auch.

Meiner Meinung nach haben Chinesen ein spannenderes Leben als Deutsche. Sie singen, tanzen, praktizieren Tai-Chi und viele andere Aktivitäten in ihrer Freizeit. Ich habe all das immer sehr genossen, ebenso wie die Ausflüge an historisch oder kulturell wertvolle Orte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Allerdings haben chinesische Studenten nicht viel freie Zeit. Die Aufnahmeprüfungen für die Universitäten sind hart, der Wettbewerb ist groß. Viele beginnen um sieben Uhr morgens zu lernen. Die Seminare enden dann erst um acht Uhr abends. Danach gibt es noch Hausaufgaben. So fleißig zu sein, das musste ich erst lernen. Aber mein Lehrer lobte mich für meinen Einsatz, und nach zehn Monaten hatte sich so auch mein Chinesisch sehr verbessert.

Gerade die jungen Deutschen könnten sich von dieser Einstellung eine Scheibe abschneiden: Lerne, so viel du kannst, respektiere deine Lehrer, und höre andere an.

Wenn ich darüber nachdenke, was während dieser Zeit schwierig war, würde ich sagen: Die größte Schwierigkeit, wenn du dich in eine andere Kultur integrieren willst, bist immer du selbst. Ich achtete darauf, offen zu sein, redete mit Kommilitonen und Lehrern, aber auch mit Wachleuten und Putzfrauen. So lernte ich nicht nur die Sprache, sondern auch das Land kennen. Und letztlich mich selbst.


Die Protokolle wurden aufgezeichnet von MIN YANG. Die chinesische Journalistin arbeitet für die Zeitung "Chinese Social Sciences Today" in Peking und als Stipendiatin der Robert-Bosch-Stiftung in diesen Wochen für die ZEIT