Straßen brauchen keine Namen. Man kann sie nummerieren, wie in Manhattan oder Mannheims Zentrum; auch Autobahnen haben meist nur eine Nummer. In alten Chroniken sucht man Namen ohnehin vergebens. Die Straßen trugen schlichte Attribute: Kurze Straße, Lange Straße, Breite Straße, Hohe Straße.

Dazu gab und gibt es Fleischhauergassen, Reeperbahnen, Gänse- und Flachsmärkte, Wälle, Torplätze und Tittentastergänge. Manchmal markieren Straßen die politische Topografie: Domplatz, Rathausmarkt, oder weisen den Ort, zu dem sie führen: Mainzer Landstraße, Wandsbeker Chaussee, oder referieren bloß die Flur: Am Gehölz, Waldstraße, Donauufer.

Wenn überhaupt einmal ein Name auftauchte, dann der eines Heiligen, eines Kirchenpatrons. Oder man huldigte dem Landesherrn: Königsallee, Kurfürstendamm, Prinzregentenstraße, aber das war dann schon zu späterer Zeit. Manchmal verbergen sich hinter den Schildern auch kompliziertere Geschichten. Für jede Stadt, jeden Kreis gibt es lehrreiche Lexika. Darin sind diese Schwänke nachzulesen, mit all ihren gewundenen Verballhornungen und zum Teil höchst windigen Etymologien.

Über den uralten Namen ruht öffentlicher Frieden. Allenfalls Judengassen und Mohrenstraßen erregen gelegentlich noch die Gemüter. Doch käme wohl keiner heute auf die Idee, Kölns Hohe Straße umzubenennen oder, wie die DDR-Oberen es 1953 taten, Magdeburgs Breiten Weg zur Karl-Marx-Straße zu machen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

In der Nachkriegszeit – gerade erst waren die Adolf-Hitler-Plätze und Horst-Wessel-Straßen verschwunden – zeigte man sich in der Bundesrepublik eher vergangenheitsscheu. Während der Arbeiter-und-Bauern-Staat mit Rosa-Luxemburg-Alleen nicht geizte und Chemnitz gleich komplett in Karl-Marx-Stadt umtaufte, wich man in den Neubausiedlungen-West auf Märchenfiguren aus, auf Blumen und Vögelchen, auf die Namen friesischer Urlaubsinseln und bayerischer Berge. In Quartieren mit dem damals typischen Migrationshintergrund gab es gern auch Königsberger und Budweiser Straßen.

Alles durchaus sentimental und unverfänglich. Was das Bekenntnis zum großen Bruder nicht ausschloss: Als im Herbst 1963 US-Präsident John F. Kennedy in Texas einem Attentat zum Opfer fiel, erhielten überall in der Bundesrepublik repräsentative Plätze, Straßen, Brücken seinen Namen. Exakt zehn Jahre später starb ein anderer amerikanischer Präsident: Chiles Salvador Allende, ums Leben gekommen just bei einem US-gestützten Putsch. Während das DDR-Regime sofort die Heiligsprechung einläutete, wagten es im Westen nur wenige Städte, Allende im Stadtplan zu ehren; in Hamburg protestierte die Handelskammer.

Aber Ärger gab es eigentlich schon immer, wenn es um historische Persönlichkeiten ging. Selbst bei Konrad Adenauer. Als ihm im April 1967, er war gerade gestorben, der Westberliner Kaiserdamm gewidmet werden sollte, hielt eine Untertaneninitiative mit 100.000 Unterschriften fest zum Kaiser. So war das, kurz vor 68.