Manchen Malern haften Missverständnisse an, weil ein Aspekt ihres Œuvres im Laufe der Zeit andere Aspekte überlagert hat. Üppige Sinnlichkeit ist nicht gerade das Erste, woran man bei Francisco de Zurbarán (1598 bis 1664) denkt, und genauso wenig an nackte männliche Torsi mit glänzenden Muskelsträngen, derer sich ein italienischer Renaissancemaler nicht schämen würde. Zurbaráns Männerkörper sind zumeist gut unter Mönchskutten verborgen, weißen, grauen und braunen, und die Malweise dieser Gewänder deutet auf eine andere Form von Sinnlichkeit hin, eine, die erst dann in Erscheinung tritt, wenn ein Maler Stoff, Materie lange und hartnäckig studiert hat.

"Santa Casilda" von Francisco de Zurbarán um 1635 ©Francisco de Zurbarán

Das war, vor vielen Jahren, im Kloster Guadalupe meine erste Begegnung mit diesem spanischsten aller Maler. Trockene andalusische Landschaften als das Klischee Spaniens, Kirchen mit ekstatischen Heiligenfiguren, Olivenbäume, die sich auf einem Hügel in Schlachtordnung aufgereiht gegen den Himmel abzeichnen, alles stimmig. Und drinnen, im Kloster, die gemalten Mönche in ihren Kutten. Nicht eine Sekunde lang dachte ich an die Körper unter diesen Kutten, mich faszinierten die Meter um Meter Stoff, die Falten, die unendlichen Farbschattierungen. Es schien, als könne man den steifen Stoff spüren, ohne ihn zu berühren, ich weiß noch, dass ich mich fragte, wie das möglich sei, wie viel geistige Konzentration ein Maler dafür aufbringen müsse.

Ob man nun näher oder etwas weiter weg stand, man sah, wenn man den Blick auf den Stoff gerichtet hielt und den Mönch samt dem Rest des Bildes kurz ausblendete, plötzlich ein äußerst modernes, abstraktes Gemälde, das man aus dieser Kutte schneiden könnte, ein Sakrileg, doch wenn einem dieser Gedanke erst einmal gekommen ist, lässt er einen nicht mehr los. Ich sah Blau und Gold und zuweilen sogar Schwarz in dem bisher scheinbar so einheitlichen Weiß und wusste, ich hatte für mich einen Maler entdeckt, der mich auf Jahre hinaus beschäftigen würde.

Zurbarán ist ein mystischer und metaphysischer Maler. Er lebte kurz nach dem Dichter Johannes vom Kreuz, den er zweifellos gelesen hat, genauso wie Teresa von Ávila. Vor allem wegen seiner Motive hat er sich einen gewissen Ruf von Heiligkeit erworben, der freilich nur einen Teil seines Wesens ausmacht. Gerade das Nebeneinander von Gegensätzen lässt einen Besuch der Ausstellung zu einem so spannenden Erlebnis werden.

Nach der ersten Begegnung mit seinem Werk in Guadalupe und Sevilla sah ich seine Gemälde in der Real Academia de San Fernando in Madrid, wo eine Reihe stehender Dominikaner kurz aus den lebensgroßen Leinwänden aufblickt, als habe man sie beim Schreiben gestört. Sie halten große Bücher in den Händen und eine Feder, zu gern läse man das letzte Wort, das sie gerade geschrieben haben, und der Blick, den sie auf einen richten, kommt aus einer für immer vergangenen Zeit, so als wollten sie uns an etwas erinnern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Später sah ich eine Ausstellung in Paris, die alles, was Napoleons Truppen einst aus spanischen Klöstern geraubt hatten, zeigte. Dort sah ich auch andere Seiten Zurbaráns, die ihn nicht leichter zugänglich, sondern noch rätselhafter machten, eine Rätselhaftigkeit, die in dieser äußerst facettenreichen Ausstellung gut zum Ausdruck kommt. Als Zurbarán bei Philipp II. Hofmaler geworden war und sich mit Velázquez angefreundet hatte, erhielt er den Auftrag, die Taten des Herkules zu malen. Nachdem sich der Besucher zunächst das Herkules-Gemälde angesehen hat, bedarf es nur einer kleinen geistigen Übung, damit ihm aufgeht, wie gut dieser Maler wusste, wie ein Männerkörper unter einer Kutte aussieht. Ein gewagter Gedanke, doch der Maler muss sich dessen bewusst gewesen sein. Wer weiß, was er zeigt, weiß auch, was er verbirgt, und diese Kutten wurden über realen Körpern getragen.

Nackte Frauen hat Zurbarán meines Wissens nicht gemalt, dafür aber einige wunderbare Frauenporträts, so zum Beispiel die Heilige Casilda und die Heilige Marina. Ihre Kleider lassen erkennen, was der Meister des scheinbar so monotonen Brauns der Franziskaner oder des Weiß der Kartäuser auch darzustellen vermochte: unvorstellbar reiche Farbabstufungen in den meterlangen Gewändern, die um die schlanken Frauengestalten drapiert sind.