Am Bahnhof in Salzburg sitzt Mohammed, ein Flüchtling aus Syrien, und erzählt von sonderbaren Landsleuten. "Alle sagen jetzt, dass sie Syrer sind, doch viele stammen aus Pakistan oder dem Irak. Sie sehen nicht aus wie wir, sie sprechen nicht wie wir. Ganz ehrlich, nur zehn bis zwölf Prozent der Menschen, die hier sind, sind wirklich Syrer." Und tatsächlich bereitet unter den Zehntausenden Flüchtlingen, die in den vergangenen Wochen nach Deutschland gekommen sind, eine Gruppe den Sicherheitsbehörden zunehmend Sorge: Syrer, die gar keine Syrer sind.

Seitdem sich weltweit herumgesprochen hat, dass Syrern in Deutschland grundsätzlich Asyl gewährt wird, sei die Zahl von Flüchtlingen, die bei ihrer Einreise falsche Angaben machen, "signifikant gestiegen", heißt es bei den Behörden. Zu Wochenbeginn hatte ein Dolmetscher aus Marokko Schlagzeilen gemacht. Rund ein Viertel der Menschen, für die er am Wiener Westbahnhof übersetzt habe, seien gar keine Kriegsflüchtlinge; sie stammten aus Algerien, Ägypten oder Marokko und gäben sich als Syrer aus.

Das Bundesinnenministerium bestätigte der ZEIT das Phänomen, eine konkrete Zahl lasse sich aber nicht nennen, verlässliche Angaben seien nicht möglich. "Hinweise, die darauf schließen lassen, dass nicht syrische Migranten zunehmend angeben, syrische Staatsangehörige zu sein, ergeben sich unter anderem aus Lageerkenntnissen der europäischen Grenzschutzagentur Frontex. Verbindungsbeamte der Bundespolizei bestätigen die Tendenz", sagte ein Sprecher des Innenministeriums.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten über eine Bandbreite von Tricks, mit denen die syrische Identität vorgetäuscht wird. Flüchtlinge lernten die Nationalhymne Syriens auswendig, machten sich mit der Geografie und Geschichte des Landes vertraut und fragten auf dem Weg nach Europa gezielt Syrer aus, um später beim Asylverfahren glaubwürdige Lebensgeschichten präsentieren zu können. Dokumente aus Syrien – Pässe, Führerscheine, Zeugnisse – werden längst auf einem florierenden Markt gehandelt. Seit die Bundesregierung Grenzkontrollen wieder eingeführt hat, stellte die Bundespolizei in den ersten Tagen zahlreiche gefälschte Pässe und Ausweise sicher.

Die Menschen, die an der ungarisch-serbischen Grenze anlanden, stammen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, aus Nigeria, Eritrea, Burkina Faso, Mali, dem Sudan und dem Kongo, aus Pakistan, Bangladesch und sogar aus Burma. Ein Mitarbeiter der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR erzählt von Syrern, die sich beschwert hätten, wie viele Menschen sich als ihre Landsleute ausgeben. "Manchmal braucht man nur hinzuschauen und stellt fest, das kann doch nicht stimmen." Als ein Bus ausschließlich Syrer transportieren sollte, hoben auf die Frage, wer Syrer sei, auch Afrikaner ihre Hände.


Extremismus - Ein Jahr IS-Herrschaft Seit die Terrormiliz "Islamischer Staat" vor einem Jahr ihr "Kalifat" in Syrien und im Irak ausgerufen hat, sind Millionen Menschen geflohen: Die IS-Extremisten herrschen mit eiserner Faust und schrecken auch vor öffentlichen Hinrichtungen, Seit die Seit die Terrormiliz Islamischer Staat vor einem Jahr ihr "Kalifat" in Syrien und im Irak ausgerufen hat, sind Millionen Menschen geflohen. Immer wieder gibt es öffentliche Hinrichtungen, Misshandlungen und Entführungen.