Die öffentliche Diskussion um die Flüchtlingskrise war in den vergangenen Wochen durchtränkt von Anspielungen auf die deutsche Vergangenheit. Bundespräsident Joachim Gauck gab vor etwa einem Monat den Ton an, als er von einem "Dunkeldeutschland" und einem "hellen Deutschland" sprach. Zeitungen vergleichen die Krise mit 1989, dem Jahr des Mauerfalls, andere fühlen sich an 1933 erinnert. Laut New York Times ruft "die Behandlung der Migranten … Erinnerungen an Europas dunkelste Stunde" wach. Die israelische Tageszeitung Yediot Acharonot wiederum titelte auf ihrer ersten Seite "Wieder auf dem Bahnsteig" und wies darauf hin, dass manche der Bahnhöfe, in denen sich heute Flüchtlinge versammelten, dieselben seien, von denen aus Juden deportiert wurden.

Bis zu einem gewissen Punkt sind solche historischen Anspielungen nicht nur natürlich, sondern auch angemessen. Das deutsche Asylgesetz wurde schließlich mit dem Wissen um vergangene Verfolgungen geschrieben, die Millionen Europäer, Juden und andere, gezwungen hatten, andernorts um Asyl zu bitten. Doch historische Parallelen können auch in die Irre führen. Sie verdecken, dass die gegenwärtige Krise uns vor ein grundlegendes Dilemma des modernen politischen Denkens stellt – ja sogar des modernen Liberalismus. Wir stehen vor einem Problem, das wir erfolgreich verdrängt haben, nämlich unsere unzulängliche Verständigung darüber, was eigentlich Menschenrechte sind.

"Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören." Warum glauben wir, dass diese Wahrheiten der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung "selbstverständlich" sind? Sie seien, heißt es in der Erklärung, von unserem "Schöpfer" geschenkt – weiter vorn im Text beriefen sich die Gründungsväter auf den "Rang", den wir von der "Natur Gottes" erhalten hätten. Aus der Perspektive der modernen Politikwissenschaft ist die Berufung auf Gott, die auch im deutschen Grundgesetz verankert ist, natürlich sinnlos.

Die Wahrheit ist, dass wir die Menschenrechte in einem vernünftigen, modernen Sinn niemals hinlänglich begründet haben. Eine Begründungsstrategie bestand darin, sich statt auf Gott auf die Natur zu berufen – Menschen hätten unveräußerliche natürliche Rechte. Aber um diesen Ausweg zu akzeptieren, muss man der Natur Eigenschaften zuschreiben, die von der Wissenschaft gerade bestritten werden. Die blinde Evolution kann nicht zugleich die Quelle normativ bindender Rechte sein.

Welche Verpflichtungen ergeben sich aus der deutschen Vergangenheit?

Eine etwas vielversprechendere Alternative besteht darin, Kant zu folgen und sich auf die Vernunft zu berufen statt auf die Natur oder auf Gott. In dieser Lesart gründen die Menschenrechte in unserer Fähigkeit zum rationalen Denken. Allerdings muss man, um diese Position aufrechtzuerhalten, eine metaphysische Konzeption von Vernunft verteidigen – ein Konzept von Rationalität, das über die Reduktion des Menschen auf seine bloße Natur hinausgeht. Im Gegensatz dazu ist das heutige Denken von Rawls bis Habermas postmetaphysisch, als gebe es dazu keine Alternative. Auch wenn es wahr sein mag, dass wir keine derartige Alternative haben, ist es ebenso wahr – mit Kant gesprochen –, dass es keine Theorie der Gerechtigkeit ohne Metaphysik gibt und dass es ohne eine Theorie der Gerechtigkeit keine Theorie des Staates geben kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Im Augenblick versuchen wir, irgendwo zwischen den Positionen von Habermas und Kant Platz zu schaffen für die Flüchtlinge. Moderne politische Denker können sinnvollerweise vom Staat als Instrument zur Verteidigung der Interessen seiner Bürger sprechen. Doch wenn sie davon sprechen, dass der Staat universelle Menschenrechte verteidigt, dann fehlen ihnen allgemeingültige Konzepte. Folglich ist es derzeit einfacher, zusätzliche Verpflichtungen anzusprechen, die sich aus der deutschen Vergangenheit ergeben. Damit weicht man allerdings der Frage nach den politischen Ansprüchen der Flüchtlinge aus. Hier liegt ein subtiler, aber schädlicher Trugschluss: Es mag wahr sein, dass die deutsche Geschichte besondere Verpflichtungen zur Verteidigung der Menschenrechte nach sich zieht, aber das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie wir diese Rechte definieren können.

Nie war die Unzulänglichkeit unserer Sprache offensichtlicher als bei Angela Merkels Sommer-Pressekonferenz. "Die universellen Bürgerrechte", sagte sie, "waren bislang eng mit Europa und seiner Geschichte verbunden." Scheitere man daran, den Flüchtlingen zu helfen, "geht diese enge Bindung mit den universellen Bürgerrechten kaputt". Wollte die Kanzlerin die Flüchtlinge ansprechen, hätte sie wohl Menschen- und nicht Bürgerrechte sagen müssen. Sie sagte nur das, wofür sie politisch einstehen konnte, aber das war für Flüchtlinge nicht relevant, deren Status der von Nicht-Bürgern ist. Unbewusst muss Merkel mit der Reduktion des Menschen auf den Bürger gekämpft haben, denn sie bestand wiederholt darauf, "Bürgerrechte" mit dem Adjektiv "universell" zu versehen. Aber "universelle Bürgerrechte" stellen einen inneren Widerspruch dar. Universalität ist eine Eigenschaft aller Menschen, wohingegen die exklusivere Gruppe der Bürger Flüchtlinge nicht einschließt.