Wanka will vor allem Studienkollegs unterstützen. © Bernd Von Jutrczenka/dpa

DIE ZEIT: Frau Wanka, was bedeutet die Ankunft von vermutlich über 800.000 Flüchtlingen innerhalb eines Jahres in Deutschland für die Hochschulen?

Johanna Wanka: Die Hochschulen haben durch die vielen ausländischen Studenten jahrelang Erfahrungen gesammelt, das wird ihnen in der neuen Situation mit den Flüchtlingen helfen. Wir wollen, dass die Hochschulen zur Integration beitragen. Daher sollen Menschen, die Lust auf ein Studium haben und die entsprechenden Qualifikationen mitbringen, einen guten Zugang zu den Hochschulen haben. Das will der Bund unterstützen.

ZEIT: Wie soll diese Unterstützung aussehen?

Wanka: Wir haben drei Bausteine beschlossen. Erstens müssen die Sprachkenntnisse und die Studierfähigkeit früh festgestellt und gefördert werden. Der Test für ausländische Studierende, der momentan für Studieninteressierte aus dem Ausland eingesetzt wird, muss in Sprachen übersetzt werden, die die Flüchtlinge sprechen: Arabisch, Dari und andere. Flüchtlinge sollen den Test flexibel an zentralen Hochschulstandorten ablegen können, dafür wird der Bund Geld für zusätzliches Personal zur Verfügung stellen.* Wir werden zudem die Gebühren, die für den Test anfallen, zu einem großen Teil übernehmen.

ZEIT: Bei vielen Flüchtlingen wird der Sprachtest ergeben: Das Deutsch reicht für ein Studium nicht aus. Was passiert dann?

Wanka: Um Sprachkenntnisse zu fördern, wollen wir verstärkt digitale Medien einsetzen. Zum Beispiel eine App, die Flüchtlinge schon in der Erstaufnahmeeinrichtung nutzen können. Sie soll Informationen und Orientierung liefern und Sprachlektionen enthalten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

ZEIT: Wann wird es die App geben?

Wanka: So schnell wie möglich. Zudem wollen wir Hochschulen dabei unterstützen, vorhandene digitale Lernplattformen für Flüchtlinge auszubauen. Wir eruieren noch, welche Hochschulen hierfür besonders infrage kommen.

ZEIT: Nur weil man eine Hochschulzugangsberechtigung hat und die Sprache spricht, ist man noch nicht studierfähig.

Wanka: Doch, aber natürlich ist die akademische Kultur in Deutschland eine andere als beispielsweise im arabischen Raum. Eine wichtige Brücke bilden Studienkollegs. Dort lernen ausländische Studienanwärter Fachsprachen, fachspezifische Grundkenntnisse und auch Sozialkompetenzen. Es hat sich gezeigt, dass Absolventen von Studienkollegs besser und schneller studieren als Ausländer ohne diese Erfahrung. Deshalb plant der Bund, an den 30 Studienkollegs in Deutschland 2.400 zusätzliche Plätze für Flüchtlinge zu finanzieren und weitere Kurse einzurichten.

ZEIT: 2.400 Plätze – das klingt angesichts der hohen Gesamtzahl der Flüchtlinge nach nicht viel.

Wanka: Es ist schwer zu sagen, wie viele Flüchtlinge tatsächlich studieren werden. 2.400 zusätzliche Plätze sind kein schlechter Anfang.

ZEIT: Was sind die anderen Bausteine neben den Tests, der Sprachförderung und den Studienkollegs?

Wanka: Nachdem die Studierfähigkeit festgestellt wurde, wollen wir die Zulassung zum Studium unkompliziert ermöglichen. Es gibt eine Beratungsstelle, Uni-Assist, die internationale Studieninteressierte über Angebote informiert. Die Beratung kostet eigentlich Gebühren. Der Bund wird diese Gebühr für alle anerkannten Flüchtlinge übernehmen.

ZEIT: Können überhaupt alle Flüchtlinge – allein sprachlich –vernünftig beraten werden?

Wanka: Das ist schwierig. Wir schaffen bei Uni-Assist daher weitere Stellen, um möglichst allen gerecht zu werden.

ZEIT: Viele Flüchtlinge sind traumatisiert und brauchten – nicht nur vor Studienbeginn – psychologische Betreuung. Können die Hochschulen das leisten?

Wanka: Jedem Studenten, nicht nur Flüchtlingen, stehen die psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke offen. Allein wegen der Sprachbarriere könnten diese aber Flüchtlingen, etwa bei Traumata aus Kriegsgebieten, nur bedingt helfen. Die Betreuung dieser Menschen sollte von Experten übernommen werden und möglichst frühzeitig beginnen.

Anmerkung, 21. September: In der Print-Version des Interviews stand ein missverständliches Zitat. Der Bund selbst wird den Hochschulen kein Personal zur Verfügung stellen, sondern lediglich Geld für zusätzliches Personal. Wir haben das korrigiert.