Welche Musik hören in diesen Tagen, in denen sich die Tonlage in Europa so sehr verändert? Vielleicht diese Band aus Kopenhagen? Ein Quintett, das für das, was zurzeit geschieht, in seinen Balladen zwar auch keine Worte findet (schon weil niemand singt), das aber einen feinen Sinn hat für die Durchmischung der Gegenwart, ihre Schichten und Brüche, ihre Möglichkeiten und bewegenden Momente.

Girls In Airports nennen sich die fünf, was erst wie ein Scherz klingt und sich dann rasch einprägt. Mädchen auf Flughäfen. Wir sehen ihre Zöpfe, ihr Lächeln, ihre Freude über bevorstehende Abenteuer. Eben noch waren sie daheim beim Gummitwist, gleich entschweben sie in die Welt. Flughäfen (im Plural) sind ihr Habitat, die schnellsten Durchgangsstationen des globalen Schwingens.

Bloß spielt bei Girls In Airports nicht ein Mädchen mit. Es sind nur große Jungs, alle um die 30, gestandene Musiker, die sich vor Jahren am Kopenhagener Rhythmic Music Conservatory kennenlernten. Im Studium haben sie das Können erworben, das ihnen nun als Startbahn ihrer Interkontinentalflüge dient.

Zwei Saxofone, oder auch Saxofon und Bassklarinette, lassen traumhafte Melodien steigen. Schlagzeug und Perkussion legen exotische Rhythmen darunter. Und in der Mitte zwischen Melodie und Rhythmus: das Wurlitzer, jenes elektromechanische Klavier, dessen warmharter Klang zwischen Vibrafon und E-Piano changiert.

Kein Bass. Den spielt der Mann an den Tasten gleich mit. Hypnotisch-repetitive Linien, wie sie für psychedelischen Rock charakteristisch sind.

In sechs Jahren drei Platten. Girls In Airports, das Debüt, klingt noch nach Jazz. Es fallen die süffigen Linien auf, die fast trivial erscheinen und sogar einen nostalgischen Hauch verströmen. Das mag an den zwei oft leicht verschoben gespielten Saxofonen liegen, jener raren Doppelfront, die einst das Erkennungszeichen von Billy Vaughn und seinem Orchester war. Wer erinnert sich noch an Sail Along Silvery Moon und Raunchy, instrumentale Megahits der fünfziger Jahre, die neben den Platten von Hans Albers, Glenn Miller und Bert Kaempfert in jedem deutschen Plattenschrank standen?

Zu Herzen gehen, ohne kitschig zu werden – wie schwer ist das!

Das zweite Album, Migration, schon im Titel das Thema unserer Tage anschlagend, kommt mit afrikanischen Trommeln und arabischen Wendungen, gelegentlich an den sandigen Jazz des Äthiopiers Mulatu Astatke erinnernd.

Kaikoura, das dritte Album, vereint fremde und vertraute Elemente unter eleganter Aussparung des Erwartbaren. Es klingt wie Jazz ohne Jazz, Weltmusik ohne Weltmusik, Indie-Pop ohne Indie-Pop und in diesem vielfältigen Ohne liegt sein Reiz.

Noch etwas macht diese weltläufige Indie-Jazz-Band interessant. Sie kommt aus Dänemark, einem Land, das zwischen seinen Nachbarländern sonst kaum zu hören ist. Was gibt es im Norden nicht alles: den Rudi-Carrell-Jazz des Schweden Nils Landgren, den urbanen Pop des nach Italien ausgewanderten Norwegers Erlend Øye, den Big-Band-Trash des Finnen Jimi Tenor und von Island aus grüßt Björk. Aus Dänemark kam lange Zeit wenig.

So staunte ich, als mir vor zwei Jahren ein Student vom Hamburger Institut für Kultur- und Medienmanagement, der die Band unter die Leute bringen wollte, Kaikoura in die Hand drückte. Nur kurz hörte ich hinein, neugierig geworden vielleicht wegen des seltsamen Namens, aber schon gab es aus dem Sog dieser so modernen wie archaischen Sounds kein Entkommen mehr. Zu Herzen gehen, ohne kitschig zu werden – wie schwer ist das, und mit welcher Leichtigkeit gelingt es hier.

Mein erster Versuch, die Band live zu sehen, scheiterte im Mai 2014 an einem Unwetter. Sie spielten auf dem Elbjazz Festival im Hamburger Hafen, als ein Orkan heraufzog und die Barkassen, die ihr Publikum noch zu ihnen über den Fluss bringen sollten, nicht mehr ablegen durften. Hey, Jazz nur bis Windstärke acht? Wir Murrenden standen im Regen und die Band spielte vor den Zuschauern der zuvor aufgetretenen Gruppe, die aus demselben Grund nicht wegkamen, wie wir nicht hinkamen. Das Zwangspublikum sei begeistert gewesen, hieß es hinterher.

Im Februar 2015 ergab sich die nächste Gelegenheit: Ein mutiger Veranstalter hatte eine dreitägige Tour durch Schleswig-Holstein organisiert. Eine dänische Band, die kaum einer kennt, in Flensburg, Kiel und Lübeck? Na, viel Glück!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Ich fuhr an einem Mittwochabend in die Lübecker Altstadt ins CVJM, eine nüchterne Spielstätte im Erdgeschoss einer Jugendherberge, und, unglaublich, der Saal war voll. Sie seien gekommen, erklärten mir drei, vier Zuschauer auf Nachfrage, weil dieses Konzert Teil einer Reihe sei, Fantastische Musik, in der sie schon viel Gutes gehört hätten. Man müsse sich ja auch mal überraschen lassen.

So offen ist die norddeutsche Provinz. Willkommenskultur!

Obschon die Band mit zwei Mann Ersatz anreiste und deshalb nicht die letzte Lässigkeit hatte, dauerte es nur Minuten, bis das Publikum gewonnen war. Am Schluss wurde nach Zugaben verlangt und Geld für Tonträger hervorgekramt, welche die Band im Herbergseingang strahlend signierte.