Wir unterhielten uns noch und sie erzählten von ihrer vierten Platte, die sie bald aufnehmen würden. Ich fragte, ob ich da nicht mal im Studio zuschauen könnte. Sie sagten gleich Ja, als ob es nichts Besonderes wäre, einen Wildfremden zum Eigentlichen dazu zu holen.

So kam ich Anfang März nach Kopenhagen. Kurz zuvor hatte es den Terroranschlag gegeben. Ein schwer bewaffneter Islamist hatte erst einen Filmregisseur und dann einen Wachmann der jüdischen Gemeinde erschossen, bevor er von Polizisten erschossen wurde. Die Stadt stand noch unter Schock.

Der Anschlag war in Nørrebro geschehen, dem Kreuzberg Kopenhagens, in dem auch die Jungs von Girls In Airports wohnen. Hier, unmittelbar an dem von linken Künstlern gestalteten Roten Platz, erfinden sie ihre Musik. Die rote Mauer, die man vom Platz aus sieht, ist die Außenwand ihres winzigen Proberaums. Drinnen steht das alte Klavier, an dem Martin Stender, der unverschämt gut aussehende Saxofonist, für sich allein seine Ideen improvisiert. Er schneidet sie mit, hört sie später an und wenn eine Wendung Aura hat, transkribiert er sie zu einer Skizze, aus der das Kollektiv dann ein Stück formt.

Martin Stender und Mathias Holm, der Wurlitzer-Mann, kennen sich ewig. Sie wohnten zusammen, spielten aber nie zusammen, weil sie immer am Geschirrabwaschen waren. Das erzählen sie und es wird die Wahrheit sein, denn dänische Jungs-WGs sind bekannt für makellose Küchen.

Wir sitzen im Stefanshuset, ihrer Stammkneipe an der Stefansgade. Es ist laut, es gibt Bier und Billard, einen Kickertisch, Sportfernsehen.

Wie gut kennt man einander in Nørrebro? Er habe nur einen muslimischen Freund, sinniert Martin Stender, aber der sei ein schlechter Muslim, der den Glauben locker nehme. Immerhin, sagt Victor Dybbroe, der Perkussionist, der halb Afrika bereist hat, lieber einen schlechten Muslim zum Freund als gar keinen. In der dänischen Provinz seien die Sphären komplett getrennt.

Lars Greve, der Klarinettist mit dem Vollbart, erzählt vom großen Sonny Rollins, der sich am 11. September 2001 in seiner Bleibe am World Trade Center verkrochen hatte und noch Saxofon spielte, als die Rettungskräfte klopften. An so einem Tag, habe er ihnen gesagt, könne man genauso gut üben.

Sind sie eigentlich eine Jazzband? Martin sagt, das sei ihm echt egal, Etiketten würden sie bloß beschränken. Victor sagt, fokussiert auf Jazz seien sie nicht. Lars sagt, es liege in der Natur des Jazz, dass sich immer etwas entwickle. Ein neues Stan-Getz-Album oder ein neues Coltrane-Album, das wäre nicht wahr. Und wahr zu sein, echt zu sein, darum gehe es doch. "It needs to be true."

Einig sind sie sich darin, dass sie als Band keinen großen Plan haben, außer gegenwärtig zu sein.

Das Studio, in dem sie am nächsten Tag aufnehmen, liegt etwas außerhalb. Von Nørrebro zum Gammel Køge Landvej ist es trotzdem keine halbe Stunde. Ich nehme den Radschnellweg und gleite durch die bei allem Wohlstand auf Teilhabe ausgerichtete Stadt, vorbei an muslimisch geführten Fahrradläden und einem Islamisk Slagter. Die Morgensonne ist kühl, das Licht skandinavisch.

Sie lassen ihren Atem fauchen, die Speicheltröpfchen sprudeln

Auf einem Gewerbehof, zwischen schrabbeligen Werkstätten und Verschlägen, liegt versteckt das Studio R. Im Eingang steht ein gelbgrünliches Fransensofa, passend zum ähnlich gestimmten Gummibaum. Vom Filmplakat an der Wand droht Kirk Douglas, die Waffe im Anschlag: Pigtråd på Texas Ranch. John Fomsgaard, der von der Band mitgebrachte Toningenieur, findet das Studio gemütlich. Er streift sich die Kopfhörer über, die Musiker verteilen sich auf zwei akustisch isolierte Räume. Durch eine Scheibe halten sie Blickkontakt. Die Bläser stehen nebeneinander, zwischen ihnen ein Schalldämpfer. Es geht darum, jedes Instrument für sich aufzuzeichnen, damit im Nachhinein noch ein Abmischen möglich ist. Andererseits soll das von der Improvisation lebende Zusammenspiel so gut wie möglich erhalten bleiben. Eine Balance, die Kompromisse erfordert.

Die beiden Saxofonisten lassen die Luft rauschen, die sie in ihre Instrumente blasen. Sie lassen ihren Atem fauchen, die Speicheltröpfchen unter den Blättchen sprudeln. Klingt das nicht wie Free Jazz? Aber es wirkt ganz anders.

Die beiden Bläser agieren als biologische Synthesizer, und genau genommen gilt das für alle fünf: Was zu hören ist, kommt allein durch Finger und Füße, Lunge und Lippen. Der Verzicht auf digitale Klangerzeugung erhöht die Präsenz, der Verzicht auf Gesang hält den Raum für Bedeutung offen.

Wenn ich allerdings gehofft hatte, durch den Besuch im Studio hinter das Geheimnis dieser Musik zu kommen, so war das ziemlich einfältig. Sobald die fünf spielen, ist der Zauber da. Brechen sie ab, um zu diskutieren, wie es weitergeht, verstehe ich kein Wort. Weil sie Dänisch sprechen.

Fables heißt die vierte Platte übrigens, "Fabeln". Sie kommt diese Woche heraus und ist fabelhaft.

Girls In Airports: Fables (CD/LP, Edition Records)