"Kesb Bern. Brauchle. Guete Tag." Wenn Christine Brauchle einen Anruf nach dem andern entgegennimmt, dann tut sie dies, als ob sie von einem unsichtbaren Metronom getaktet wäre. Gleichförmig. Ruhig. Erwartungsvoll. Freundlich. Und mit einer Prise Innerschweiz im Dialekt. Die Leiterin des Sekretariats hat viel zu tun. Wie immer am Montag, wenn die Pendenzen des Wochenendes aufgearbeitet werden müssen. Denn anders als in vielen Kantonen ist die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) in Bern rund um die Uhr erreichbar. Über Nacht und an den Wochenenden werden die Telefone an den Pikettdienst geleitet, am Montag kommen die Fälle zurück. Heute der Fall eines Jungen, für den am Samstag notfallmäßig ein Übernachtungsplatz organisiert werden musste, nachdem ein Streit mit der Mutter so eskaliert war, dass die Polizei mit einer Spezialeinheit ausrücken musste. Eine verwirrte 90-Jährige wurde fürsorgerisch – also unfreiwillig – ärztlich in die Psychiatrie eingewiesen. Und viermal musste die Polizei wegen häuslicher Gewalt ausrücken. Nun legt Brauchle die Polizeirapporte in die Postfächer. Wo Kinder involviert waren, geht dieser an die Abteilung Kindesschutz, andernfalls zum Erwachsenenschutz.

So rasch gelangt man in die Fänge der Kesb, mögen sich jene denken, die die Behörde am liebsten abgeschafft sähen. So stark ist das soziale Netz in diesem Land, mögen sich andere denken, die froh sind, dass die Schweiz vor fast drei Jahren die Laienbehörde zugunsten einer professionellen Organisation abgeschafft hat. Und dass die Zeiten vorbei sind, da Vormundschaftsbehörden manchmal tatenlos zusahen, wie ein Vater seine Familie malträtierte, wenn er einen guten Draht zum Gemeindepräsidenten hatte.

Was also tut eine Kesb, wenn sie tut, was ihr Auftrag ist – und die Paragrafen des Schweizer Zivilgesetzbuches (ZGB) anwendet, für die sie seit dem 1. Januar 2013 zuständig ist? Zum Beispiel Artikel 307: "Ist das Wohl des Kindes gefährdet und sorgen die Eltern nicht von sich aus für Abhilfe oder sind sie dazu außerstande, so trifft die Kindesschutzbehörde die geeigneten Maßnahmen zum Schutz des Kindes." Und vor allem: Was sind das für Menschen, die sich die Arbeit bei dieser Behörde antun, die verhasst ist wie keine andere?

Kaum eine Woche vergeht, da nicht ein dramatischer Fall für Schlagzeilen sorgt. "Kind unpünktlich: Schon drohen Behörden mit Obhutsentzug." – "Psychokrieg mit der Kesb-Beiständin" – "Bruder entführt: Ich habe ihn vor der Kesb gerettet". Und der dramatischste, der Fall von Flaach: Eine Mutter tötete am Neujahrsmorgen ihre beiden Kinder, damit sie diese nach den Weihnachtsferien nicht zurück ins Heim bringen musste. "Das Blut der Kinder klebt an den Händen der Kesb", titelte darauf eine Zeitung, und die SVP fragte in einer Medienkonferenz: "Wer stoppt die Stasi-Behörde?" Schuld ist am Ende immer die Kesb. Weil sie zu früh, zu spät, falsch oder überhaupt eingegriffen hat. Und weil sie ans Amtsgeheimnis gebunden ist und ihre Sicht der Dinge nie erläutern kann.

Vielleicht ist es Zufall, dass die Kesb Bern bis heute von keinem solchen Skandal geschüttelt wurde. Sicher ist: Das Team um seinen Präsidenten Patrick Fassbind kennt keine Scheu vor Medien. Für die ZEIT öffnet man die Türen eine ganze Woche lang. So weit wie irgend möglich.

9.30 Uhr. Die schwierigste und zugleich wichtigste Frage stellt sich den Sozialarbeitern, Psychologen und Juristen, die in einem interdisziplinären Team zusammenarbeiten, ganz am Anfang: "Sollen wir etwas tun?"

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 38 vom 17.09.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Etwas tun, das heißt: Näher hinschauen. Nachfragen. Abklären. Fachleute beiziehen. Gutachten in Auftrag geben. Und dann: entscheiden. Was harmlos klingt, ist jedes Mal ein delikater Eingriff in intime Angelegenheiten, geschieht häufig gegen den Willen von Menschen und ist eine Einmischung des Staates ins Private. Oder, wie eine Frau zwei Tage später sagen wird: "Es ist niederträchtig, wie Sie sich in mein Leben einmischen!"

Der erste Entscheid von Markus Engel fällt um 11 Uhr. Nach einem Austausch mit dem Chef sagt er: "Wir tun nichts." Es geht um den Fall des Jugendlichen, der am Wochenende, nachdem Polizisten in die Wohnung eindringen mussten, einen Platz zum Schlafen brauchte. Der Fall beschäftigt den Sozialarbeiter seit mehr als einem Jahr. Nun kommt Engel direkt von einem Notfallgespräch in der Stadt. Zusammen mit der Sozialarbeiterin, der Mutter und dem Jugendlichen, doch dieser erschien nicht. Wieder einmal stellte sich, nach der x-ten Eskalation, die Frage: Soll der Mutter, die an schwersten Alkoholproblemen leidet und diese nicht zu lösen bereit ist, die Obhut entzogen – also der Sohn in einer Institution platziert werden? Obwohl das Risiko besteht, dass dieser ausreißt? So wie er es schon mehrmals getan hat, nachdem er freiwillig in ein Heim eingetreten war? Oder soll man dem 16-Jährigen zumuten, daheim zu leben, in desolaten Verhältnissen? Immerhin hat er eine Schreinerlehre angefangen. Wobei – auch diese steht auf der Kippe.