Quer durch Deutschland verfallen Schulen, werden gerade so weit instand gesetzt, dass sie noch den Brandschutzbestimmungen entsprechen. Mehr nicht. Quer durch Deutschland haben sich Eltern und Schüler daran gewöhnt, dass Kommunen nur eingreifen, wenn Eltern lautstark protestieren, die Lokalpresse berichtet oder die Schließung einer Schule droht.

Würde man die Deutschen ganz allgemein fragen, wie es um ihr Land bestellt ist, würde eine große Mehrheit sagen: ganz gut. Es gibt natürlich Probleme. Aber im Grunde funktioniert alles. Mit Blick auf die Schulen muss man aber sagen: stimmt nicht. Dort, wo die Grundlage für den Wohlstand von morgen gelegt wird, gleicht Deutschland einer Bildungsbaracke. Es herrscht ein Investitionsstau, der so groß ist wie beim Straßenbau. Aber Schlaglöcher bekommen eben mehr Aufmerksamkeit.

Deshalb haben wir die Leser von ZEIT und ZEIT ONLINE gefragt: Wie sieht es in den Schulen Ihrer Kinder aus? Rund 3.000 Eltern haben geantwortet, und fast die Hälfte von ihnen gibt an: Die Ausstattung der Schule ihrer Kinder sei "eher schlecht" oder wirklich "schlecht". Und fast 90 Prozent der Eltern geben an, sie seien schon einmal aufgefordert worden zu streichen, zu renovieren oder mit Sachspenden auszuhelfen, weil die Schule allein die Instandhaltung der Gebäude nicht mehr bewältigt bekommt.

Ein Rundgang durch das Campe-Gymnasium in Holzminden ist wie der Besuch einer Ruine. Alle paar Meter bleibt Schulleiter Georg Muschik stehen: Mal lässt sich die Holzverkleidung einer Wand lösen, dahinter sammeln sich Moder und Milben. Mal ist das Fenster einer Hoftür eingeschlagen und notdürftig mit Pressspan ausgebessert worden. Mal wachsen aus der Decke des Gebäudes aus den Siebzigern kleine weiße Stalaktiten. Welcher Stoff aus dem Betongemisch sich da löst? Weiß keiner. Als im Frühjahr ein Wasserrohr in einem Nebengebäude brach, weichten zwei Decken vollständig durch. Aber statt einer Baufirma rief Muschik den Schlüsseldienst. Bis heute sind die Klassenzimmer gesperrt.

Säßen in der Schule keine Teenager, lungerten im Treppenhaus nicht Oberstufenschülerinnen herum, man könnte das Campe-Gymnasium für ein verlassenes Gebäude halten. Und auf eine Art ist es das ja auch: Es ist ein Haus, das schon vor Jahren sich selbst überlassen wurde. Wie kann das sein?

Der Landkreis Holzminden, der für die Schule verantwortlich ist, liegt sehr idyllisch im Süden Niedersachsens, eines der wohlhabenderen Bundesländer. Die Hügel sind waldig, die Städte gepflegt und hübsch. Es gibt hier mittelständische Unternehmen mit globalen Märkten und sogar eine Fachhochschule, an der man Wirtschaftsingenieurwesen und Soziale Arbeit studieren kann. Holzminden ist nicht Berlin-Wedding und auch nicht Duisburg-Marxloh, kein latentes Krisengebiet, das gerade noch so den Zentrifugalkräften der Gesellschaft widersteht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Es ist der Normalfall.

Fragt man die Schulleiter und Eltern, aber auch die zuständigen Bürgermeister und Landräte überall im Land, warum ihre Schulen so marode sind, ist die Antwort im Grunde immer die gleiche: Es sei doch was gemacht worden, nur eben zu wenig.

In Holzminden zum Beispiel war ein Neubau geplant, das Modell steht noch in Georg Muschiks Büro: Ein großer, sehr eckiger Bau quer durch den Hinterhof des Schulareals. Doch der Bau sollte fast 40 Millionen Euro kosten. Geld, das der Landkreis gerne aufgebracht hätte – aber nicht hatte.

Viele Kommunen haben schlicht nicht genug Geld, um ihre Aufgaben ordentlich zu erledigen. Also pfuschen sie, machen nur das Dringlichste und hoffen, dass das reicht. Tut es aber nicht.

So sehen Eltern die Schule von heute

Rund 3.000 Leser von ZEIT und ZEIT ONLINE haben unseren Fragebogen ausgefüllt. Diese Umfrage ist nicht repräsentativ, sie zeigt aber, wie groß das Problem ist.

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Mit Schulsanierungen gewinnt man keine Wählerstimmen

Zum Beispiel in der Grundschule in der Fröttmanninger Straße im Münchner Norden. Von außen wirkt die alte Schule in Schwabing wie eine Burg, groß und massig, fünf Stockwerke hoch mit kleinen Türmchen auf dem Dach. Doch der solide Eindruck täuscht. Tatsächlich stützt ein Gerüst aus baumstammdicken Balken die Wände und Decken der 90 Jahre alten Schule. Als das Gerüst im Sommer 2009 kurzfristig eingezogen wurde, waren die Balken als "Sofortmaßnahme" gedacht. Aber wie so oft ist aus der Behelfslösung eine Dauerimprovisation geworden. Und so gingen 360 Schüler jahrelang in eine Schule, die nur noch von einem Gerüst zusammengehalten wurde.

Schüler des Campe-Gymnasiums lernen in einer Sofaecke.

München ist eine wohlhabende Stadt in einem wohlhabenden Bundesland. Wie kann es sein, dass selbst in Bayern Schulen verfallen? Wie ist es möglich, dass Unterricht in Räumen stattfindet, die nur noch durch ein Gerüst vor der Schließung bewahrt werden? Wie kommt es, dass mittlerweile ganze Schülergenerationen in Schulen lernen, die man aufrichtigerweise als Baracken bezeichnen muss?

Die Antwort ist überraschend einfach: Es liegt an der mangelnden Aufmerksamkeit.

Wenn in Deutschland über Bildung diskutiert wird, geht es um Schulformen: um Ganztagsschulen, um integrierte Gesamtschulen, Inklusion und all die Ansprüche, die an Schulen heute gestellt werden. Es geht um die Kinder, die Jugend, die Zukunft unseres Landes. Worum es in den Sonntagsreden der Bildungspolitiker aber nicht geht: um Wärmedämmung und Brandschutz, um Schulklos und abgenutzte Treppenhäuser, um fehlende Lehrerzimmer und marode Fenster. Mit solchen Themen lassen sich keine Landtagswahlen gewinnen. Es interessiert die Wähler nicht genug.

Deshalb werden Kommunen allein gelassen, auch vom Bund, der – rechtlich korrekt – darauf verweist, dass er nicht zuständig sei. Aber es kümmern sich auch die Landesregierungen nicht, die zwar immer mehr Ansprüche an die Schulen stellen, aber nicht bereit sind, sich umfassend an den Kosten zu beteiligen.

Das Treppenhaus des Campe-Gymnasiums

Formaljuristisch hat das natürlich alles seine Ordnung: Die Städte und Gemeinden sind tatsächlich allein verantwortlich für die Finanzierung der Schulgebäude und des laufenden Betriebs – Heizung und Wasser, Möbel, Papier und Instandsetzungen aller Art. Aber als das Deutsche Institut für Urbanistik (DIfU) vergangenes Jahr im Auftrag der KfW Bank die Kämmerer der Städte und Gemeinden in Deutschland fragte, ob sie ausreichend Geld hätten, ihre Schulen instand zu halten, war die Antwort ein schallendes Nein.

Stattdessen zeigte die Studie, wie massiv das Finanzloch in den Kommunen mittlerweile ist. Auf 32 Milliarden Euro schätzt das DIfU den Investitionsstau an den Schulen. Nur im Straßenbau liegt er mit 35 Milliarden Euro noch etwas höher.

Zählt man die eigentlich anstehenden Ausgaben über alle Bereiche hinweg, die Städte und Kommunen verantworten, kommt man auf einen Betrag von über 132 Milliarden Euro. Die Zahl ist erst mal abstrakt – konkret bedeutet sie, dass in Deutschland überall Flickschusterei betrieben wird. Denn während das Geld fehlt, müssen Städte und Gemeinden ihre Aufgaben ja weiterhin wahrnehmen, irgendwie. Im Zweifelsfall eben auch mithilfe von Baugerüsten in Schulgebäuden und Klassenräumen.

Das größte Schulbauprojekt Deutschlands

Der Studie des Deutschen Instituts für Urbanistik zufolge steckt fast jeder dritte Gemeindehaushalt in den roten Zahlen, und für arme Stadtverwaltungen gibt es oft keinen Ausweg. Sie stecken in einem "selbstverstärkenden Teufelskreis von schlechter Wirtschaftslage, schwieriger Sozialstruktur, hohen Ausgaben vor allem im Sozialbereich und niedrigen Einnahmen sowie abnehmender Standortattraktivität und besonders verfallender Infrastruktur", schreibt der Deutsche Städtetag in seinem aktuellen Gemeindefinanzbericht.

Ein durch einen Wasserschaden beschädigter Raum im Campe-Gymnasium im niedersächsischen Holzminden. Die Punkte an der Wand sind Probebohrungen, um zu prüfen, wie hoch die Feuchtigkeit gestiegen ist.

In ländlichen Regionen, wie etwa in Holzminden, spielt auch der demografische Wandel eine Rolle. Von den ohnehin knappen Geldern sollen nicht nur die beliebten Schulen in den Ballungsräumen erhalten werden – sondern auch möglichst viele auf dem Land. In Ortschaften rund um Holzminden sind eine ganze Reihe von Schulen wegen des demografischen Wandels von der Schließung bedroht. Weil das aber oft ein Todesurteil für den jeweiligen Ort ist, weil junge Eltern nur dorthin ziehen, wo es eine Schule gibt, hat der Landkreis entschieden, in der Fläche mehrere von der Landespolitik finanziell geförderte integrierte Gesamtschulen zu eröffnen. Einerseits ist das politisch klug, andererseits aber auch problematisch. Denn es führt zu der absurden Situation, dass mit dem in der Stadt gelegenen Campe-Gymnasium die populärste Schule gleichzeitig auch die Schule ist, in die am wenigsten Geld gesteckt wurde.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Ansprüche an die Schulen in den vergangenen 15 Jahren drastisch gestiegen sind – die Budgets aber kaum. Seit der Pisa-Studie 2001 hat sich die deutsche Bildungslandschaft verändert wie niemals zuvor: Ganztagsschulen, Hortplätze, Mittagessen und Inklusion sind mittlerweile politisch und gesellschaftlich gewollt, aber finanziell nur bedingt eingeplant.

Der "Investitionsrückstand hat gerade bei den Schulen auch mit wachsenden Anforderungen zu tun", heißt es dazu in der Studie des DIfU. Womöglich würden auch "die Defizite stärker wahrgenommen – etwa durch den wachsenden gesellschaftlichen Stellenwert der schulischen Bildung".

Wegen eines Wasserschadens wurden im Campe-Gymnasium zwei Fußböden entfernt. Das Foto zeigt den Blick von unten durch die freigelegten Bodenbalken nach oben.

In München hat man mittlerweile erkannt, dass zu viel Klein-Klein die Probleme nur in die Zukunft verlagert: Alle Münchner Schulen sollen in den kommenden 15 Jahren saniert werden. Es ist das wohl größte Schulbauprojekt Deutschlands. 4,5 Milliarden Euro soll es kosten. Allerdings kommt München auch nicht darum herum zu investieren: Die Stadt wächst, und manche Schulgebäude platzen jetzt schon aus allen Nähten. In den kommenden Jahren will die Stadt daher auch 50 neue Schulen bauen, vor allem Grundschulen. Rund 60 Schulen sollen außerdem erweitert werden. Obwohl das Programm sehr lange läuft, soll der Löwenanteil der Arbeit so schnell wie möglich erledigt werden – die Sache ist dringend.

Was aber ist mit den Städten und Gemeinden, die vor ähnlichen gesellschaftlichen Herausforderungen wie München stehen – und nicht über dessen finanzielle Mittel verfügen?

In den Kommunen, in den Ländern und in Berlin hört es niemand gerne, aber die Wahrheit ist, dass es ohne den Bund nicht gehen wird. Auch wenn die Bundesregierung formal nicht zuständig ist, wird ohne ein Finanzierungspaket aus Berlin die Aufgabe, Deutschlands Schulen zukunftstauglich – oder wenigstens sicher – zu machen, nicht zu stemmen sein.

Dass der Bund den Kommunen unter die Arme greifen kann, wenn er will, hat er in der Vergangenheit gezeigt – das Projekt zur energetischen Sanierung von Universitäten, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden im Rahmen des Konjunkturpakets II war so ein Fall, in dem innerhalb kürzester Zeit große Summen in den Kommunen ankamen. Relativ unbürokratisch und pragmatisch. Warum sollte so etwas nicht wieder möglich sein?

Auf dem Pausenhof der Grundschule in der Fröttmanninger Straße sind inzwischen Container aufgestellt worden. Hier wird unterrichtet werden, während der Jahrhundertwendebau grundsaniert wird. Zwei Jahre soll es dauern. "Das wird wunderschön", sagt Thomas Paulsen, der Vater eines Mädchens, das wohl den Rest seiner Grundschulzeit im Container verbringen wird. "Es wäre halt schöner gewesen, sie hätten früher angefangen."

Korrektur: In der Ursprungsversion des Textes war der Vorname von Schulleiter Muschik leider falsch; der richtige Vorname ist Georg. Wir bedauern den Fehler und haben korrigiert (red).  

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"Die Toiletten würde kein normaler Mensch betreten, dagegen sind die öffentlichen Klos am Hauptbahnhof ein Wellnessparadies."

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