Als "El Talibán" noch ein freier Mann war, hatte er zwei Jobs: Tagsüber arbeitete er als Mechaniker in einer Autowerkstatt, wechselte Reifen, reparierte Motoren. Abends, nach der Schicht, zog er eine Sturmmaske über das Gesicht und verdiente sein Geld als Gangster. In einem mexikanischen Dorf verkaufte er Marihuana und Kokain, erpresste Kioskbesitzer und folterte Taxifahrer. Er war Mitglied eines Drogenkartells. Vier Menschen, sagen die Dorfbewohner, habe er erschossen, wie ein Terrorist, deshalb gaben sie ihm diesen Namen: El Talibán.

Seit einem halben Jahr ist der Terrorist ein Gefangener. In einem zweistöckigen Haus aus nacktem Beton ist er in einem kleinen Zimmer eingesperrt, ein kräftiger Mann mit dem Gesicht eines Jungen, 26 Jahre alt. Seine Arme sind tätowiert mit Totenköpfen und drei Buchstaben, die sein Schattenleben verraten: "SUR", Süden, so heißt das Kartell, dem er angehört. Vor der Zelle von El Talibán sitzen Tag und Nacht zwei bewaffnete Wächter auf Plastikstühlen.

Das Haus war früher das Gemeindeamt, jetzt ist es eine private Polizeistation. In dem Dorf Petaquillas im Südwesten Mexikos trauen die Menschen der korrupten, staatlichen Polizei nicht mehr. Sie haben eine Bürgerwehr gegründet, die selbst für Recht und Ordnung sorgt. Sie haben El Talibán gefangen genommen.

Es war im März dieses Jahres, vier Uhr am Morgen, El Talibán schlief neben seiner Frau, als die Bürgerwehr sein Haus stürmte. Er flüchtete über das Dach, ein paar Straßenblocks weiter konnten die Bürgerpolizisten El Talibán überwältigen.

In seinem noch warmen Bett fanden sie zwei Gewehre. Eine sowjetische Kalaschnikow und ein deutsches Sturmgewehr der Firma Heckler & Koch, Typ G36.

Einer der Wächter hält das Gewehr in den Händen, als wollte er damit schießen. "Mit dieser Waffe wurde unser Dorf terrorisiert", sagt er.

Woher hatte El Talibán das G36?

Sein Chef im Drogenkartell habe es ihm gegeben, sagt El Talibán. "Es war mein Lieblingsgewehr, so schön leicht und handlich."

Wie konnte ein deutsches Gewehr in die Hände eines mexikanischen Drogenkartells gelangen? Warum kamen die Waffen überhaupt nach Mexiko?

Auf diese Fragen weiß El Talibán keine Antwort.

Vor knapp zwei Jahren hat die ZEIT bereits ausführlich in einem Dossier über illegale Exporte des G36 nach Mexiko berichtet (ZEIT Nr. 51/13). Es schien damals vor allem einen zu geben, der dafür verantwortlich war, dass in Mexiko mit deutschen Gewehren geschossen und gemordet wird: das Unternehmen Heckler & Koch, den Hersteller der Waffe.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Nun aber legen Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR), des Südwestrundfunks (SWR) und der ZEIT einen zweiten, bislang unerzählten Teil der Geschichte offen: die Beteiligung deutscher Behörden.

Am Gewehr des Killers El Talibán in Mexiko ist eine Zahlenkombination eingefräst, an der Seite, oberhalb des Abzugs, gleich neben dem Sicherungshebel. Sie lautet 85-012252. Jede in Deutschland produzierte Kriegswaffe ist mit einer solchen Seriennummer ausgestattet. Den Redaktionen von BR, SWR und ZEIT liegen Lieferscheine und Empfangsbestätigungen, Exportanträge und Ausfuhrgenehmigungen vor, die es ermöglichen, die Frachtroute dieses einen Gewehrs zurückzuverfolgen, von dem Dorf Petaquillas in Mexiko bis nach Deutschland, in eine Kleinstadt in Baden-Württemberg, zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb.

Folgt man dem Weg der Waffe, taucht neben Heckler & Koch ein weiterer bedeutender Akteur dieses Rüstungsgeschäfts auf. Dieser Akteur hätte den Verkauf der Gewehre verhindern können, er hat das versäumt. Er hat sich, wissentlich oder unwissentlich, zum Helfer gemacht. Es handelt sich um die deutsche Bundesregierung. Vieles deutet darauf hin, dass ihr eher am Wohl eines deutschen Mittelständlers gelegen war als an der Frage, was deutsche Gewehre in fremden Ländern anrichten.

Oberndorf am Neckar ist kaum größer als ein Dorf. Auf einer Anhöhe am Ende einer Serpentinenstraße, weit über der Kirche, dem Rathaus und den Häusern, in denen rund 14.000 Menschen leben, steht eine Fabrik, an der zwei große rote Buchstaben prangen, ein H und ein K. Heckler & Koch.

750 Menschen arbeiten für Heckler & Koch. Seit Mitte der neunziger Jahre bauen sie das G36, ein Gewehr, das so leicht ist wie kaum eine andere vergleichbare Waffe und das dennoch bis zu 13 Projektile pro Sekunde abfeuern kann.

Am 25. Juni 2009, um neun Uhr morgens, hält ein Lastwagen der Transportfirma Cargo Liner auf dem Firmengelände von Heckler & Koch in Oberndorf. Der Fahrer lädt 15 Pappkartons ein, so steht es im Frachtbrief. Der Inhalt der Kartons: 500 Sturmgewehre vom Typ G36. Gesamtgewicht: 2594 Kilogramm. Gesamtwarenwert: 568.635,05 Euro. In eines der Gewehre ist die Nummer 85-012252 eingraviert. Es ist die Waffe, die später dem Killer El Talibán gehören wird und die heute in der improvisierten Polizeiwache von Petaquillas liegt. Der Lastwagen mit den Gewehren fährt zum Frankfurter Flughafen, 260 Kilometer von Oberndorf entfernt.