Als "El Talibán" noch ein freier Mann war, hatte er zwei Jobs: Tagsüber arbeitete er als Mechaniker in einer Autowerkstatt, wechselte Reifen, reparierte Motoren. Abends, nach der Schicht, zog er eine Sturmmaske über das Gesicht und verdiente sein Geld als Gangster. In einem mexikanischen Dorf verkaufte er Marihuana und Kokain, erpresste Kioskbesitzer und folterte Taxifahrer. Er war Mitglied eines Drogenkartells. Vier Menschen, sagen die Dorfbewohner, habe er erschossen, wie ein Terrorist, deshalb gaben sie ihm diesen Namen: El Talibán.

Seit einem halben Jahr ist der Terrorist ein Gefangener. In einem zweistöckigen Haus aus nacktem Beton ist er in einem kleinen Zimmer eingesperrt, ein kräftiger Mann mit dem Gesicht eines Jungen, 26 Jahre alt. Seine Arme sind tätowiert mit Totenköpfen und drei Buchstaben, die sein Schattenleben verraten: "SUR", Süden, so heißt das Kartell, dem er angehört. Vor der Zelle von El Talibán sitzen Tag und Nacht zwei bewaffnete Wächter auf Plastikstühlen.

Das Haus war früher das Gemeindeamt, jetzt ist es eine private Polizeistation. In dem Dorf Petaquillas im Südwesten Mexikos trauen die Menschen der korrupten, staatlichen Polizei nicht mehr. Sie haben eine Bürgerwehr gegründet, die selbst für Recht und Ordnung sorgt. Sie haben El Talibán gefangen genommen.

Es war im März dieses Jahres, vier Uhr am Morgen, El Talibán schlief neben seiner Frau, als die Bürgerwehr sein Haus stürmte. Er flüchtete über das Dach, ein paar Straßenblocks weiter konnten die Bürgerpolizisten El Talibán überwältigen.

In seinem noch warmen Bett fanden sie zwei Gewehre. Eine sowjetische Kalaschnikow und ein deutsches Sturmgewehr der Firma Heckler & Koch, Typ G36.

Einer der Wächter hält das Gewehr in den Händen, als wollte er damit schießen. "Mit dieser Waffe wurde unser Dorf terrorisiert", sagt er.

Woher hatte El Talibán das G36?

Sein Chef im Drogenkartell habe es ihm gegeben, sagt El Talibán. "Es war mein Lieblingsgewehr, so schön leicht und handlich."

Wie konnte ein deutsches Gewehr in die Hände eines mexikanischen Drogenkartells gelangen? Warum kamen die Waffen überhaupt nach Mexiko?

Auf diese Fragen weiß El Talibán keine Antwort.

Vor knapp zwei Jahren hat die ZEIT bereits ausführlich in einem Dossier über illegale Exporte des G36 nach Mexiko berichtet (ZEIT Nr. 51/13). Es schien damals vor allem einen zu geben, der dafür verantwortlich war, dass in Mexiko mit deutschen Gewehren geschossen und gemordet wird: das Unternehmen Heckler & Koch, den Hersteller der Waffe.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 16.09.2015.

Nun aber legen Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR), des Südwestrundfunks (SWR) und der ZEIT einen zweiten, bislang unerzählten Teil der Geschichte offen: die Beteiligung deutscher Behörden.

Am Gewehr des Killers El Talibán in Mexiko ist eine Zahlenkombination eingefräst, an der Seite, oberhalb des Abzugs, gleich neben dem Sicherungshebel. Sie lautet 85-012252. Jede in Deutschland produzierte Kriegswaffe ist mit einer solchen Seriennummer ausgestattet. Den Redaktionen von BR, SWR und ZEIT liegen Lieferscheine und Empfangsbestätigungen, Exportanträge und Ausfuhrgenehmigungen vor, die es ermöglichen, die Frachtroute dieses einen Gewehrs zurückzuverfolgen, von dem Dorf Petaquillas in Mexiko bis nach Deutschland, in eine Kleinstadt in Baden-Württemberg, zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb.

Folgt man dem Weg der Waffe, taucht neben Heckler & Koch ein weiterer bedeutender Akteur dieses Rüstungsgeschäfts auf. Dieser Akteur hätte den Verkauf der Gewehre verhindern können, er hat das versäumt. Er hat sich, wissentlich oder unwissentlich, zum Helfer gemacht. Es handelt sich um die deutsche Bundesregierung. Vieles deutet darauf hin, dass ihr eher am Wohl eines deutschen Mittelständlers gelegen war als an der Frage, was deutsche Gewehre in fremden Ländern anrichten.

Oberndorf am Neckar ist kaum größer als ein Dorf. Auf einer Anhöhe am Ende einer Serpentinenstraße, weit über der Kirche, dem Rathaus und den Häusern, in denen rund 14.000 Menschen leben, steht eine Fabrik, an der zwei große rote Buchstaben prangen, ein H und ein K. Heckler & Koch.

750 Menschen arbeiten für Heckler & Koch. Seit Mitte der neunziger Jahre bauen sie das G36, ein Gewehr, das so leicht ist wie kaum eine andere vergleichbare Waffe und das dennoch bis zu 13 Projektile pro Sekunde abfeuern kann.

Am 25. Juni 2009, um neun Uhr morgens, hält ein Lastwagen der Transportfirma Cargo Liner auf dem Firmengelände von Heckler & Koch in Oberndorf. Der Fahrer lädt 15 Pappkartons ein, so steht es im Frachtbrief. Der Inhalt der Kartons: 500 Sturmgewehre vom Typ G36. Gesamtgewicht: 2594 Kilogramm. Gesamtwarenwert: 568.635,05 Euro. In eines der Gewehre ist die Nummer 85-012252 eingraviert. Es ist die Waffe, die später dem Killer El Talibán gehören wird und die heute in der improvisierten Polizeiwache von Petaquillas liegt. Der Lastwagen mit den Gewehren fährt zum Frankfurter Flughafen, 260 Kilometer von Oberndorf entfernt.

Korrupte Polizisten und die Drogenmafia arbeiten vielerorts zusammen

Heute, im Jahr 2015, ist das G36 in Verruf geraten. Bundeswehrsoldaten in Afghanistan berichteten von mangelnder Treffgenauigkeit bei großer Hitze und Dauerfeuer, das Verteidigungsministerium hat beschlossen, die Bundeswehr mit neuen Gewehren auszustatten. In den vergangenen Jahren aber galt das G36 als eines der besten Sturmgewehre der Welt. Heckler & Koch verkaufte es nicht nur an die Bundeswehr, sondern auch an Armee- und Polizeieinheiten der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Norwegens, Spaniens, Australiens, Portugals und Frankreichs. Das G36 war so etwas wie ein 5er BMW, ein weltweit angesehenes Qualitätsprodukt.

Der Unterschied ist: Wenn BMW seine Autos in fremde Länder verkaufen will, muss das Unternehmen niemanden in Deutschland um Erlaubnis fragen. Bei Gewehren ist das anders.

Nach dem Zweiten Weltkrieg durfte Deutschland keine Waffen mehr produzieren, so bestimmten es die vier Siegermächte. Doch als Mitte der fünfziger Jahre die Bundeswehr gegründet wurde, brauchte die neue Armee auch neue Gewehre und neue Panzer. Alte und neue deutsche Rüstungsunternehmen begannen mit der Produktion – und bald auch wieder mit dem Export. Was blieb, war Artikel 26, Absatz 2 des Grundgesetzes, welcher der Bundesregierung das alleinige Recht zuschreibt, über deutsche Rüstungsausfuhren zu entscheiden. Die Geschichte des Gewehrs mit der Nummer 85-012252 ist daher eine Geschichte, die zu einem großen Teil in Berlin spielt.

Ihr Anfangspunkt aber liegt im Mexiko des Jahres 2002. Der spätere Killer El Talibán war noch ein Schuljunge. Damals begann Heckler & Koch in Mexiko für seine Produkte zu werben, für Pistolen, Granatwerfer, Maschinenpistolen, Sturmgewehre. So berichtet es ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens. Die mexikanische Polizei rüstete in jenen Jahren auf. Hochrangige Beamte sahen sich auf dem internationalen Markt nach neuen Gewehren um. Heckler & Koch lieferte Musterexemplare ins Land.

Die Mexikaner zeigten sich beeindruckt vom G36. Aber um es nach Mexiko exportieren zu dürfen, brauchte Heckler & Koch die Genehmigung der Bundesregierung.

Theoretisch wäre es auch möglich, dass Heckler & Koch das Gewehr 85-012252 an der Bundesregierung vorbei nach Mexiko geliefert hat. In den vergangenen Jahren tauchten deutsche Waffen immer wieder in Ländern auf, für die es keine Exporterlaubnis gab. Heckler & Koch schlägt jedoch den Weg des Gesetzes ein. Man erkennt das an einem Schreiben, das laut Eingangsstempel am 20. Juni 2005 im Bundeswirtschaftsministerium eintrifft und das BR, SWR und ZEIT vorliegt. Der Absender: Heckler & Koch. Der Text: "Sehr geehrte Damen und Herren, die Firma Heckler & Koch GmbH, Heckler & Koch-Straße 1, Oberndorf/N, bittet um Erteilung einer Genehmigung, 2020 vollautomatische Gewehre G36 ... von deutschen Flughäfen nach Mexiko ... zur Weiterleitung an diverse Polizeieinheiten in Mexiko befördern zu lassen."

Wird die Bundesregierung diesem Antrag stattgeben?

Es sind unterschiedliche Ziele denkbar, an denen sich ein Staat bei der Genehmigung von Rüstungsexporten orientieren kann. Die Unterstützung verbündeter Länder ist eines davon, die Umsatzsteigerung der Waffenhersteller ein anderes. Die damalige rot-grüne Bundesregierung hat im Jahr 2000 bis heute gültige "politische Grundsätze" für den Export von Kriegswaffen erlassen. Demnach ist die Ausfuhrgenehmigung grundsätzlich zu verweigern, wenn der Verdacht besteht, dass die Waffen in Krisengebieten landen oder "zu fortdauernden und systematischen Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden".

Im Frühsommer 2005, als der Antrag von Heckler & Koch im Bundeswirtschaftsministerium eingeht und in Berlin noch immer Rot-Grün regiert, ist Mexiko ein Land im Drogenkrieg. Die Kartelle konkurrieren miteinander um die Vorherrschaft über den Drogenschmuggel in die USA. Sie foltern und morden, sie kämpfen gegen die Polizei und gegeneinander. Und sie verfügen über modernste Waffen, Granatwerfer, Maschinenpistolen, Sturmgewehre. Wenn die Polizei diesen Krieg gewinnen will, braucht auch sie neue Gewehre, das ist offensichtlich, einerseits. Andererseits ist eines der größten und brutalsten mexikanischen Kartelle von ehemaligen Elitesoldaten gegründet worden. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass korrupte Polizisten und die Drogenmafia vielerorts zusammenarbeiten. Dass die Kartelle ihre Waffen von Polizisten bekommen. Dass die Polizisten mit ihren Gewehren nicht nur auf Drogenkiller schießen, sondern auch auf Menschenrechtsaktivisten und Demonstranten.

Soll die Polizei dieses Landes wirklich deutsche Gewehre bekommen? Das ist die Frage, vor der die Bundesregierung im Frühsommer 2005 steht.

"Kein besonderes außenpolitisches Interesse, Gefahr von Menschenrechtsverletzungen"

Zehn Jahre später, im Spätsommer 2015, empfängt ein hochrangiger Ministerialbeamter des Bundeswirtschaftsministeriums zum Gespräch. Über den Tisch dieses Beamten gingen damals auch die Mexiko-Anträge von Heckler & Koch. Er ist seit Jahren mit der Genehmigung von Rüstungsexporten betraut. Seine Meinung dazu ist interessant, man darf ihn aber in der Zeitung nicht zitieren, denn es handelt sich um ein sogenanntes Hintergrundgespräch. Der Beamte – das zu schreiben ist unverfänglich – spricht auch darüber, wie das Genehmigungsverfahren grundsätzlich abläuft. Er sagt, das Wirtschaftsministerium treffe die Entscheidung nicht alleine, es stimme sich mit anderen Bundesministerien ab, insbesondere dem Auswärtigen Amt.

An der Wand im Dienstzimmer des Beamten hängt eine große Weltkarte, daneben, fast genauso groß, hängen die Organigramme des Wirtschaftsministeriums und des Auswärtigen Amtes, wie Landkarten der politischen Zuständigkeit. Man sieht kleine und große, über- und nebeneinander angeordnete, mit Buchstaben und Zahlen gekennzeichnete Kästen. Die Kästen stehen für die Planungs- und Arbeitsstäbe, Ober- und Unterabteilungen, Protokollbereiche und Referate der Ministerien.

Nachdem Heckler & Koch im Frühjahr 2005 den Antrag auf Export der 2020 G36-Gewehre nach Mexiko eingereicht hat, beginnt zwischen den beiden Ministerien ein reger Schriftwechsel. Die Wirtschaftsabteilung und das Referat für Globale Fragen des Auswärtigen Amtes sind genauso beteiligt wie die Unterabteilung Außenwirtschaftskontrollen des Wirtschaftsministeriums. Die Beamten stellen Fragen, geben erste Einschätzungen ab, holen Erkundigungen ein.

Am 7. Oktober 2005 – die rot-grüne Bundesregierung ist abgewählt, die neue, schwarz-rote noch nicht offiziell im Amt – zeichnet sich eine erste Tendenz ab. Im Referat Ausfuhrkontrolle, Rüstungsgüter des Wirtschaftsministeriums geht ein Schreiben des Auswärtigen Amtes ein. Darin steht: "Das Auswärtige Amt erhebt gegen die Erteilung einer Genehmigung des oben genannten Antrags aus außenpolitischer Sicht Bedenken."

Der Grund für die ablehnende Haltung des Außenministeriums: Heckler & Koch hatte, wie dies Vorschrift ist, seinem Exportantrag eine von den Mexikanern aufgestellte detaillierte Liste mit den Abnehmern seiner Waffe beigelegt, eine sogenannte Endverbleibserklärung. Darauf stand, die 2020 Gewehre seien für Polizeieinheiten in zehn mexikanischen Bundesstaaten gedacht, unter ihnen die Staaten Chiapas, Jalisco und Chihuahua. Aus diesen Provinzen aber kamen schon damals zahlreiche Berichte über willkürliche Inhaftierungen und Übergriffe durch die dortige Polizei.

"Kein besonderes außenpolitisches Interesse, Gefahr von Menschenrechtsverletzungen", formuliert der Beamte des Auswärtigen Amtes knapp am Ende des Schreibens.

Der Exportantrag von Heckler & Koch wird nicht genehmigt. Es scheint, als gehe die Geschichte des Gewehrs mit der Nummer 85-012252 zu Ende, bevor sie richtig begonnen hat. Denn zu diesem Zeitpunkt ist das Gewehr noch gar nicht gebaut.

Am 3. November 2005 schreibt der Exportbeauftragte von Heckler & Koch einen Brief an einen hochrangigen Beamten des Wirtschaftsministeriums. Er gibt sich besorgt. "Einige langjährige Geschäftspartner" würden sich auf Produkte anderer Waffenhersteller "umorientieren". Heckler & Koch sei daher "auf die angesprochenen Exporte ganz besonders angewiesen. Für einen kurzen Rückruf wäre ich Ihnen sehr dankbar."

Es ist nicht bekannt, ob der Ministerialbeamte den Heckler-&-Koch-Mitarbeiter angerufen hat und, falls ja, was die beiden besprochen haben. Sicher ist nur, dass Heckler & Koch eine neue Liste mit Abnehmern der G36-Gewehre einreicht. Wieder ist von Polizeieinheiten in mexikanischen Bundesstaaten die Rede. Die vom Auswärtigen Amt als "nicht belieferungsfähig" eingestuften Bundesstaaten allerdings sind von der neuen Liste verschwunden.

Am 20. Dezember 2005, im Außenministerium hat gerade Frank-Walter Steinmeier (SPD) sein Amt angetreten, genehmigt die Bundesregierung den Export nach Mexiko. Die 2020 G36-Gewehre dürfen Deutschland verlassen. Heckler & Koch, so geht es aus einem weiteren Dokument hervor, wird für die Waffen rund zwei Millionen Euro von der mexikanischen Regierung erhalten. Ein Gewehr mit der Seriennummer 85-012252 allerdings ist bei dieser Lieferung nicht dabei. Die Geschichte geht noch weiter.

"Krieg gegen die Drogen"

Im Jahr 2006 ruft die mexikanische Regierung offiziell einen "Krieg gegen die Drogen" aus. Die Polizeitruppen verlangen nach weiteren Waffen. Heckler & Koch soll liefern. Das Unternehmen reicht im Bundeswirtschaftsministerium mehrere neue Exportanträge ein. Es geht um weitere 1.500 Gewehre vom Typ G36. Auf der Liste mit den Abnehmern der Waffen findet sich nun auch der Bundesstaat Guerrero im Südwesten des Landes. Es ist die Region, in der das Dorf Petaquillas liegt, in dem Jahre später der gefangene Killer El Talibán sagen wird, das G36 sei sein Lieblingsgewehr gewesen.

Im Herbst 2014 wird der Name Guerrero durch die Weltpresse gehen. Polizisten schießen auf eine Gruppe von Studenten, sie töten sechs Menschen und nehmen 43 weitere fest, die bis heute verschwunden sind. Nach eigenen Aussagen übergaben die Polizisten die Inhaftierten an Auftragskiller einer Drogenbande. Die Waffen der Polizisten wurden später beschlagnahmt, das geht aus Prozessakten hervor, die der ZEIT vorliegen. Auf mehreren Seiten sind die Waffen aufgelistet, die bei der Schießerei im Einsatz waren, unter ihnen sind drei Dutzend G36-Gewehre von Heckler & Koch.

Acht Jahre zuvor, im Frühjahr 2006, als die Polizisten in Guerrero noch nicht über deutsche Gewehre verfügen, der Antrag zu ihrer Belieferung aber schon vorliegt, stufen die Beamten des Auswärtigen Amtes auch Guerrero als einen Bundesstaat mit unsicherer Menschenrechtslage ein, als "nicht belieferungsfähig". Wieder läuft Heckler & Koch Gefahr, seine Gewehre nicht verkaufen zu können. Wieder scheint es, als würde es das Gewehr 85-012252 nie geben.

Die Anträge von Heckler & Koch werden zurückgestellt, sie bleiben liegen, wochenlang, monatelang.

Dann, am 29. August 2006, schickt ein damaliger Mitarbeiter des Unternehmens einer in Mexiko ansässigen Kollegin eine E-Mail. Er schreibt:

"Bitte sprich mit dem Oberst M.", einem hohen mexikanischen Offizier, "und bitte ihn um neue Endbestimmungsbescheinigungen der folgenden Verträge: Nr 039/2006 vom 26.04.2006 (Guerrero durch einen anderen Bundesstaat ersetzen). Nr 074/2006 (Guerrero durch einen anderen Bundesstaat ersetzen)." Und weiter: "Bitte sende dann die Originale per DHL an die HK." HK ist die Abkürzung für Heckler & Koch.

Die mexikanischen Behörden reagieren prompt. Nur einen Tag später, am 30. August, stellen sie tatsächlich eine neue Endverbleibserklärung aus, jenes wichtige Dokument, das der Heckler-&-Koch-Mitarbeiter in seiner E-Mail "Endbestimmungsbescheinigung" nannte. Der Bundesstaat Guerrero taucht nun auf der Liste nicht mehr auf. Die Gewehre, heißt es, seien für Querétaro vorgesehen, einen kleinen Bundesstaat, mehrere Hundert Kilometer weiter nördlich. Unterzeichnet: General Juan Alfredo Oropeza Garnica.

Der General ist heute 72 Jahre alt, ein massiger Mann mit Halbglatze, der mit 15 Jahren Soldat wurde und sich bis ganz an die Spitze des mexikanischen Militärs hocharbeitete. Er wurde schon als künftiger Verteidigungsminister gehandelt, bis er Ende 2006 über einen Skandal um illegal nachgebaute Waffen stolperte und die Armee verlassen musste. Heute trägt er keine Uniform mehr, sondern Anzug und Lackschuhe. Im Sommer 2006 war er noch im Dienst. Auf die Endverbleibserklärung von damals angesprochen, sagt er gegenüber der ZEIT: "Ich habe damals viel unterschrieben, kann sein, dass diese Endverbleibserklärung auch dabei war."

Wusste er denn, dass die Gewehre womöglich in Guerrero landen würden?

Der General Oropeza Garnica zieht es vor, diese Frage weder mit Ja noch mit Nein zu beantworten. Er sagt, die mexikanischen Behörden hielten sich selbstverständlich an getroffene Vereinbarungen. Aber dann fügt er hinzu: "Wenn Deutschland nicht will, dass deutsche Waffen in einigen Teilen Mexikos landen, dann soll es doch einfach gar keine Waffen schicken."

Im Sommer 2006 will Deutschland, dass keine deutschen Gewehre nach Guerrero gelangen. Und es sieht so aus, als sei Heckler & Koch stets gut darüber informiert, was Deutschland will und welche mexikanischen Bundesstaaten die Menschenrechtsexperten des Auswärtigen Amtes als belieferungsfähig einstufen und welche nicht. Und offenbar geht dies einigen Beamten langsam gegen den Strich. So jedenfalls lässt sich ein internes Schreiben des Auswärtigen Amtes an das Wirtschaftsministerium interpretieren, in dem der Exportantrag nach Mexiko ein weiteres Mal diskutiert wird. Darin heißt es: "Es wird gebeten, dieses Schreiben nicht in Kopie der Fa. Heckler und Koch zur Verfügung zu stellen."

Bis zum Jahr 2009 stellt Heckler & Koch mehrere weitere Exportanträge

Das Unternehmen hat nun also die offizielle Bescheinigung der Mexikaner eingereicht, dass die Gewehre nicht in Guerrero zum Einsatz kommen würden. Trotzdem bleiben die Anträge weiter liegen, die Beamten zögern. In dieser Phase, in der das Geschäft auf der Kippe steht, unterläuft Heckler & Koch ein Fehler, der geeignet ist, alle weiteren Lieferungen mit Mexiko zu verhindern: Das Unternehmen beantragt, Ersatzteile und Zubehör für die schon ausgelieferten G36-Gewehre nach Mexiko exportieren zu dürfen. Es geht um Magazine, Tragegriffe, Reinigungsgeräte. Wieder muss Heckler & Koch eine Liste vorlegen, für welche Bundesstaaten die Teile bestimmt sind. Auf der Liste steht auch der Bundesstaat Chiapas.

Wieso Chiapas?

Diese Frage stellen sich damals die Beamten in den Ministerien. Heckler & Koch hatte bescheinigt, dass in diesen Bundesstaat keine Gewehre geliefert würden. In Chiapas dürften sich also gar keine G36-Gewehre befinden, wozu braucht die dortige Polizei dann Ersatzteile?

Jahre später, als längst die Staatsanwaltschaft gegen Heckler & Koch ermittelt, wird ein hochrangiger Mitarbeiter des Unternehmens aussagen, es habe sich um ein harmloses Versehen gehandelt. Im Herbst 2006 aber werden einige Ministerialbeamte misstrauisch. In einer handschriftlichen Notiz wird die Frage aufgeworfen, ob Heckler & Koch womöglich Scheinzertifikate vorgelegt habe.

Im Außenministerium kommt die Idee auf, die deutsche Botschaft in Mexiko-Stadt könne überprüfen, ob G36-Gewehre in Bundesstaaten gelangt seien, für die sie nicht vorgesehen waren. "Botschaft wird gebeten, in geeigneter Weise in Erfahrung zu bringen, ob möglicherweise G36 nach Chiapas, Jalisco oder Chihuahua geliefert wurden", heißt es in einem Fernschreiben des Auswärtigen Amts vom 22. November 2006.

Drei Wochen später, am 13. Dezember, die grammatikalisch ungelenke Antwort aus der deutschen Botschaft: "Der Leiter des Politischen Referats der Botschaft war Ende November in Tapachula, einer Stadt an der Grenze zu Guatemala in Chiapas. Sei es die Polizei des Bundes, sei es die Polizei von Chiapas, sei es die Kommunalpolizei patrouillieren im Straßenalltag mit Gewehren. Dabei wurden keine G-36 Gewehre gesichtet."

Ein einziger Mitarbeiter der Botschaft bekommt bei einem einzigen Besuch in einer einzigen Stadt in einem von drei Bundesstaaten keine G36-Gewehre zu sehen. Es sollte schwerfallen, daraus eine zuverlässige Einschätzung abzuleiten. Das zuständige Referat des Auswärtigen Amts jedoch gibt am 25. Januar 2007 unter Berufung auf das Schreiben der Botschaft die Empfehlung ab, "außenpolitische Bedenken gegen oben angeführte Ausfuhren (...) zurückzustellen".

Jahre später werden zahlreiche Fotos und Filmaufnahmen mexikanische Polizisten zeigen, die durch die Straßen von Chiapas, Jalisco und Chihuahua patrouillieren, bewaffnet mit G36-Gewehren von Heckler & Koch.

Am 20. Februar 2007 erlaubt die Bundesregierung die Ausfuhr der 1.500 Gewehre nach Mexiko, die laut offizieller Endverbleibserklärung nicht für den Bundesstaat Guerrero gedacht sind.

In der Vernehmung der Staatsanwaltschaft wird ein hochrangiger Beamter des Wirtschaftsministeriums später angeben, es sei ihm durchaus bewusst gewesen, dass Heckler & Koch die Gewehre auf unverfängliche Bundesstaaten umverteilt habe. Warum er die Exportgenehmigung trotzdem befürwortete, wird er nicht sagen.

Bis zum Jahr 2009 stellt Heckler & Koch mehrere weitere Exportanträge. Insgesamt genehmigt die Bundesregierung den Verkauf von rund 10.000 Sturmgewehren des Typs G36 nach Mexiko.

Zwischendurch beantragt Heckler & Koch erneut die Lieferung von Zubehör für die bereits ausgelieferten Waffen. Für ein solches Geschäft gilt die Regelung, dass bei einem finanziellen Volumen von weniger als zehn Prozent der ursprünglichen Gewehrlieferung keine eigene Genehmigung nötig ist. Der Verkaufswert des Zubehörs liegt diesmal jedoch weit darüber. Anstatt den Antrag zu prüfen, erhöht das Bundeswirtschaftsministerium die Genehmigungsgrenze in diesem Fall kurzerhand auf dreißig Prozent. Heckler & Koch muss damit keine erneute Liste mit den Bestimmungsorten der Zubehörteile vorlegen. Ein Beamter des Wirtschaftsministeriums schreibt in einer internen E-Mail: "HK sollte jedoch vergattert werden, diese Einzelfallentscheidung nicht im großen Kreis hinauszuposaunen."

G36 ist auch das bevorzugte Gewehr der Bürgerwehr

Der Herstellung des Gewehrs 85-012252 steht nichts mehr im Weg. Im Frühjahr 2009 kommt es in die Welt, am 29. Juni bringt Lufthansa-Flug LH 498/29 die Gewehrkisten über den Atlantik, um 19.05 Uhr Ortszeit landet die Maschine in Mexiko-Stadt. Lastwagen transportieren die Fracht auf ein Gelände des mexikanischen Militärs. Von dort wird sie weiter verteilt. In die Bundesstaaten Chiapas, Jalisco, Chihuahua und Guerrero darf sie offiziell nicht gelangen. Aber was ist diese Zusage wert? "Die Gewehre gehörten jetzt den Mexikanern", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter von Heckler & Koch gegenüber der ZEIT . "Die lassen sich doch nicht sagen, was sie damit machen dürfen."

Manche Beamte der Bundesregierung aber nahmen offenbar an, die mexikanische Innenpolitik lasse sich von Berlin aus steuern. Deshalb ist die Geschichte des Gewehrs 85-012252 auch eine Geschichte über politische Naivität. Die Bundesregierung hatte den Mexikanern auch vorgeschrieben, für jedes neue Gewehr, das ins Land kommt, ein altes zu vernichten. Diese "Neu für Alt" genannte Auflage soll verhindern, dass der Waffenbestand eines Landes wächst. Heute weiß man, dass die Mexikaner sie nicht einhielten. Im Januar 2009 schrieb eine Beamtin des Auswärtigen Amtes in einem internen Vermerk, die letzte Waffenvernichtungsaktion sei bereits drei Jahre her, "und belastbare Informationen zu in naher Zukunft geplanten weiteren Vernichtungsmaßnahmen liegen nicht vor".

Trotzdem wurde das Mexiko-Geschäft nicht infrage gestellt.

Am 19. April 2010 geht bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart eine Anzeige gegen Heckler & Koch ein. Verdacht auf illegale Rüstungsgeschäfte. Die Ermittler nehmen sich des Falls an. Weitere Exporte nach Mexiko werden von der Bundesregierung nicht mehr genehmigt. Etwas mehr als einen Monat später aber, am 26. Mai 2010, schickt ein offenbar schlecht informierter Beamter des Wirtschaftsministeriums eine E-Mail an Heckler & Koch. Unter Bezug "auf unser soeben geführtes Telefonat" teilt er dem Unternehmen detailliert mit, welche mexikanischen Bundesstaaten derzeit von der Bundesregierung als belieferungsfähig eingestuft würden. Fast scheint es, als wolle er eine Anleitung für eine erfolgreiche Antragstellung geben.

Es lässt sich heute nicht mehr genau rekonstruieren, wie die Geschichte des Gewehrs 85-012252 nach der Ankunft in Mexiko weiterging, auf welchem Weg die Waffe in den Bundesstaat Guerrero und in die Hände von El Talibán kam. Das mexikanische Verteidigungsministerium gibt, trotz zahlreicher Anfragen, keine Auskunft. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde das Gewehr 85-012252 einem Polizisten in Guerrero als Dienstwaffe zugeteilt. Ein einfacher Polizist verdient in Mexiko umgerechnet etwa 400 Euro im Monat. Arbeitet er nebenbei für ein Drogenkartell, erhält er ein Mehrfaches. Viele Polizisten führen daher ein Doppelleben. Sie haben zwei Jobs, wie El Talibán, sie sorgen für Recht und Ordnung – und gleichzeitig für gute Geschäfte ihres Kartells. Meistens passt das nicht zusammen. Die Regierung selbst schätzt, dass sich mehr als die Hälfte der örtlichen Polizeikräfte von der Drogenmafia bezahlen lässt.

Vielleicht hat ein solcher Krimineller in Uniform die Waffe mit der Nummer 85-012252 an das Kartell Sur weitergegeben, dem El Talibán angehört. Vielleicht hat es ein Kämpfer der Mafia einem Polizisten gewaltsam abgenommen. Nichts davon war unwahrscheinlich, als das Gewehr deutschen Boden verließ.

Schärfere Konturen gewinnt der Weg der Waffe erst wieder im Jahr 2014. Damals, sagt El Talibán, habe er das Gewehr von seinem Boss bekommen, genannt "El Oso", der Bär. Ein Jahr lang hat er es getragen, nun liegt es in einem Holzschrank in der improvisierten Wache der Bürgerpolizei, neben Patronen, kiloschweren Paketen Marihuana und einer Pistole der Marke Beretta, alles von der Bürgerwehr beschlagnahmt.

Allerdings liegt es nicht immer dort. Das G36 war nicht nur die Lieblingswaffe von El Talibán, es ist auch das bevorzugte Gewehr der Bürgerwehr. Offiziell dürfen ihre Leute eine Waffe solchen Kalibers nicht tragen, aber die Bürgerwehr hat nicht einmal genug Geld, um ihren Freiwilligen richtige Uniformen zu kaufen, sie ist froh über jede Waffe, die sie nicht bezahlen muss. "Ist es da nicht legitim, dass wir das Gewehr für Patrouillen benutzen?", fragt einer der Bürgerpolizisten.

In den vergangenen Monaten kam es in dem Dorf Petaquillas immer wieder zu Gefechten zwischen der Bürgerwehr und den Drogenkartellen, mehrere Menschen wurden getötet. Man kann davon ausgehen, dass das deutsche Gewehr mit der Nummer 85-012252 noch viele Schüsse abgeben wird.

Die Ermittlungen der deutschen Staatsanwaltschaft gegen Heckler & Koch dauern an, seit fünf Jahren. Noch immer, so die Staatsanwaltschaft, sei nicht sicher, ob Anklage erhoben wird. Eine andere Entscheidung aber ist schon gefallen. Das deutsche Verteidigungsministerium hat bei einem deutschen Unternehmen ein neues Gewehr für die Bundeswehr bestellt, als Ersatz für das G36. Der Auftrag ist mit 18 Millionen Euro dotiert.

Das Unternehmen ist Heckler & Koch.

Multimedia-Dokumentation zum Thema: www.toedliche-exporte.de